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Nervöse Märkte Japan durchkreuzt die Pläne von Börsenkandidaten

Hapag-Lloyd ist kein Einzelfall: Aufgrund des Japan-Schocks stellen viele Unternehmen ihre ersehnten Börsengänge auf den Prüfstand. Gut dran sind clevere Eigentümer, die sich noch ein Hintertürchen offen gehalten haben.

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Ein Schiff der Reederei Hapag Quelle: AP

Erdbeben und Atomgefahr in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt haben die japanischen und internationalen Aktienmärkte in den Abgrund gerissen. Unter anderem die US-Börse und der deutsche Leitindex DAX verloren am ersten Handelstag nach der Katastrophe deutlich. Während sich einige Papiere zwischenzeitlich schon wieder erholt haben, wird klar: Nicht nur etablierte Werte leiden unter der Nervosität der Anleger. Darüber hinaus scheiden vielversprechende Börsenkandidaten aus dem Rennen, weil plötzlich niemand mehr den Sprung aufs Parkett wagt.

Dabei stand hierzulande eine beachtliche Zahl von Firmen auf der Liste der potenziellen Börsenneulinge – zumindest vor dem schweren Beben auf der anderen Seite des Globus. Einige der Namen, von denen ein Initial Public Offering – IPO – erwartet wird, befinden sich derzeit in der Hand von Finanzinvestoren. Diese steigen typischerweise für fünf bis sechs Jahre in vielversprechende Unternehmen ein, um die Beteiligung später gewinnbringend an industrielle Käufer zu veräußern – oder attraktiv für Aktionäre zu machen.

Für das erste Halbjahr 2011 sind Börsengänge avisiert etwa beim Netzbetreiber Kabel BW aus Baden-Württemberg, der zum schwedischen Private-Equity-Haus EQT gehört, oder beim hessischen Industriezulieferer Norma Group, momentan mehrheitlich im Besitz der internationalen Beteiligungsgesellschaft 3i. Für die Alteigentümer – egal ob aus dem Private-Equity-Lager oder der Industrie – gilt es, das Zeitfenster bis Ostern zu nutzen, um Portfoliounternehmen mit frisch geprüften Jahresabschlüssen möglichen Neuinvestoren zu präsentieren sowie die Transaktionen vorzubereiten und abzuschließen. Ausgerechnet in diese kritische Periode fällt der Schock, den die Ereignisse in Japan ausgelöst haben.

So erwarteten Marktteilnehmer vom Touristikkonzern TUI, dass dieser die Reederei Hapag Lloyd – in Zusammenarbeit mit den anderen Eigentümern – im Frühjahr an die Börse bringen würde. Doch das Großprojekt mit einem geschätzten IPO-Erlös von bis zu 1,5 Milliarden Euro könnte verschoben werden, meldete jetzt die Finanznachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider.

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    Niedrigbewertung befürchtet

    Der Dienstleistungskonzern ISS aus Dänemark, der sein Geld mit Gebäudereinigung, Sicherheitsdiensten oder Callcentern verdient, hat laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters seinen für März geplanten Börsengang bereits abgesagt. Die schätzungsweise zwei Milliarden Euro schwere Transaktion war mehrfach überzeichnet und hätte der größte europäische IPO des Jahres werden können.

    Dass geplante Deals nun erstmal nicht stattfinden, liegt an der Japan-Krise. Die Emittenten fürchten, dass ihre Aktien bei Anlegern nicht hoch genug bewertet werden. ISS könnte sein Going public schon bald nachholen, doch die Entscheidung hängt nach Unternehmensangaben davon ab, wie sich die Lage in Japan und im Nahen Osten innerhalb der nächsten Tage weiter entwickelt.

    In einer weit komfortableren Situation befindet sich dagegen der Chemiekonzern Evonik. Dessen Chef Klaus Engel hatte kürzlich in einem Interview gesagt, dass er sein Unternehmen fit für die Börse halte. Doch die Evonik-Eigner, also die RAG-Stiftung sowie der Finanzinvestor CVC Capital Partners, hatten sich auf keinen konkreten Termin festnageln lassen. Angesichts der prekären Marktlage zahlt sich das jetzt aus.

    Evonik konnte deshalb auf seiner jährlichen Bilanzpressekonferenz, die wenige Tage nach dem Ausbruch der japanischen Katastrophe stattfand, den anstehenden Börsengang ohne Druck und in aller Ruhe ins Auge fassen – und ganz nebenbei mit hervorragenden Zahlen glänzen. Irgendwann innerhalb der kommenden 15 Monate sei das Großprojekt vorstellbar, vielleicht sogar schon Ende dieses Jahres. Fest steht zumindest, dass Evonik dank großzügiger Zeitplanung seine Börsenpläne unbeeinflusst von der Japan-Krise schmieden kann.

    Das ist kein Trost für Konkurrenten, die ihre Pläne plötzlich ändern müssen. Wie viele Unternehmen betroffen sind, lässt sich nur erahnen. Die Dunkelziffer anstehender Börsengänge, die der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren und jetzt hinter den Kulissen abgeblasen werden, dürfte hoch sein. „Transaktionen, die erst kurz vor der Ankündigung standen, landen wahrscheinlich erstmal auf der Warteliste“, sagt ein führender Private-Equity-Mann. Seiner Einschätzung nach halten sich potenzielle Investoren nun erstmal zurück und prüfen gründlich, ob einem Unternehmen Risiken durch die Entwicklung in Japan drohen.

    Prüfen der Alternativen

    Auch ein Investmentbanker am Finanzplatz Frankfurt sagt: „Wir beraten unter anderem zwei ausländische Unternehmen, deren Börsengang in Deutschland für die nächsten Monate angedacht ist“. Wegen der derzeitigen Unsicherheit aufgrund der japanischen Krise sei bei den bevorstehenden IPO's jetzt eine genaue Beobachtung der weiteren Ereignisse angesagt.

    In dieser Situation zahlt es sich aus, wenn Alteigentümer neben dem Börsengang noch alternative Ausstiegsszenarien in der Hinterhand haben. EQT, der schwedische Finanzinvestor und Besitzer des Kabelnetzbetreibers Kabel BW, will laut Nachrichtenagentur Bloomberg in den kommenden Tagen entscheiden, ob die Beteiligung verkauft oder an die Börse gebracht wird. Denn nicht nur künftige Aktionäre sind an dem Unternehmen interessiert, sondern auch der Kabel BW-Konkurrent Liberty Global und die Private-Equity-Firmen CVC Capital Partners sowie Hellmann & Friedmann.

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      In dieser günstigen Verhandlungsposition soll sich EQT sogar erlaubt haben, trotz Japan-Krise ein Ultimatum zu stellen. Von den Kabel-BW-Bietern sei verlangt worden, innerhalb weniger Tage ein Angebot auf den Tisch zu legen.

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