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Nachruf Mein Interview mit Gunter Sachs

Ein Treffen, das Manfred Engeser im Gedächtnis blieb: Vor drei Jahren traf der WiWo-Redakteur Gunter Sachs zum Interview – in dem Anwesen, in dem sich Sachs am Wochenende das Leben nahm.

Gunter Sachs im Jahr 2007 Quelle: REUTERS

Er hatte alles minutiös geplant: „Fliegen Sie nach Bern, von dort holt Sie ein Fahrer ab und bringt Sie her“, ließ Gunter Sachs durch seinen Pressemann ausrichten. In sein Chalet nach Gstaad hatte er mich eingeladen, im Sommer 2008, zu einem ausführlichen Gespräch über die Kunst – des Sammelns, des Fotografierens, die Kunst des Lebens. Anreise am Vorabend zum gegenseitigen Beschnuppern und Kennenlernen, Übernachtung im Chalet, am nächsten Tag dann ausführlich Zeit für eine Unterredung unter vier Augen.

Das Aufeinandertreffen mit dem vielzitierten einzigen Playboy Deutschlands war exakt choreografiert, und ich sehr gespannt auf das Treffen mit diesem Mann von Welt. Umso mehr, als der Flug kurzfristig nach Genf umgebucht werden musste. Und Sachs nicht einfach seinen Fahrer umlotste, sondern kurzerhand eine kleine Privatmaschine samt Pilot chartern ließ. Die brachte uns dann in wenigen Minuten über den Genfer See und die Berge, landete auf einer schmalen Piste nahe des Schweizer Örtchens Saanen. Von dort ging es weiter mit dem Wagen durchs malerische Berner Oberland Richtung Gstaad.

Sachs war ein Mann von Welt

Bis es dann, hinter einer letzten Kurve, auftauchte, das riesige Sachssche Chalet, erbaut im 17. Jahrhundert. Ein sonnendurchfluteter Augustabend, den Sachs im Kreise seiner reizenden Frau Mirja, seines Sohnes Halifax und einiger Freunde verbrachte. Und der auch einem Neuling nach herzlicher Begrüßung sofort das Gefühl gab, dazuzugehören.

Von den wortreichen Entschuldigungen ob der Verspätung wollte er kaum etwas wissen – mit der freundlichen Gewandtheit eines Mannes von Welt umhüllte er jeden Gast mit seiner Freundlichkeit wie mit einem warmen Mantel. Groß gewachsen, schlank, lässig gekleidet in weißer Sommerhose, die oberen beiden Knöpfe seines Hemds geöffnet, stand er da vor der Kulisse der Schweizer Berge. Blendend sah er aus mit seinem dichten weißen Schopf, seinen blauen Augen, seinem einnehmenden Lachen.

Ein Aperitif mit Blick auf die Berge, gefolgt von einem Abendessen in geselliger Runde. Schließlich eine Partie Bingo, bei der Sachs selbstverständlich die Rolle des Conferenciers und Preisstifters übernahm. Und penibel darauf achtete, dass wirklich jeder Mitspieler auch einen kleinen Gewinn mitnehmen konnte. Auf dem Weg ins Zimmer, das wegen seiner gewölbten Decke an eine überdimensionale Tonne erinnerte, an den Wänden Kunst aus der berühmten Sachsschen Sammlung  –  noch ein Blick an die Wände: ungezählte Fotografien aus vielen Jahrzehnten eines wilden Lebens: Sachs beim Skifahren, auf Partys, beim Urlaub an der Copa Cabana.

Am nächsten Morgen, geweckt kurz nach sechs Uhr vom Zwitschern der Vögel, ist das Frühstück schon vorbereitet. Sachs hatte wegen Zahnschmerzen schlecht geschlafen, sich noch mal zurückgezogen. Ist aber wild entschlossen, unser lange geplantes Gespräch nicht im letzten Moment platzen zu lassen. Ich bin gespannt darauf, einen Blick hinter die Fassade eines Mannes zu blicken, dessen damals bald 76-jähriges Leben in der Öffentlichkeit gern reduziert wurde auf jene drei Jahre zwischen 1966 bis 1969, die er mit Brigitte Bardot verheiratet war.

