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Nahrungsmittel Lebensmittelwerbung wird zum EU-Bürokratiemonster

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Bionade: Die Brause darf nicht Quelle: AP

Was für ein wahnwitziges Verfahren die EU-Verordnung auslösen würde, war wohl niemandem bewusst. „Die Kommission hatte völlig naiv mit 100 Claims gerechnet“, erinnert sich die Europaabgeordnete Sommer. Stattdessen haben Europas Unternehmen 44.000 solcher Claims eingereicht. Die Kommission hat den Stapel immerhin auf 4185 geschrumpft, indem sie artverwandte Slogans zusammenfasste. Aber in der Eile ist wohl einiges durchgerutscht, wahrscheinlich müssen noch 300 bis 500 Claims an die Efsa nachgereicht werden. Frühestens in zwei Jahren ist der Stapel abgearbeitet, so lange herrscht für die Unternehmen Unsicherheit.

Bei der Efsa spricht die zuständige Abteilungsleiterin, die Bayerin Juliane Kleiner, von einer „Herkulesarbeit“. Efsa-Insider sagen, dass es für manche Fachgebiete gar nicht ausreichend Experten in der Behörde gibt. Trotzdem fordert die Efsa harte Beweise, ehe sie einen Slogan genehmigt, der ein Produkt als gesundheitsfördernd anpreist. „Die Wissenschaft muss überzeugt sein, dass ein kausaler Zusammenhang besteht“, betont Kleiner.

Den klaren Beleg für eine gesundheitsfördernde Wirkung sehen die Prüfer aber oft nicht. Von den ersten 523 Slogans die sie prüften, ließen sie im Oktober zwei Drittel glatt durchfallen. Manche Unternehmen hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, wissenschaftliche Studien hinzuzufügen, sondern verwiesen auf Bräuche und altes Heilkundewissen. So schrieb ein Hersteller, dass der Nutzen von Granatäpfeln schon in der Bibel gepriesen werde.

Nahrungsmittelhersteller sind von der strengen Auslese überrascht

Experten gehen davon aus, dass in den nächsten Runden noch mehr Slogans zurückgewiesen werden, weil sich die Behörde zunächst Stoffe herausgepickt hat, deren Wirkung wissenschaftlich gut belegt ist, etwa Vitamine und Mineralstoffe. „Die Durchfallquote wird höher“, prognostiziert Albert Bär von der Lebensmittelberatung Bioresco. Im Februar steht die nächste Veröffentlichung an.

Die Lebensmittelbranche hatte nicht erwartet, dass die EU-Behörde in Parma so radikal die Werbesprüche kippen würde. Erstaunt beobachten Unternehmen, dass die Efsa Lebensmittel untersucht, als ob es sich um Medikamente handele und damit Gesundes allzu schnell aussortiert. „Eine Substanz, ein physiologischer Effekt, ein Befund – so funktioniert das leider nicht bei Lebensmitteln“, sagt der studierte Toxikologe Bär. Nach solchen Maßstäben gelte nur noch die Hälfte aller Äpfel als gesund.

Vor allem die Hersteller von Functional Food, also Nahrungsmitteln, die explizit produziert wurden, um die Gesundheit zu steigern, sind von der strengen Auslese überrascht. „Alle hatten die Hoffnung, dass es nicht so schlimm werde“, beobachtet der auf Lebensmittelrecht spezialisierte Anwalt Alfred Hagen Meyer in München. Die Lobbyisten der Großindustrie hatten die EU-Kommission sogar lange aktiv unterstützt, weil sie glaubten, die Konzerne besäßen ausreichend Ressourcen, um wissenschaftliche Studien in Auftrag geben zu können. Kleinere Konkurrenten, so das Kalkül der Multis, hätten damit eher Probleme.

Nun stellt selbst ein Konzern wie Danone fest, dass die Zulassung doch nicht so einfach zu haben ist wie erwartet. Im April hat der französische Multi einen Antrag zu seinem Blockbuster Actimel zurückgezogen. Der überzuckerte Joghurtdrink, mit dem Danone weltweit schätzungsweise eine Milliarde Euro im Jahr Umsatz macht, soll – so suggeriert die Werbung – die Abwehrkräfte aktivieren. Auch zwei Claims zum probiotischen Joghurt Activia hat der Multi zurückgezogen. In Kürze will Danone die Claims nun mit zusätzlichen Daten einreichen und gibt sich zuversichtlich, den Segen der Efsa zu bekommen.

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