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Netzneutralität Telekomkonzerne planen Maut im Internet

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Welche Inhalte zur Datenexplosion führen

Während in den USA Venture-Capital-Unternehmen lautstark die Netzneutralität verteidigen, herrscht sowohl beim Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften als auch beim Verband der deutschen Internetwirtschaft weitgehend Funkstille. Dabei ist sich Müller im Klaren: „Unsere Startups brauchen so viel Freiheit wie möglich.“

Jason Whitmire, Partner beim Wagniskapitalgeber Earlybird, hat in den USA schon eine Reihe von Startups in Sachen Netzneutralität beraten. Meist waren es Unternehmen, die datenintensive Videodienste anbieten. Für Whitmire ist Netzneutralität essenziell für den Erhalt der Innovationskraft im Netz. „Hätte es bisher keine Netzneutralität gegeben, es gäbe weder Twitter noch Facebook“, sagt der Amerikaner – und erst recht kein YouTube.

Tatsächlich haben heute die meisten jungen Internet-Unternehmen am Markt nur eine Chance, wenn sie riesige Datenvolumen durchs Netz schicken. Viele bieten Videoanwendungen, datenintensive Online-Spiele oder das sogenannte Cloud Computing an, bei dem Programme direkt aus dem Netz geladen werden. Die Venture-Capital-Gesellschaft Neuhaus Partners etwa hat das Münchner Startup EarthTV im Portfolio, das Livebilder aus Großstädten rund um den Globus an Fernsehsender wie N24 liefert, die mit den Bildern Pausen überbrücken. Dafür montiert EarthTV hochauflösende Kameras auf Dächern.

Seit einiger Zeit überträgt das Unternehmen die Livebilder auch ins Internet, für alle, die sehen wollen, wie gerade das Wetter am Muscle Beach in L.A. ist. Dazu braucht das Unternehmen schnelle Verbindungen zum Nutzer. Hätten die Netzbetreiber für die Übertragung zum Endkunden Geld verlangt, hätte das Unternehmen den Dienst womöglich nie gestartet. Denn der Investitionsbedarf wäre deutlich höher gewesen.

Alle Macht der Telekom?

Auch viele sogenannte Open-Source-Angebote dürften sich dann nicht mehr rechnen. Anbieter von Kostenlossoftware müssten plötzlich zahlen, wenn Nutzer solche Programme herunterladen. Das ist heikel, weil viele kommerzielle Dienste aus solchen einst kostenlosen Angeboten entstehen. Beispiele hierfür sind Premium-E-Mail-Angebote wie Web.de und GMX. Die Internet-Branche ist sich einig: Kapitalismus braucht ein freies Internet. Es sei eine schlechte Idee, den Telekoms freie Hand zu lassen, sagt Earlybird-Partner Whitmire. Sie würden das schonungslos ausnutzen. Kontrollierten sie, welche Inhalte schnell und welche langsam zum Kunden gelangen, könnten sie den Wettbewerb zu ihren Gunsten beeinflussen.

Denn Netzbetreiber bieten heutzutage fast immer auch Inhalte an. So besitzt die Deutsche Telekom mit Videoload eine Online-Videothek, die Spielfilme und Serien via Internet zeigt. Damit konkurriert sie etwa mit Maxdome von ProSiebenSat.1 und Apples iTunes. „Eine solche Macht wird massiv missbraucht werden, von jedem“, warnt auch Xing-Gründer Hinrichs.

Schon heute leitet die Telekom das eigene Online-TV-Angebot Entertain vorrangig durchs Netz. Während der Fußball-Weltmeisterschaft konnten die TV-Zuschauer live erleben, wie groß der Unterschied ist. Während bei Entertain Bilder so schnell wie beim Kabelfernsehen auf die TV-Geräte kamen, verzögerte sich beim Internet-Fernsehen die Übertragung um sieben bis zehn Sekunden. Dort sahen die Zuschauer Tore der deutschen Mannschaft erst, als die Nachbarn schon jubelten.

Der deutsche Internet-Provider Freenet sperrte im Februar 2004 gar zwei WebSeiten, die kritisch über das Unternehmen berichten. Nutzer mit einem Freenet-Internet-Anschluss, die das lesen wollten, leitete Freenet auf andere Seiten weiter.

Premium-Service darf kostenpflichtig sein

Weil solche Eingriffe von Politik und Netzaktivisten kritisch beäugt werden, versucht die Deutsche Telekom, alle Zweifel an ihrem fairen Umgang mit Web-Diensten zu zerstreuen. Noch vor gut einem Jahr hatte der Konzern verkündet, dass Mobilfunkkunden den Internet-Telefondienst Skype per Handy nicht nutzen dürfen. Erst auf Druck der EU-Kommission ließ die Telekom das Konkurrenzangebot gegen eine Zusatzgebühr zu.

Vor wenigen Wochen kam dann der Strategieschwenk. Ein Sprecher teilte mit, die Telekom prüfe, Skype für Mobilfunkkunden komplett freizugeben. Obermann sei mittlerweile dagegen, Kunden das Skypen zu verbieten oder sie dafür zusätzlich abzukassieren, hieß es plötzlich.

Dass Netzneutralität keine Obsession sein darf, darüber sind sich selbst Internet-Unternehmen und Wagniskapitalgeber einig. Schließlich ist keinem geholfen, wenn die Netzbetreiber kein Geld verdienen und nichts mehr in ihre Netze investieren. Viele halten es sogar durchaus für sinnvoll, bestimmte Angebote vorrangig durch die Leitungen zu transportieren, um ihre Qualität sicherzustellen. Ein solcher Premium-Service darf sogar kostenpflichtig sein.

Allerdings muss etwa in den Augen des Chaos Computerclubs eine realistische Lösung her, bei der andere Anbieter nicht permanent ausgebremst werden. Der Wunsch: Netzbetreiber wie die Telekom sollen einen bestimmten Teil ihrer Bandbreite für zahlende Inhalteanbieter reservieren und den Rest ungeregelt allen anderen Web-Unternehmen bereitstellen.

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