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Nahrungsmittelkonzern Nestlé-Chef Bulcke: "Mögen Sie keine Pizza?"

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Nescafé-Dose aus den Fünfzigerjahren Quelle: Foto: Nestlé

Alles spricht von dem riesigen Markt China. Nestlé macht in dem Land mit 1,3 Milliarden Menschen gerade mal etwas mehr Umsatz als in der Schweiz mit ihren knapp acht Millionen Einwohnern. Wie kommt’s?

Die Schweiz ist als Mutterland von Nestlé der für uns pro Kopf umsatzstärkste Markt. China ist ein Teil unseres Wachstumspotenzials in den Entwicklungs- und Schwellenländern. In denen setzen wir insgesamt umgerechnet 24 Milliarden Euro um. Das ist derzeit einer der größten Umsätze eines westlichen Unternehmens in diesen Ländern. Das sind zwar nur 35 Prozent unserer Gesamterlöse, aber mit zweistelligen Wachstumsraten. Und bis 2020 wollen wir den Anteil auf 45 Prozent steigern.

Wie stark soll Nestlé in diesen Regionen wachsen?

In den kommenden zehn Jahren werden 70 Prozent des Weltwirtschaftswachstums aus den Schwellenländern kommen. Wie stark sie sich im Einzelnen entwickeln werden, das ist unterschiedlich. Ein Wachstum von mehr als acht bis zehn Prozent ist auf Dauer sicherlich ungesund für ein Land. Nestlé wiederum sollte sich über den Wachstumserwartungen der jeweiligen Länder entwickeln.

Mit Ihrem Slogan „Good food, Good life“, also „Gutes Essen, gutes Leben“, haben Sie Nestlé zur Instanz für gesunde Ernährung erklärt. Wie passt das zur Übernahme der Tiefkühlpizzasparte von Kraft Foods Anfang des Jahres, durch die Nestlé zum Weltmarktführer bei den meist salzigen und fettigen Italo-Fertigfladen geworden ist?

Mögen Sie keine Pizza?

Doch, sehr sogar.

Dann müssten Sie theoretisch ein ungesundes Leben führen.

Das tun wir nicht. Wir ernähren uns ja nicht ständig davon, nur weil Tiefkühlpizza preiswert und schnell fertig ist und keine Kochkunst erfordert. Und wir wissen auch, dass man davon ganz schön dick werden kann.

„Good food, Good life“ bedeutet für Nestlé, dass Essen in erster Linie Genuss und Abwechslung bieten soll, ohne dass dabei der gesundheitliche Nutzen vernachlässigt wird. Für eine ausgewogene Ernährung braucht man zudem Wahlmöglichkeiten, und mit unserem breiten Angebot können wir das leisten. Drittens müssen Konsumenten informiert werden und verstehen, wie sie sich gut und gesund ernähren.

Was hilft ihnen das beim Pizza-Essen?

Wenn wir eine salz- oder fettreduzierte Pizza anbieten, dann ist das ein wertvolles Angebot und trägt zur gesünderen Ernährung bei. Und zudem: In 95 Prozent aller Haushalte in Nordamerika wird Pizza gegessen, ob da Nestlé draufsteht oder nicht. Oder nehmen Sie Eiscreme, puh, was für ein ungesundes Zeug, nicht wahr? Unsinn. Nestlé bietet beispielsweise Eiscreme mit halb so viel Fett und einem Drittel weniger Kalorien, ohne dass es jemand schmeckt. Das ist unsere Auffassung von Good food, Good life.

Ihre Wassersparte mit so berühmten Marken wie Perrier und Vittel hat Probleme und verliert an Umsatz. Was macht Nestlé falsch?

Unsere Wassermarken sind in den vergangenen Jahren sehr gut gewachsen, vor allem in den entwickelten Volkswirtschaften wie Europa und Nordamerika. Die Krise hat dies Entwicklung aber gebremst, weil die Verbraucher auf preiswerte Alternativen umgestiegen sind...

...auf das Billigwasser der Handelsketten für 19 Cent pro 1,5 Liter zum Beispiel?

Ja, das auch. Und sogar auf Leitungswasser. Aber unsere Einbußen sind auch politisch bedingt. Seit ein paar Jahren wird Stimmung rund um den Globus gegen die Industrie gemacht, weil Wasser in Flaschen verkauft wird, noch dazu in Plastikflaschen. Beide Tendenzen zusammen haben uns hart getroffen. Aber wir arbeiten an Lösungen wie besser verwertbare und leichtere Verpackungsmaterialien. Das Wassergeschäft bleibt eine Herausforderung, aber wir werden auch hier wachsen, weil unsere Marken wirklich stark sind. Und was Zukäufe angeht, so schauen wir uns die Möglichkeiten an.

Die Handelsketten nagen mit Eigenmarken an den Umsätzen der Markenhersteller. Wird Nestlé, wie Sie das bei Nespresso machen, auch für andere Artikel eigene Läden eröffnen, um der direkten Konkurrenz im Regal zu entgehen?

Unsere Marke Nespresso repräsentiert ein spezielles Geschäftsmodell. Wir wissen, was unser Metier ist. Und das ist nicht der stationäre Handel. Es wird keine Nestlé-Ladenkette geben. Und auch im Internet ist nichts Vergleichbares geplant.

Ihr Hauptwettbewerber Unilever lässt keine Gelegenheit aus, Nestlé zu attackieren, erstmals gibt es sogar Konkurrenz bei Nespresso. Werden Sie trotzdem an Ihren Wachstumszielen von fünf bis sechs Prozent organischem Wachstum pro Jahr festhalten?

Ja, unsere langfristige Strategie sieht diesen Durchschnittswert vor. Einmal ist es etwas mehr, einmal etwas weniger.

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