WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Nach Wulff-Affäre Unternehmen prüfen Polit-Sponsoring

Nach der Affäre um Christian Wulff unterstützen Unternehmen immer seltener politische Veranstaltungen. Einige tun das heimlich - andere, wie die Deutsche Bahn, stehen offen dazu.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
„Wir wollen aussteigen“ - mit den Worten kündigte Bahn-Chef Rüdiger Grube den Ausstieg des Staatskonzernz aus dem Polit-Sponsoring an. Quelle: dapd

Düsseldorf Die Affäre um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff kam Rüdiger Grube gerade recht, um eine Altlast seiner Vorgänger abzuwerfen. Per Interview kündigte der Bahn-Chef vor wenigen Tagen den Ausstieg des Staatskonzerns aus dem Polit-Sponsoring an. Dabei war er wohl etwas voreilig. Denn das gesprochene Wort in dem Video-Interview der Leipziger Volkszeitung „Wir werden aussteigen“ ließ sich nicht mehr einfangen.

Was genau die Bahn nicht mehr finanziell unterstützt, ist allerdings offen. Einen Leitfaden dafür gibt es noch nicht. Offiziell will die Bahn das Thema nicht kommentieren. Es gebe keinen weiteren Erklärungsbedarf, sagte ein Sprecher. Von wegen. Die Frage, welche Veranstaltungen künftig ohne Bahn-Unterstützung auskommen müssen, interessiert plötzlich alle Parteien - und viele andere deutsche Großunternehmen, die nach der Wulff-Affäre ihre Zuwendungen an die Politik hinterfragen.

Das Thema ist heikel. „Es herrscht heutzutage eine andere Sensibilität“, sagt Frank Behrendt, Vorstand der PR-Beratung Fischer-Appelt. Auch wenn es viele Unternehmen nicht an die große Glocke hängen: „Wir erleben es immer häufiger, dass Unternehmen ihre Engagements im politischen Sponsoring zurückfahren wollen.“

Die Firmen befürchten vor allem eine negative Berichterstattung, wenn Leistung und Gegenleistung beim Polit-Sponsoring in keinem angemessenen Verhältnis stehen. Zudem verbieten die Compliance-Richtlinien - die internen Verhaltensregeln der Unternehmen - oft Zuwendungen an die Politik.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    So gibt es beim Düsseldorfer Henkel-Konzern eine Richtlinie zum Thema Spenden, Sponsoring und Mitgliedschaften. „Die Unterstützung von politischen Parteien oder anderen politischen Zwecken ist darin ausgeschlossen“, teilte ein Sprecher mit.


    „Wir werden das Sommerfest weiter unterstützen“

    Bei den Energiekonzernen liegen die Dinge anders - sie haben im Tagesgeschäft ständig mit Kommunal-, Landes- oder Bundespolitikern zu tun. Deshalb sucht ein Unternehmen wie Eon den Dialog mit der Politik. „In diesem Rahmen sind wir auf Publikumsmessen, Parteitagen, Kongressen und im Hochschulbereich aktiv“, sagte ein Sprecher. Bei Parteitagen zahle Eon eine normale Miete für einen „Dialog-Stand“.

    Für eine Änderung der bisherigen Praxis nach dem Fall Wulff bestehe vor dem Hintergrund der sehr klaren Compliance-Vorschriften „kein Anlass“. So sieht es auch Konkurrent RWE. Bei der Deutschen Telekom, an der der Bund mit 32 Prozent beteiligt ist, gibt es „große politische Sponsorings nicht mehr“, wie ein Sprecher sagte. Gleichwohl tritt der Konzern bei politischen Veranstaltungen wie Parteitagen und Festen der Bundesländer auf. Jedoch hätten diese Auftritte rein werblichen Charakter und dienten der Präsentation der Produkte und Dienstleistungen, betont die Telekom. Aus dem Sponsoring des Sommerfestes des Bundespräsidenten sei die Telekom bereits 2010 ausgestiegen.

    „Solche Überlegungen gibt es bei uns nicht“, sagte hingegen ein Sprecher der Deutschen Post. Nicht nur das Sommerfest des Bundespräsidenten werde man weiter fördern, auch seine Infostände will der Logistikkonzern weiterhin auf den großen Parteitagen platzieren. Es habe sich in der Vergangenheit bewährt, die Politiker dort mit wichtigen Hintergrundinformationen etwa über das Post-Filialnetz zu versorgen. An der Post hält der Bund indirekt 30,5 Prozent.

    Der Versandkonzern Otto hat ebenfalls keine Berührungsängste mit den Vertretern der deutschen Politik: „Wir werden das Sommerfest des Bundespräsidenten weiter unterstützen“, sagte ein Sprecher. „Wir sehen aber, dass es derzeit eine Fluchtbewegung der Wirtschaft gibt, wenn es um das Sponsoring politischer Veranstaltungen geht.“ Jedoch müsse es auch in Zukunft möglich bleiben, „Dialogebenen zu schaffen, auf denen sich Wirtschaft und Politik begegnen“, heißt es aus der Hamburger Otto-Zentrale.

    Was die Deutsche Bahn betrifft, scheint im Moment nur eines klar zu sein: Das Sommerfest des neuen Bundespräsidenten und Parteitage müssen künftig ohne Zuschuss aus dem Bahn-Tower auskommen.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%