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Nahrungsmittel Lebensmittelwerbung wird zum EU-Bürokratiemonster

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Viba-Riegel: Getrocknete Früchte im Riegel enthalten viele Vitamine, aber zu viel Zucker

Das ist überraschend, denn in den USA hat Danone seine Werbung gerade umgestellt. Der Konzern reagierte auf eine Sammelklage gegen die Gesundheitsversprechen von Activia mit einem Vergleich in Höhe von 35 Millionen Dollar, dem größten Vergleich, der je bei falscher Werbung in der Lebensmittelbranche geschlossen wurde. US-Verbraucher, die sich von der Werbung getäuscht sahen, bekommen jeweils bis zu 100 Dollar. Danone wird in den USA, das Wort Immunität künftig nicht mehr auf die Packung von Joghurts drucken und keinen positiven Effekt des Produkts auf das Immunsystem des Verdauungstrakts versprechen.

Beobachter gehen jedoch davon aus, dass Danone in Europa die Werbung beibehalten kann – was zeigt, wie absurd das politische Unterfangen ist. Trotz überbordender Bürokratie sind europäische Verbraucher künftig wohl kaum besser geschützt als amerikanische. Danone, so sagen Beobachter, sei optimistisch, den Segen der europäischen Behörde zu bekommen, weil das Unternehmen bereits eine Strategie habe. „Danone wird so lange mit der Efsa diskutieren, bis der Konzern die Genehmigung bekommt“, sagt ein Experte. Mittelständlern dagegen wird es schwerfallen, wissenschaftliches Material nachzuliefern und Personal für die Diskussionen mit der Behörde in Parma abzustellen.

Genau das ist die Ausweichstrategie, auf die sich die Unternehmen nun stürzen – mit einem Nachteil. Sie funktioniert nicht für die Kleinen. „Studien kosten schnell mal drei bis vier Millionen“, sagt Karl Heinz Einhäuser, Geschäftsführer des thüringischen Früchteriegelherstellers Viba mit 100 Mitarbeitern. „Wir können es uns nicht leisten, ein Projekt auf die Beine zu stellen.“ Viba kann auch keine hauseigenen Forscher beauftragen. „Das Gesetz bevorzugt Konzerne wie Nestlé und Unilever mit einer eigenen Forschungsabteilung“, sagt Einhäuser.

Kleinere Hersteller wunder isch über Willkür der EU-Verordnung

Der Mittelständler mit 17 Millionen Euro Umsatz produziert seit 40 Jahren Nussriegel. Aber die getrockneten Früchte in den Riegeln enthalten zu viel Zucker, um für die Bürokraten noch als gesund zu gelten. Deswegen darf Viba künftig nicht mehr damit werben, dass die Riegel mit Vitaminen angereichert sind. „Dann müssten wir in gleicher Größe 35 Prozent Zucker auf die Verpackung schreiben“, sagt Einhäuser. Er hat bei der zuständigen EU-Kommissarin Androulla Vassiliou angeregt, zwischen Zucker und Fruchtzucker zu unterscheiden – ohne Erfolg.

Einhäuser wird künftig darauf verzichten, auf die Vitamine in seinen Riegeln hinzuweisen. Er befürchtet, dass die Konkurrenz ihn dann vor Gericht zerren würde. In der Lebensmittelbranche wird nämlich sehr gern geklagt. So darf der Hersteller von Bionade nicht mehr behaupten, sein Getränk enthalte viel Calcium und Magnesium, weil er von einem Konkurrenten vor dem Landgericht Düsseldorf verklagt wurde. Das deutsche Gericht bezog sich bei seiner Entscheidung bereits auf die EU-Verordnung, obwohl noch Übergangsfristen gelten. Gerade weil kleine Unternehmen tendenziell aggressiv werben, um sich einen Markt zu erschließen, haben die europäischen Lebensmittelkonzerne die EU-Verordnung unterstützt. „Die Großen waren von Anfang an begeistert“, beobachtet Berater Bär. „Sie sahen darin ein Mittel, die Konkurrenz auszuschalten.“

Kleinere Hersteller wundern sich denn auch über so manche Willkür in der EU-Verordnung. So haben die Hersteller von Hustenbonbons erreicht, dass ihre Produkte – so süß sie auch sein mögen – komplett von den Regeln ausgenommen wurden. Und das Bäckerhandwerk registriert verwundert, dass Europas Großbäckereien offenbar erfolgreich die Salzgrenzen für das Brot nach unten drücken konnten. „In den EU-Ländern bestehen bisher unterschiedliche Vorschriften“, sagt Eberhard Groebel, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. „Wenn der Salzanteil einheitlich niedrig angesetzt wird, dann können die Großhersteller ihre Produktionskapazitäten besser ausnutzen.“

Zugleich ersinnen Unternehmen Umgehungsstrategien, indem sie Lebensmittel künftig als Kosmetikartikel anpreisen. Damit ein Kaugummi weiterhin als „zuckerfrei“ verkauft werden kann, was die Verordnung wahrscheinlich verbieten wird, könnte er als Kosmetik vertrieben werden und so den strengen Regeln zu Lebensmitteln entkommen. Schwierig wäre es wohl auch nicht, einen ausgesprochenen Zahnpflegekaugummi auf den Markt zu bringt. Denn sobald die Gesundheit aus dem Spiel ist, greift die EU-Verordnung nicht.

„Da könnte dann ein Joghurt vermarktet werden“, vermutet Berater Bär, „der Schönheit von innen verleihen soll.“ Die Bundesregierung hat den heraufziehenden Ärger offenbar geahnt. Union und FDP haben deshalb im Koalitionsvertrag festgehalten, dass die Verordnung „praxisgerecht und verbraucherorientiert zu verbessern“ sei.

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