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Netzneutralität Telekomkonzerne planen Maut im Internet

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Geschwindigkeitsbedarf im Netz

Scheidet eine Verbindung zwischen zwei Knotenpunkten aus, springt eine andere Route ein. Die Datenteilchen suchen sich so automatisch den besten Weg. Dieses System funktionierte so lange, wie Überkapazitäten in den Netzen einen reibungslosen Transport ermöglichten.

Jetzt stoßen die Netze aber an Kapazitätsgrenzen – und plötzlich funktioniert das alte Prinzip nicht mehr. So verdoppelt sich durch den Siegeszug von Apples iPhone das Datenvolumen in den Mobilfunknetzen derzeit alle acht Monate. Im gesamten Internet, prophezeit der Netzausrüster Cisco, wird sich das Daten-volumen bis 2014 auf 767 Exabyte im Jahr vervierfachen. Pro Monat entspräche das der Kapazität von 16 Milliarden DVDs. Ohne zusätzliche Glasfasernetze stünden die meisten Daten bald im Stau, das Internet kurz vor dem Kollaps.

Bei der Übertragung zeitunkritischer Inhalte wie E-Mails ist das auch weiterhin kein Problem. Den meisten Nutzern ist es egal, ob eine E-Mail in wenigen Sekunden oder erst fünf Minuten später beim Empfänger ankommt. Deutlich höher sind die Qualitätsanforderungen dagegen an alle Arten von Live-Kommunikation. Bei Telefonie, Videokonferenzen und Online-Spielen müssen die Daten in Sekundenbruchteilen ohne Verluste und ohne Schwankungen beim Empfänger ankommen – sonst trüben Störungen den Genuss.

Wirtschaftlich nicht vertretbar

„Die Netzbetreiber müssten klotzen und ihre Infrastrukturen so überdimensionieren, dass es keine Engpässe gibt“, sagt Hans-Peter Petry, Partner bei der Telekom-eigenen Unternehmensberatung Detecon. „Doch das ist wirtschaftlich nicht vertretbar.“ Die Zeit drängt. Bis 2015 will die Telekom ihre für das Telefonieren gebauten Analog- und ISDN-Netze abschalten und auch den Telefonverkehr dem Internet anvertrauen. Das Web bekommt dann den Status eines Universalnetzes für alle Arten von Kommunikation.

„Ein Notruf oder die Videoübertragung eines chirurgischen Eingriffs muss dann selbstverständlich anders priorisiert werden als das Herunterladen von Video-dateien“, sagt Frederic Ufer, Leiter des Bereichs Recht und Regulierung beim Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) in Köln. „Zu Recht wird daher überlegt, den Transport besonders zeitsensibler Daten zulasten weniger zeitempfindlicher Anwendungen zu bevorzugen.“ Laut Telekom-Chef Obermann können viele Dienste erst entstehen, „wenn die Netzbetreiber eine bestimmte Übertragungsqualität garantieren“.

War in den Anfangsjahren des Internets die Technik noch nicht vorhanden, um Inhalte zu sortieren und in verschiedenen Geschwindigkeiten durch das Netz zu leiten, ist dies heute anders. Inzwischen besitzt nahezu jeder Internet-Provider in Deutschland die entsprechende Technologie, um von Nutzern aufgerufene Web-Sites auf ihren Inhalt hin zu überprüfen – im Fachjargon Deep Packet Inspection genannt. Die Telekom hat die nötigen Server vor einiger Zeit vom Ausrüster Cisco gekauft, der weltweit schon 120 Internet-Provider mit der Technologie beliefert hat.

Mit ihr kann die Telekom erkennen, ob es sich bei einer Datei um ein Onlinevideo oder eine Audiodatei handelt und von welchem Anbieter sie kommt. Schon heute setzt eine Reihe kleinerer deutscher Internet-Provider, deren Netze zu Stoßzeiten überlastet sind, solche Technologien ein, um Film- und Musik-Tauschportale auszubremsen. Nur so könnten andere Dienste reibungslos funktionieren, sagt Klaus Mochalski vom Leipziger Unternehmen Ipoque, das kleine Provider mit der entsprechenden Technik ausrüstet.

Beschwichtigende Worte

Laut einem Positionspapier des Verbands Europäischer Telekommunikationsnetzbetreiber, in dem 42 Konzerne vertreten sind, gibt es in der Wirtschaft mittlerweile eine breite Akzeptanz dafür, dass intelligente Telekommunikationsnetze nötig sind. Schließlich sei das aktuelle Wachstum des Datenvolumens nicht durch Netzausbau allein bewältigbar.

Geschwindigkeitssensible Anwendungen wie hochauflösende Videotelefonie, Internet-Fernsehen und Telemedizin kämen ohne garantierte Übertragungsqualität nicht aus, sagt ein Telekom-Sprecher und fügt hinzu: „Wir brauchen deshalb eine intelligente Steuerung des Internet-Verkehrs.“ Dabei gehe es nicht um Zensur oder die Frage, welche Daten überhaupt transportiert werden. Es gehe darum, welche Qualität beim Transport garantiert werde.

Trotz solch beschwichtigender Worte: Nicht nur bei Netzaktivisten, auch bei Geldgebern junger Internet-Unternehmen wecken die Pläne der Telekoms Ängste. „Vielleicht wachen wir irgendwann auf und fragen uns, warum wir damals nicht härter dagegen gekämpft haben“, sagt Kurt Müller, Geschäftsführer beim Münchner Wagniskapitalgeber Target Partners.

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