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Muhammad Yunus Der Nimbus des Nobelpreisträgers verblasst

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Yunus Quelle: Grameen

Ziemlich schnell erzielen die Unter-nehmen allerdings einen Image-Gewinn: Denn die Kooperation mit Yunus sorgt gleich weltweit für Aufmerksamkeit. Spätestens seit dem Friedensnobelpreis, den Yunus 2006 erhielt, avancierte er zu einer globalen Berühmtheit. Ausgangspunkt seines Erfolgs war die Grameen Bank, übersetzt: Dorfbank, die er 1983 gründete. Yunus half Millionen von Menschen, sich aus der Armut zu befreien und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Vom Kleinkredit der Grameen Bank können die Kreditnehmer etwa eine Kuh erwerben und anschließend die Milch verkaufen. Bis heute zählt die Bank über sechs Millionen Kunden. 97 Prozent davon zahlen ihren Kredit zurück.

Doch Yunus wollte mehr. Deshalb gründete er weitere Unternehmen, die sich inzwischen zu einem kleinen Imperium ausgewachsen haben (siehe Grafik links). Über die Firmengruppe verschafft Yunus den Armen günstige Mobiltelefone, betreibt Kliniken und sorgt für sauberes Wasser.

Yunus’ erste große Unternehmenskooperation ist ein Projekt mit dem französischen Nahrungsmittelriesen Danone. Mit ihm zusammen entwickelt er einen Joghurt, dem Eisen, Vitamine, Kalzium, Jod und Zink beigemengt sind. Die Hälfte der Kinder in Bangladesch leidet an Mangelernährung. Grameen Danone, so heißt das Gemeinschaftsunternehmen, zog eine Fabrik in Bogra, westlich von Dhaka, hoch, baute ein Händlernetz auf und schulte Verkäuferinnen, die mit dem Joghurt „Shokti Doi“ von Tür zu Tür ziehen.

Zunächst ließ sich auch alles gut an. Doch dann zeigte sich, dass die Fabrik-manager die Auswirkungen der Globalisierung unterschätzt hatten. Als von 2006 an die Milchpreise weltweit stiegen, geriet die Kalkulation der Joghurtproduktion -nahezu aus den Fugen. Yunus setzte eine Preiserhöhung durch, schließlich sei ein soziales Unternehmen keine Wohltätigkeitsorganisation. Daraufhin stürzten die Verkaufszahlen ab, in ländlichen -Regionen um bis zu 80 Prozent. Grameen Danone nahm dort die Preiserhöhung größtenteils zurück, verkleinerte aber die Joghurtbecher. Mittlerweile – nach vier Jahren – steht das Gemeinschaftsunternehmen immerhin kurz vor der -Gewinnschwelle.

Auf Eis liegt derzeit ein Projekt mit der BASF. Zusammen wollten Yunus und der Ludwigshafener Konzern Portionsbeutel mit Vitaminen produzieren, um die Mangelernährung im Lande zu bekämpfen. Die Behörden wollten die abgepackten Nahrungsergänzungsmittel genauso intensiv prüfen wie ein Arzneimittel – und untergruben so die Geschäftsidee. „Es dauerte zu lange, die Genehmigung zu bekommen“, sagt Konzernchef Hambrecht.

Langen Atem braucht Yunus auch bei seiner gemeinsamen Moskitonetz-Produktion mit BASF. Die Netze sind aus einem neuartigen Polyestergarn, das ein eingebettetes Insektizid langsam freisetzt. Das Unternehmen namens BASF Grameen will in vier Jahren schwarze Zahlen schreiben, sagt die Asien-Managerin Saori Dubourg, die für die BASF das Projekt mitverantwortet.

Herausforderung für Adidas

Bis dahin steigt zumindest der Erkenntnisgewinn: „Wir lernen in Bangladesch viel über die Preisbereitschaft der Verbraucher und die Distributionskanäle in Schwellenländern und der Dritten Welt“, sagt Dubourg. Für den Ludwigshafener Konzern wird das Geschäft jenseits der klassischen Industrieländer immer wichtiger.

In diesem Jahr will BASF Grameen mit der Produktion der Netze beginnen, die Fabrikeröffnung ist für das erste Halbjahr geplant. Die Ludwigshafener sorgen für das technische Know-how, Grameen für das Wissen über den Markt vor Ort.

Bei Adidas soll es gleichfalls in diesem Jahr so weit sein, dass der Konzern in Bangladesch mit der Massenproduktion der Billigschuhe beginnt. Doch ob die Schuhe tatsächlich – wie von Yunus angekündigt – nur einen Dollar kosten werden, ist offen. Die Adidas-Manager sind noch dabei, die Produktionskosten zu kalkulieren. Die Herzogenauracher wollen die Schuhe unter ihrer Marke Reebok in Bangladesch verkaufen – der Name Reebok ist dort bekannter als Adidas. Zum Bestandteil der Kollektion sollen die Schuhe allerdings nicht werden; Adidas will schließlich nicht zum Billiganbieter werden.

Die ehrgeizigsten Pläne verfolgt Yunus gemeinsam mit Otto. Zusammen wollen der Sozialunternehmer und der Handelskonzern eine Textilfabrik in Bangladesch hochziehen, die gegen Jahresende in Betrieb gehen soll. Monatlich sollen dort bis zu 250 000 Kleidungsstücke produziert werden. Der Clou: Die Fabrik gehört einem Treuhändergremium, das die Interessen der armen Bevölkerung vertreten soll. Ein Großteil der Gewinne soll dazu verwandt werden, in die Gesundheit und Bildung der Mitarbeiter zu investieren. Das Projekt ist ganz im Sinne von Eigentümer Michael Otto, der sich seit Jahren sozial und ökologisch engagiert.

Yunus? Findet Otto gut. Auch Adidas-Boss Hainer und BASF-Chef Hambrecht klingen immer noch begeistert, wenn sie über ihre sozialen Projekte berichten – auch wenn dort nicht alles rund läuft.

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