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Multiline Der Einkleider der Nation

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Ghassan Arab mit Bill Clinton Quelle: Multiline

Arabs Reich mit weltweit 13 000 Beschäftigten erstreckt sich über mehrere Kontinente. Zu dem Konglomerat gehören 35 eigene Fabriken, im syrischen Aleppo, in Dhaka in Bangladesch, im südchinesischen Guangzhou oder in Istanbul in der Türkei. Multiline macht fast alles selbst, produziert Garn, färbt, stickt und beschafft Materialien und Maschinen. In Bangladesch lässt Arab hauptsächlich T-Shirts oder Schlafanzüge produzieren, deren Design und Herstellung wenig aufwendig sind. Unterwäsche hingegen komme vor allem aus Syrien, sagt Arab, weil er dort die geeigneten Maschinen und Mitarbeiter habe. Auch modischere Bekleidung lässt er in seinem Heimatland fertigen, da viele Accessoires wie Knöpfe, Reißverschlüsse und Sonderstoffe aus der nahen Türkei kämen.

Arabs Aufstieg zum Einkleider der Nation ist die Geschichte vom umtriebigen Orientalen, verkörpert in der Webmaschine Baujahr 1948 im Foyer, deren Schiffchen auf seinem Schreibtisch liegt. „Die wollte ich unbedingt hier stehen haben“, sagt er. „An der habe ich als Jugendlicher oft selbst gearbeitet.“

Multiline ist seit drei Generationen ein Familienunternehmen, hinter Arabs Schreibtisch hängen die Schwarz-Weiß-Fotos von Vater Mohamed Baha El-Din und Großvaters Baha. Der heutige Chef kommt im Dezember 1962 als zweitjüngstes von acht Kindern eines Textilfabrikanten in Aleppo in Nordsyrien auf die Welt. „Alle anderen haben studiert. Ich war immer der Malocher“, sagt Arab. Schon als Zehnjähriger habe er sich sein Taschengeld mit Arbeit am Webstuhl verdient, damit er sich Bananen kaufen konnte. Denn der kleine Ghassan ist verrückt nach Bananen, nicht die kleinen billigen aus Syrien, sondern die großen, die importierten, teuren aus Übersee. „Ich liebe Bananen bis heute“, sagt Arab, jeden Tag esse er zwei bis drei.

Kein Slumdog-Millionär

Der Fabrikantenspross geht in Aleppo zur Grundschule, danach aufs Gymnasium und verlässt dieses nach der zehnten Klasse. „Ich habe mehr Zeit in den Fabriken verbracht als in der Schule“, sagt Arab. Der Vater schickt ihn nach Deutschland, nach Aachen, wo gute Bekannte wohnen. Arab lernt fleißig Deutsch in der Volkshochschule, wagt sich auf eine private Wirtschaftsschule in Köln und wechselt auf die Höhere Handelsschule wieder in Aachen. Dort erhält er einen Ausbildungsplatz als Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Firma Casper, einem Hersteller von Laboreinrichtungen und Medizintechnik. In dieser Zeit lernt er seine spätere Frau Jasmin kennen, die in die Parallelklasse der Berufsschule für Bürokaufleute geht.

1988, mit 26 Jahren, ist Arab so weit. Er zieht nach Düsseldorf und gründet Multiline. „Wir haben die Nähe zur Modestadt gesucht“ sagt er, „und natürlich auch zu den großen Handelskunden wie C&A, Karstadt, Metro, Kaufhof oder Tengelmann, die hier und in der Umgebung ansässig waren und sind.“

Der weltläufige Wahl-Rheinländer ist kein Slumdog-Millionär, der sich aus ärmsten Verhältnissen zum Tycoon hocharbeiten musst. Von Anfang an bewegt er sich in den mehr als 100 Jahre alten Fußstapfen, die seine Vorfahren hinterlassen haben. Großvater Baha war 1885 Stofffabrikant geworden und hatte mit seiner Firma Arab Textil in Aleppo den Grundstein für den heutigen Familienkonzern gelegt. Als Arbas Vater Mohamed 1950 die Leitung übernimmt, produziert das Unternehmen bereits auf mehr als 1000 Webstühlen Bekleidung. Als er 1989 stirbt, hat Ghassan gerade damit begonnen, das Textilimperium von Deutschland aus mithilfe von Multiline neu auszurichten.

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