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Muhammad Yunus Der Nimbus des Nobelpreisträgers verblasst

Absage in Davos, Kritik am Umgang mit Hilfsgeldern, Probleme mit Firmen: Der Nimbus des Friedensnobelpreisträgers und Unternehmers verblasst.

Muhammad Yunus Quelle: REUTERS

Von diesem Mann schwärmen Deutschlands Konzernchefs. „Es war ein Geschenk, ihn zu treffen“, sagt der BASF-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hambrecht. Adidas-Boss Herbert Hainer ist fasziniert von dieser „beeindruckenden Persönlichkeit“. Und Michael Otto, Eigentümer des gleichnamigen Handelsunternehmens, stellte schnell eine „Übereinstimmung im Geiste“ fest.

Das Lob gilt Muhammad Yunus, dem Friedensnobelpreisträger aus Bangladesch, der die Mikrokredite für die Dritte Welt erfunden hat. Längst hat Menschenfänger Yunus die Top-Manager überzeugt und eingespannt: BASF, Adidas und Otto investieren in diesem Jahr in Bangladesch – um die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort zu verbessern.

Im Kreis der Top-Manager war Yunus im vergangenen Jahr ein gefeierter Star auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Dieses Jahr ist das anders. Seine Reise nach Davos, wo sich die globale Führungselite vom 26. Januar an trifft, hat Yunus kurzfristig abgesagt – wegen anderer terminlicher Verpflichtungen.

Womöglich will sich Yunus vor der zunehmenden öffentlichen Kritik schützen. Der charismatische Kämpfer wirkt angeschlagen. Seine Idee, Armen mit winzigen Krediten aus der Armut zu helfen, ist in Verruf geraten, seitdem Yunus immer mehr Nachahmer gefunden hat und vor allem indische Finanzinstitute ihre Darlehensnehmer mit überzogenen Konditionen in den Selbstmord trieben. In seinem Heimatland muss sich der 70-Jährige derzeit gegen Anschuldigungen wehren. Bangladeschs einziger Popstar ist dort vielen Politikern zu populär geworden. Sie werfen ihm vor, vor zwölf Jahren Hilfsgelder zweckentfremdet zu haben. Yunus weist die Vorwürfe als unbegründet zurück.

Mit der BASF will Yunus Moskitonetze herstellen

Zuweilen rumpelt es auch in seinem zweitem Geschäftsfeld – bei den sozialen Unternehmen, die Yunus etwa zusammen mit Adidas, BASF, Otto oder Danone gegründet hat. Ihr Ziel ist es, die Lebensbedingungen der armen Bevölkerung Bangladeschs zu verbessern – und dafür Produkte zu erschwinglichen Preisen zu liefern. Mit der BASF will Yunus Moskitonetze herstellen. Zusammen mit Danone verkauft er bereits einen Joghurt mit wichtigen Nährstoffen – um die Mangelernährung im Lande zu bekämpfen. Und da viele Bangladeschis barfuß laufen und sich so gefährliche Krankheiten zuziehen, soll Adidas demnächst Billigschuhe liefern.

Bis der gute Zweck erreicht ist, dauert es aber schon mal etwas länger. Das gemeinsame Unternehmen mit dem französischen Nahrungsmittelkonzern Danone geriet in finanzielle Probleme, nachdem die Manager zunächst den Markt falsch eingeschätzt hatten. In anderen Fällen unterschätzte der ehemalige Wirtschaftsprofessor Yunus die Folgen der Bürokratie.

Adidas-Manager klagen über hohe Importzölle, BASF-Chef Hambrecht über langwierige Genehmigungsprozeduren. Weil sich die Vorbereitungen zu lange hinzogen, stoppte die BASF erstmal die geplante Produktion von Vitamin-Portionsbeuteln gegen Mangelernährung. Yunus gibt zu: „Oft vergehen Monate, ohne dass eine Entscheidung fällt. Und wir sitzen da und können nichts tun.“

Zwar sollen die sozialen Gemeinschaftsunternehmen nicht unbedingt Riesengewinne machen. Erfahrungsgemäß vergehen aber erst einmal ein paar Jahre, bis Überschüsse anfallen. Die dürften BASF, Adidas oder Danone ohnehin nicht ausschütten, sondern müssen sie gleich wieder investieren – zum Ausbau der Fabriken und zum Wohle der Menschen. So wollen es die Regeln, die Yunus aufgestellt hat. Ziel ist es aber, dass sich die Betriebe selbst tragen und Gewinne erwirtschaften.

Yunus Quelle: Grameen

Ziemlich schnell erzielen die Unter-nehmen allerdings einen Image-Gewinn: Denn die Kooperation mit Yunus sorgt gleich weltweit für Aufmerksamkeit. Spätestens seit dem Friedensnobelpreis, den Yunus 2006 erhielt, avancierte er zu einer globalen Berühmtheit. Ausgangspunkt seines Erfolgs war die Grameen Bank, übersetzt: Dorfbank, die er 1983 gründete. Yunus half Millionen von Menschen, sich aus der Armut zu befreien und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Vom Kleinkredit der Grameen Bank können die Kreditnehmer etwa eine Kuh erwerben und anschließend die Milch verkaufen. Bis heute zählt die Bank über sechs Millionen Kunden. 97 Prozent davon zahlen ihren Kredit zurück.