Vor dem Diktiergerät hatte er Angst

Doch kaum hatten wir an einem runden weißen Tisch im Wohnzimmer Platz genommen, und uns ein wenig warm geplaudert, zieht sich Sachs zurück wie eine Schnecke in ihr Häuschen: Ein Aufnahmegerät? Undenkbar. „Kein Wort“ bringe er dann heraus, könne nicht frei reden. Das Aufnahmegerät verschwindet schließlich im Flokati –nach einer Weile funktioniert das alte Sprichwort „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch mit einem Mann, der mit Mutter Elinor von Opel und Vater Willy Sachs – sie Urenkelin des Opel-Gründers Adam Opel, er Sohn des Fichtel& Sachs-Mitgründers Ernst Sachs, der Erfinder des Fahrrad-Freilaufs – in einem Schloss bei Schweinfurt aufwuchs, die Schulzeit nach der frühen Trennung der Eltern in diversen Internaten verbrachte und mit dem Auto durch die Wüste fuhr. Der Mathematik und Betriebswirtschaft studierte und mit Kaiserin Soraya flirtete, das verschlafene Fischerdorf Saint Tropez zum Treffpunkt der Reichen und Schönen aus aller Welt machte. Sich selbst als internationaler Playboy inszenierte, als die Deutschen noch vorrangig um die eigene Scholle kreisten. Und durch die Ehe mit Brigitte Bardot die deutsch-französische Aussöhnung in ganz eigener Weise vorantrieb.

Der nach dem Freitod des Vaters 1958 – er schoss sich in seiner Jagdhütte eine Kugel in den Kopf – mit dem Bruder das Unternehmen Fichtel&Sachs erbte, im Aufsichtsrat mitmischte und den Verkauf 1976 an Mannesmann für gut eine halbe Milliarde Mark als beste finanzielle Entscheidung seines Lebens bezeichnete.

Ein Mann, der sich früh für Moderne Kunst interessierte, exzentrischen Künstlern wie Salvador Dalí oder Andy Warhol wie selbstverständlich auf Augenhöhe begegnete. Und eine gigantische, millionenschwere Sammlung moderner Kunst aufbaute, als sich kaum einer für Pop Art interessierte. Der bahnbrechende Sportfilme drehte und als Fotograf weltweite Anerkennung genoss.

Der sich im Alter brennend für Astrologie interessierte. Und sich bei der Fifa dafür einsetzte, die Fußballtore zu vergrößern, um die Zahl der Tore zu erhöhen und das Spiel attraktiver zu machen.

Sachs wollte nicht in einem Käfig leben

Der die Hochzeit mit seiner Frau Mirja, einem schwedischen Model, für seine beste private Entscheidung hielt. Sie war die Frau seines Herzens, mit der er mehr als 40 Jahre verheiratet bleiben sollte – bis zu seinem Freitod am vergangenen Wochenende, mit dem der Großmeister des selbstbestimmten Lebens einem Ende vorgreifen wollte, das er wegen einer befürchteten Alzheimer-Erkrankung nicht mehr in der Hand haben würde. Seine offenbar größte Angst: Ein Leben in Abhängigkeit, gefangen im Käfig einer Krankheit, die ihm die Möglichkeit nehmen würde, selbst über seine Zukunft zu entscheiden.

Wie unbändig sein Drang war, seinen Willen durchzusetzen, wurde auch im Anschluss an unser Interview deutlich: „Die Tonbandaufnahme vernichten Sie bitte nach Erscheinen des Interviews“, gab Sachs mir noch mit auf den Rückweg. Und schickte vier Wochen später eine letzte E-Mail mit seinen Anmerkungen zum Text („unser gemeinsames Interview“).

Sein elektronischer Absender: Dracula.

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