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Musikindustrie Die letzte Schlacht der Plattenkonzerne

EMI vor der Abwicklung, Warner am Rande der Zerschlagung – die wirtschaftliche Lage der Musikkonzerne ist trostlos. Die letzte Hoffnung der Branche ruht ausgerechnet auf Branchenfremden.

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Katy Perry Quelle: Picture-Alliance/DPA

Die Musikindustrie ist bekannt für glamouröse, aufwendige Partys. Und die zum weltweit wichtigsten Branchenpreis Grammy ist die schrillste von allen. Die Bühne des Staples Center in Los Angeles rockten am vergangenen Wochenende die 24 wichtigsten Musikstars der Welt mit dem wohl breitesten Programm in der 53-jährigen Geschichte des Preises: Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger, sexy Ulknudel Katy Perry, die britischen Intelligenzrocker Muse und Teenystar Justin Bieber. Als nach Mitternacht die offizielle Feier endete, ging die Sause auf zig Partys bis in den Morgen weiter.

Bei fast allen war die Partylaune spätestens dann vorbei. Wirtschaftlich gesehen ist die Musikindustrie so ziemlich die trostloseste Branche überhaupt. Die Umsätze sind seit 2010 auf die Hälfte geschrumpft. „Und ihr eröffnen sich wenig rosige Perspektiven“, sagt Martin Fabel, Partner der Beratung A.T. Kearney. Zwar fehlt es der Branche nicht an neuen Ideen, zum Beispiel mehr Konzerten oder dem Verkauf von Fanartikeln. „Doch bislang haben sie die Hoffnungen nicht erfüllt“, sagt Bernd Hocke, General Manager des Hamburger Musikkonzerns Edel. „Die Trendwende rutscht wie der Horizont jedes Jahr ein Jahr nach hinten, und die Einnahmen schrumpfen weiter.“

Und mit ihnen die Musikkonzerne: Zwar haben die Marktführer Universal, Warner, Sony und EMI nach Kräften fusioniert, Leute entlassen und umsatzschwachen Künstlern gekündigt. Trotzdem haben alle das Geschäftsjahr 2010 mit roten Zahlen beendet. EMI steht, knapp 50 Jahre nachdem das Unternehmen mithilfe der Beatles Popmusik zum Welthit gemacht hat, vor der Zerschlagung. Warner aus den USA droht Ähnliches. Dagegen werden die beiden anderen die Krise wohl überstehen, nicht zuletzt, weil sie große Unternehmen im Rücken haben: Sony das gleichnamige Unterhaltungselektronik-Konglomerat, Universal den französischen Medien- und Telekomkonzern Vivendi.

Piraterie als Kavaliersdelikt

Grund für die endlose Elegie der Branche sind die vielen Raubkopien. Auf jedes der in Deutschland 70 Millionen legal gekauften Lieder kommen mindestens sechs illegale. Denn Musikklau gilt bei Fans und Politikern als Kavaliersdelikt. Zwar verschärfen viele Länder die Gesetze gegen illegale Lader. Doch durchgesetzt werden sie oft halbherzig. „Verteile ich vor einem Bahnhofskiosk geklaute Zeitungen, bin ich sofort weg, aber Musikdiebe machen oft jahrelang weiter“, sagt Jasper Jones vom Kölner Diskjockey-Duo Blank & Jones. Nur in Ländern wie Schweden oder Südkorea, wo Musikpiraten der Internet-Anschluss gekappt werden kann, sinken die Umsätze nicht länger oder steigen bereits wieder.

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    Diese Hoffnung hatte vor ein paar Jahren noch die ganze Branche (WirtschaftsWoche 50/2007). Das Interesse an Musik steigt dank Fernsehshows, die hoffnungsvolle Sänger suchen oder wie die US-Serie „Glee“ zum Mitsingen animieren. „Musik ist allgegenwärtig und wird immer intensiver gehört“, sagt Stefan Zarges, Chefredakteur des Branchenblatts „Musikmarkt“.

    In ihrer Not zeigte sich die bis dahin konservative Branche experimentierfreudig, jedoch mit unterschiedlichem Erfolg. „Den Aufbau eigener Musikläden im Internet haben die Plattenkonzerne so lange verzögert, dass am Ende Branchenfremde nun mehr an der Musik verdienen als sie selbst“, sagt Berater Fabel. Zu den Gewinnern zählt zum Beispiel Apple mit dem Internet-Portal iTunes, das mit einer Provision von 30 Prozent vom Verkaufspreis eines Musik-Downloads einen höheren Anteil bekommt als Wettbewerber wie Musicload – und die Plattenfirmen.

