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Morgan-Stanley-Deutschland-Chef Dirk Notheis "Fahrt im Grenzbereich"

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Morgan Stanley war in die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und Volkswagen sowie in den Kampf um Opel involviert. Zurzeit sind Sie am Umbau des vormaligen Merckle-Imperiums durch den Verkauf und die Kapitalerhöhung von HeidelbergCement beteiligt. Der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle hatte sich umgebracht, nachdem er Millionen durch Geschäfte mit VW-Aktien verlor. Haben solche Entwicklungen Ihr Bild von Familienunternehmen verändert?

Eine solch verkürzte Debatte wird dem Einzelfall nicht gerecht. Richtig ist, dass Familienunternehmen mehr denn je auch als aktive Spieler an den Kapitalmärkten auftreten und die schier unbegrenzte Liquidität der vergangenen Jahre für sich genutzt haben. Dies hat offensichtlich Umdenkprozesse und eine neue Offenheit für die Instrumente des Kapitalmarkts zur Folge. Und das ist, von tragischen Fällen abgesehen, auch eine gute Entwicklung. Anderenfalls werden deutsche Unternehmen ihre Spitzenstellung, die sie auf globalen Märkten haben, nicht halten können.

So einfach lassen wir Sie nicht über Merckle, Schaeffler und Porsche hinweghuschen. Sehen Sie nicht auch die Schäden, die Anleger, Banken und Betroffene davontrugen, weil Familienunternehmer sich exzessiv der Instrumente des Kapitalmarktes bedient haben?

Die Tatsache, dass die Finanztransaktionen von Porsche und Schaeffler noch nicht oder nur zum Teil erfolgreich waren, ficht doch die strategische Logik dahinter nicht an. Beide Deals ergeben strategisch durchaus Sinn. Das wird sich in der Retrospektive zeigen, da bin ich mir sicher. Dass das komplette Wegbrechen der Kapitalmärkte zu einer krisenhaften Zuspitzung führen würde, konnte so doch keiner vorhersehen.

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    Dass sich die Schaefflers, Porsches und Piëchs über Optionsgeschäfte an zwei Dax-Konzerne anschlichen und ausländische Investoren Deutschland deshalb als Bananenrepublik verspotteten, macht Ihnen nichts?

    Den ausländischen Kritikern zumeist angelsächsischer Provenienz ist entgegenzuhalten, wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Dass das Vorgehen grundsätzlich legal war, glaube ich, ist unbestritten. Ob es in jeder Facette einer juristischen Nachbetrachtung standhält, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen. Ich glaube aber, wir müssen uns daran gewöhnen, dass künftig nicht mehr zwangsläufig der Große den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen schlucken wird und dass ihm der Kapitalmarkt auch die notwendigen Mittel dafür zur Seite stellt. Das finde ich grundsätzlich keinen Fehler.

    Auch wenn am Ende dadurch Unternehmen entstehen, die finanzwirtschaftlich betrachtet Scherbenhaufen sind, die von anderen aufgekehrt oder nur aus Angst vor Milliarden-Abschreibungen zusammengehalten werden müssen?

    Einige Fälle sind sicherlich Produkte des Hypes und des anschließenden Zusammenbruchs der Finanzmärkte. Dass Unternehmen für solche Übernahmeversuche so viel Geld zur Verfügung gestellt bekommen, sehe ich in absehbarer Zeit nicht mehr. Das war eine Fahrt im Grenzbereich. Die strategische Überlegung dahinter aber bleibt richtig. Die Eigentümerfamilien von Porsche etwa besitzen anstelle eines kleinen isolierten Sportwagenherstellers heute einen signifikanten Anteil am bestaufgestellten Automobilhersteller der Welt. Das ist doch ein insgesamt sehr gutes Ergebnis.

    Ohne Milliarden Fremdkapital von Anlegern oder Banken aufs Spiel zu setzen, hätte das nie funktioniert. Ist das gut so?

    Es waren jeweils individuelle Kreditentscheidungen qualifizierter Marktteilnehmer, für die sie auch die Konsequenzen zu tragen haben. Ich gebe Ihnen aber insofern recht, als es die Kernfunktion des Marktes sein muss, über das gesamte Drehzahlspektrum und nicht nur im Grenzbereich Liquidität bereitzustellen.

    Entscheidend zur Finanzkrise haben die Ratingagenturen beigetragen, indem sie die heute toxischen Wertpapiere und verbrieften Kredite zu positiv bewerteten.

    Wir müssen hier zu einer Neuordnung kommen, die vor allem auf Unabhängigkeit und Qualifizierung der Ratingagenturen setzt. Das Hase-und-Igel-Spiel haben wir schon einmal verloren. Wir können uns dies kein zweites Mal leisten.

    Besonders betroffen von den toxischen Wertpapieren sind in Deutschland die Landesbanken. Die Milliardenabschreibungen haben endgültig gezeigt, wie sehr es diesen Instituten an einem nachhaltigen Geschäftsmodell fehlt. Wie sieht die Landesbankenszene in vier, fünf Jahren aus?

    Ich bin im Gegensatz zu vielen Mutmaßungen in den Medien nicht der Überzeugung, dass es in fünf Jahren nur noch ein oder zwei Mega-Landesbanken in Deutschland geben wird.

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