Doch Yunus wollte mehr. Deshalb gründete er weitere Unternehmen, die sich inzwischen zu einem kleinen Imperium ausgewachsen haben (siehe Grafik links). Über die Firmengruppe verschafft Yunus den Armen günstige Mobiltelefone, betreibt Kliniken und sorgt für sauberes Wasser.

Yunus’ erste große Unternehmenskooperation ist ein Projekt mit dem französischen Nahrungsmittelriesen Danone. Mit ihm zusammen entwickelt er einen Joghurt, dem Eisen, Vitamine, Kalzium, Jod und Zink beigemengt sind. Die Hälfte der Kinder in Bangladesch leidet an Mangelernährung. Grameen Danone, so heißt das Gemeinschaftsunternehmen, zog eine Fabrik in Bogra, westlich von Dhaka, hoch, baute ein Händlernetz auf und schulte Verkäuferinnen, die mit dem Joghurt „Shokti Doi“ von Tür zu Tür ziehen.

Zunächst ließ sich auch alles gut an. Doch dann zeigte sich, dass die Fabrik-manager die Auswirkungen der Globalisierung unterschätzt hatten. Als von 2006 an die Milchpreise weltweit stiegen, geriet die Kalkulation der Joghurtproduktion -nahezu aus den Fugen. Yunus setzte eine Preiserhöhung durch, schließlich sei ein soziales Unternehmen keine Wohltätigkeitsorganisation. Daraufhin stürzten die Verkaufszahlen ab, in ländlichen -Regionen um bis zu 80 Prozent. Grameen Danone nahm dort die Preiserhöhung größtenteils zurück, verkleinerte aber die Joghurtbecher. Mittlerweile – nach vier Jahren – steht das Gemeinschaftsunternehmen immerhin kurz vor der -Gewinnschwelle.

Auf Eis liegt derzeit ein Projekt mit der BASF. Zusammen wollten Yunus und der Ludwigshafener Konzern Portionsbeutel mit Vitaminen produzieren, um die Mangelernährung im Lande zu bekämpfen. Die Behörden wollten die abgepackten Nahrungsergänzungsmittel genauso intensiv prüfen wie ein Arzneimittel – und untergruben so die Geschäftsidee. „Es dauerte zu lange, die Genehmigung zu bekommen“, sagt Konzernchef Hambrecht.

Langen Atem braucht Yunus auch bei seiner gemeinsamen Moskitonetz-Produktion mit BASF. Die Netze sind aus einem neuartigen Polyestergarn, das ein eingebettetes Insektizid langsam freisetzt. Das Unternehmen namens BASF Grameen will in vier Jahren schwarze Zahlen schreiben, sagt die Asien-Managerin Saori Dubourg, die für die BASF das Projekt mitverantwortet.

Herausforderung für Adidas

Bis dahin steigt zumindest der Erkenntnisgewinn: „Wir lernen in Bangladesch viel über die Preisbereitschaft der Verbraucher und die Distributionskanäle in Schwellenländern und der Dritten Welt“, sagt Dubourg. Für den Ludwigshafener Konzern wird das Geschäft jenseits der klassischen Industrieländer immer wichtiger.

In diesem Jahr will BASF Grameen mit der Produktion der Netze beginnen, die Fabrikeröffnung ist für das erste Halbjahr geplant. Die Ludwigshafener sorgen für das technische Know-how, Grameen für das Wissen über den Markt vor Ort.

Bei Adidas soll es gleichfalls in diesem Jahr so weit sein, dass der Konzern in Bangladesch mit der Massenproduktion der Billigschuhe beginnt. Doch ob die Schuhe tatsächlich – wie von Yunus angekündigt – nur einen Dollar kosten werden, ist offen. Die Adidas-Manager sind noch dabei, die Produktionskosten zu kalkulieren. Die Herzogenauracher wollen die Schuhe unter ihrer Marke Reebok in Bangladesch verkaufen – der Name Reebok ist dort bekannter als Adidas. Zum Bestandteil der Kollektion sollen die Schuhe allerdings nicht werden; Adidas will schließlich nicht zum Billiganbieter werden.

Die ehrgeizigsten Pläne verfolgt Yunus gemeinsam mit Otto. Zusammen wollen der Sozialunternehmer und der Handelskonzern eine Textilfabrik in Bangladesch hochziehen, die gegen Jahresende in Betrieb gehen soll. Monatlich sollen dort bis zu 250 000 Kleidungsstücke produziert werden. Der Clou: Die Fabrik gehört einem Treuhändergremium, das die Interessen der armen Bevölkerung vertreten soll. Ein Großteil der Gewinne soll dazu verwandt werden, in die Gesundheit und Bildung der Mitarbeiter zu investieren. Das Projekt ist ganz im Sinne von Eigentümer Michael Otto, der sich seit Jahren sozial und ökologisch engagiert.

Yunus? Findet Otto gut. Auch Adidas-Boss Hainer und BASF-Chef Hambrecht klingen immer noch begeistert, wenn sie über ihre sozialen Projekte berichten – auch wenn dort nicht alles rund läuft.

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