    Um nicht ganz abgehängt zu werden, stürzten sich die Plattenfirmen auf die Nischen, die ihnen die großen Online-Musikläden wie Apple und Amazon gelassen haben. So versuchten sie, ihre Hits als Klingeltöne und Wartezeichen für Handys zu vermarkten, oder schnürten für besonders innige Fans eigene Pakete aus Album mit Extras wie exklusiven Liedern oder Bildschirmschonern. Doch vor allem das Geschäft mit Klingeltönen ist seit 2007 fast verschwunden. Seit die Kunden auch MP3-Dateien auf ihr Smartphone laden können, braucht die keiner mehr.

    Wer welchen Anteil am Verkauf von Musik bekommt

    Zumindest teilweise erfüllt haben sich die Hoffnungen der Unternehmen, mit einer Rundum-Betreuung der Künstler – von Konzertveranstaltungen bis zu Werbeverträgen – die Einnahmen zu steigern. Bis vor zehn Jahren genügte es den Konzernen, die CDs ihrer Künstler zu pressen und in die Läden zu bringen. „Das brachte Renditen von 20 Prozent und mehr“, sagt „Musikmarkt“-Manager Zarges. Tourneen und der Verkauf von Fanartikeln wie T-Shirts waren ein Zuschussgeschäft. Das wollten die Plattenfirmen ändern. Doch auch diese Strategie funktioniert inzwischen nur beschränkt. Denn das Geschäft mit den Konzerten stößt früher als gedacht an seine Grenzen. Nicht zuletzt, weil Veranstalter, Plattenfirmen und Künstler die Preise kräftig erhöht haben, ist der Konzertbesuch vielen zu teuer. So sank der Ticketumsatz bei den 50 größten Tourneen des Jahres 2010 um zwölf Prozent.

    Den großen Umschwung verspricht sich die Branche vom Verlagsgeschäft, das die Rechte der Komponisten und Textdichter verwaltet. Einige wie die Bertelsmann-Tochter BMG beschränken sich sogar ganz darauf. Wenn ein Radiosender ein Musikstück spielt oder ein Hotelpianist eine bekannte Melodie anschlägt, klingeln die Kassen. „Das sind immer nur Cent, aber halt verdammt viele Cent“, sagt Jeremy Lascelle, Chef des BMG-Ablegers Chrysalis. Da die Verlage nur einen Teil davon an die Kreativen weiterleiten und geringe Verwaltungskosten haben, schaffen sie am Ende oft Renditen von gut 20 Prozent. Das freut vor allem die Private-Equity-Gesellschaft KKR, der die Hälfte von BMG gehört. „Wir waren mal der debile Cousin, den die Familie verschämt versteckte“, sagt Chrysalis-Chef Lascelles. „Heute sind wir der Musterschüler.“ Dennoch sei auch dies langfristig „zu wenig, um ein Unternehmen zu retten“, sagt Experte Zarges.

    Inzwischen geht der Rückgang der Branche an die Substanz. Aus Geldmangel investieren die Plattenfirmen immer weniger in neue Künstler und bringen sich so um den Nachwuchs. So sank der Umsatz mit Debütanten seit 2003 um 77 Prozent – doppelt so schnell wie mit etablierten Stars. Von den zehn erfolgreichsten Tourneen in 2010 haben mit Lady Gaga und dem Popjazz-Sänger Michael Bublé nur zwei ihre Karriere nach 1990 begonnen.

    Hoffnung auf Hilfe von Außen

    Schäden für die Musikbranche, weltweite Albenverkäufe für Top-Hits, Umsätze mit Musik

    Vielleicht helfen ja auch Branchenfremde den gebeutelten Unternehmen aus ihrer Misere. Einer könnte Rupert Murdoch sein. Der australische Medientycoon ist beteiligt an einem Service namens Beyond Oblivion, bei dem Gerätehersteller gegen einen Aufpreis den Zugang zu einer Musikdatenbank mit verkaufen können. Das Geld erhalten dann die Plattenfirmen.

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      Ein weiterer Helfer könnte Spotify sein, eine Beteiligung des Hongkonger Immobilientycoons La Ka-shing. Der Chinese bietet eine Online-Plattensammlung auf Abruf, bei der sich die Fans aus gut elf Millionen Songs Wunschlisten zusammenstellen und abrufen können. Finanziert wird das über Werbung – oder Monatsbeiträge von zehn Euro für alle, die keine Reklame wünschen. Für jedes abgerufene Stück erhält die Plattenfirma Geld.

      „Das ist zwar noch nicht viel, aber dafür dass es das Angebot erst in ein paar Ländern gibt, ist es für einen Mittelständler wie uns schon ganz ordentlich“, sagt Edel-Manager Hocke. Noch ist Spotify allerdings nicht in Deutschland zu haben, weil sich das Unternehmen – anders als in Schweden oder Großbritannien – nicht mit den Verwaltern der Rechte auf eine angemessene Gebühr einigen konnte.

      Und wenn auch die Branchenfremden nichts bringen? „Musik gab es vor den ersten Schellackplatten“, sagt Siegfried Loch, Inhaber der Jazzfirma ACT, „und es wird sie auch nach dem Ende der CD geben.“

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