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Nico Stehr im Interview „Genuss und Gewissen“

Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr über Wohlstand und Wissen als Moral-Produzenten.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Stehr, lassen Sie uns gleich mit der Tür ins Haus fallen: Gibt es einen guten Kapitalismus? Stehr: Es gibt einen Trend zur Moralisierung der Märkte, in den entwickelten Gesellschaften, aber auch in sich entwickelnden Gesellschaften. Das heißt, es handelt sich um einen globalen Trend, um einen Trend, der sich durchsetzen wird. Dieser Trend findet statt unter kapitalistischen Rahmenbedingungen, er verändert nicht die Prinzipien der Marktwirtschaft. Was sich ändert, sind die Machtverhältnisse am Markt. Käufer und Konsumenten gewinnen einen Einfluss, dem sich die Produzenten nicht entziehen können. Was unterscheidet den Kunden von früher vom Konsumenten heute? Wir müssen uns verabschieden vom Bild des Konsumenten, wie es die Ökonomen und die Kulturkritik jahrhundertelang gezeichnet haben. In diesem Bild wird der Konsument als Opfer, als ohnmächtiger Akteur am Markt beschrieben, als ein schwaches Wesen, als Arbeitskraft und Produktionsfaktor, sei es bei Adam Smith, Karl Marx oder Jean Baudrillard... ...die alle drei auch moralische Prinzipien in ihren Schriften eingebaut haben. Das will ich gar nicht bestreiten. Es hat schon immer ethische Überlegungen gegeben, die Einfluss auf das Wirtschaftsleben hatten. Die Moral in der Ökonomie ist nicht neu. Das Neue ist, dass der Trend vom Konsumenten gesteuert wird. Wann hat der Trend eingesetzt? In den frühen Siebzigerjahren, zumindest in Europa. Damals gab es Pioniere, die sich Gedanken über Nachhaltigkeit, Gesundheit und Altruismus gemacht haben als entscheidende Faktoren, die bei Kaufentscheidungen eine Rolle spielen sollten. Die Grünen als Avantgarde? Wenn Sie so wollen, ja. Die Grünen waren zunächst eine einflusslose Gruppe mit strickstrümpfigem Personal. Heute sind diese Außenseiter Mainstream: Die, die ihre Bio-Produkte einst auf einem Bauernmarkt einkaufen mussten, können sie heute bei Aldi und bei Lidl einkaufen. Kurzum: Die Grünen haben schon damals Dinge formuliert, die heute common sense sind. Zum Beispiel, dass der Konsument mit seinem Verhalten die Wirtschaft steuern kann? Zum Beispiel. Sind nicht die Entscheidungen der Konsumenten eher das Produkt einer künstlich erzeugten Nachfrage? Das ist der übliche Einwand der Kulturkritik: Die Konsumenten werden durch die Werbung verführt; die Produzenten können, was immer sie auch produzieren, in den Markt drücken. Ich halte diese Kritik für verfehlt. Sie unterstellt, dass der Konsument unwissend, leicht manipulierbar ist. Die These der professionellen Werber, den Kunden an der Nase herumführen zu können, ist nur noch sehr begrenzt gültig. Unterschätzen Sie da nicht die Steuerungskünste der Unternehmen? Die moderieren doch längst den Kundenwillen, sei es mit Dialogforen im Internet oder mit gekauften Studien, die einen Trend ausrufen. Es gibt interessante Untersuchungen aus der sozialpsychologischen Forschung, was den Stellenwert von Werbung angeht. Eine Erkenntnis ist, dass man sich die Werbung für ein bestimmtes Produkt oft erst nach der Kaufentscheidung ansieht, um sich davon zu überzeugen, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat. Der Einfluss der Werbung wird gewaltig überschätzt. Wie wichtig ist es für den Trend, dass man das gute Gewissen mit einer Lebensästhetik kombinieren kann? Sehr wichtig. Weshalb auch sollten wir diese beiden Motive voneinander trennen? Warum sollten wir jemanden daran hindern, Genuss und Gewissen miteinander zu verbinden?

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  • „Genuss und Gewissen“
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