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Murdoch-Imperium Wahnsinn mit Methode

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McMullan liest den Text, schweigt und fasst sich an die Nase. Später sagt er: „Ich finde nicht, dass wir irgendeinen Grund haben, uns zu entschuldigen. Was ist daran falsch, wenn ein paar kluge, investigative Journalisten versuchen, der Polizei dabei zu helfen, das Mädchen zu finden?“ Dass die News of the World die Ermittlungen der Polizei behinderte, ist ihm offenbar egal.

Wenn man die andere Seite der Geschichte hören will, fährt man am besten zurück nach London King’s Cross, zu einem gläsernen Großraumbüro mit Sofas in bunten Ikea-Farben. Es ist die Redaktion des Guardian , des Gegenblatts zur News of the World . David Leigh, Teamleiter für Investigatives, bittet in einen kleinen Konferenzraum mit futuristischen weißen Stühlen. Er lacht, als man ihn fragt, wie es ihm gehe. Der Abhörskandal überschlägt sich, und der Guardian führt die Berichterstattung an. Obwohl Leigh zwanzig Jahre älter ist als McMullan, wirkt er wacher und lebendiger.

Alles ist möglich

„Was soll Murdoch schon leid tun?“, fragt er. „Ihm tut leid, dass er aufgeflogen ist.“ Leigh ist seit vier Jahrzehnten investigativer Journalist. Er hat in jahrelanger Arbeit die Korruption des britischen Rüstungskonzerns BAE enthüllt, zuletzt hat er an WikiLeaks-Dokumenten gearbeitet und den Kollegen Nick Davies bei seinen Enthüllungen zum Abhörskandal unterstützt. Er trägt einen Seitenscheitel und hat eine warme Stimme, die bricht und leiser wird, als er über die Werte seiner Zeitung spricht.

„Ich dachte sehr lange, dass man als Journalist die Welt verändern kann“, sagt er. „Ich habe geglaubt, dass die Menschen etwas verändern würden, wenn sie nur die Wahrheit wüssten. Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher.“ Er wischt mit der Hand über die Tischplatte, so, als wolle er seine Enttäuschung wegwischen. Er fragt sich, was aus dieser neuesten Empörungswelle um Milly Dowler und Rupert Murdoch werden wird: Wird sie auch den Premierminister mit sich reißen? Oder wird sie in der Sommerpause verplätschern? In diesen Wochen ist alles möglich.

Im Grunde ist dies auch eine Geschichte des Enthüllungsjournalismus. Über seine hellen und dunklen Seiten, über die Folgen, die er manchmal hat und oft nicht.

"Die dunklen Künste"

Paul McMullan behauptet von sich, er sei ein Enthüllungsjournalist, weil er Prominente entblößt hat. Telefone abzuhören, Detektive anzustellen, sich einzuschleichen – diese Methoden werden auch „die dunklen Künste“ des Journalismus genannt. David Leigh versteht sich als Enthüllungsjournalist, weil er die Korruption von Firmen und Regierungen offengelegt hat. Er arbeitet dafür mit whistleblowern zusammen, mit Anwälten und Behörden. Er sagt, man könne auch auf legale Art viele Geheimnisse herausfinden.

Beide sagen von sich, es gehe ihnen um „die Mächtigen“. Sie wollen Netzwerke aufbrechen und die Geheimnisse enthüllen, mit denen sich eine Elite vor der Mehrheit schützt. Der Unterschied liegt darin, wie man die Elite definiert. Ist es, wie McMullan sagt, die Riege von hoch bezahlten Promis? Oder sind es, wie Leigh sagt, die Regierenden?

Man würde Rupert Murdoch gern fragen, wie er das Ganze sieht: Ob sein Netzwerk nicht die Führungsriege sei, die es zu enthüllen gelte. Ausgerechnet die, die immer „die da oben“ anprangern, stehen nun selbst als „die da oben“ am Pranger. Murdoch, sagt Leigh, sei in Großbritannien jahrzehntelang eine Art Über-Minister gewesen, so viel Einfluss habe er gehabt.

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