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Niek Jan van Damme "Wir müssen um jeden Kunden kämpfen"

Der Wettbewerb im Festnetz- und Mobilfunkmarkt ist hart. Niek Jan van Damme, Deutschland-Chef der Deutschen Telekom über Sparprogramme und den schleppenden Einstieg in den TV-Markt.

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Das Vorstandsmitglied der Quelle: dpa

Herr van Damme, im Vergleich zu turbulenten Auslandsmärkten wie den USA und Osteuropa gilt Deutschland als Hort der Stabilität. Jetzt ziehen auch hier dunkle Wolken auf. Uns liegt eine E-Mail vor, die Sie kürzlich an alle Mitarbeiter verschickt haben. Dort äußern Sie sich sehr kritisch über den Zustand der Geschäfte in Deutschland. Einige Planziele seien verfehlt worden. Was läuft schief?

Van Damme: Das erste Halbjahr haben wir mit einem sehr guten Ergebnis im Deutschland-Geschäft abgeschlossen. Wir konnten die Profitabilität steigern, die operative Gewinnmarge sprang sogar erstmals über die Marke von 40 Prozent. In der Mail habe ich allerdings zur Vorsicht gemahnt und auf ein paar Kennziffern hingewiesen, die von unseren Vorgaben abweichen. Wenn wir jetzt keine Korrekturen vornehmen, könnte die Profitabilität im Verlauf des Geschäftsjahres darunter leiden.

In der E-Mail hört sich das viel dramatischer an. Ich zitiere: „Statt auf Grün, ‧stehen einige Ampeln auf Gelb und zum Teil sogar auf Rot.“ Anschließend fordern Sie massive Kosteneinsparungen.

Van Damme: Intern benutzen wir gerne diese Ampel-Logik, insbesondere bei neuen Produkten und Projekten. Am Anfang eines Jahres kann ja noch kein Ziel erreicht sein. Also stehen alle Ampeln auf Rot, später springen sie dann auf Gelb und Grün. Bis zum Jahresende haben wir hoffentlich alle Ziele erreicht.

Die Gefahr ist offenbar groß, dass auch am Jahresende einige Ampeln auf Rot stehen. „Wir brauchen jetzt Kampfgeist“, schrieben Sie. Das klingt nicht nach der üblichen Durchhalteparole kurz vor dem Jahresende.

Van Damme: Die kommenden Monate werden kein Selbstläufer. Wir spüren einen sehr starken Wettbewerb und müssen sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk um jeden Kunden kämpfen. Das wollte ich mit dieser E-Mail ausdrücken. Liebe Mannschaft, wir dürfen uns nach dem erfolgreichen ersten Halbjahr nicht zufrieden zurücklehnen. Auch die Kennziffern, die jetzt noch Gelb oder Rot anzeigen, müssen bis Jahresende auf Grün springen.

Der Umsatz liegt mit einem Minus von 400 Millionen Euro im ersten Halbjahr deutlich über den Rückgängen in den ‧Vorjahren. Intern gibt es die Anweisung, dass die Telekom mit jedem Euro Umsatz, der hinter den Vorgaben zurückbleibt, Kosten in gleicher Höhe einsparen müsse. Nur so ließen sich die Gewinnziele noch erreichen. Das hört sich nach einer versteckten Gewinnwarnung an.

Van Damme: Wir werden unsere Gewinnziele erreichen, daran zweifele ich nicht. Natürlich verlieren wir auch werthaltigen Umsatz, den wir durch Sparmaßnahmen kompensieren müssen. Wenn wir das nicht durch zusätzlichen Umsatz in neuen Wachstumsmärkten schaffen, bleibt uns nur das Einsparen von Kosten.

Arbeitet denn die Telekom an einem neuen Sparprogramm mit einem verstärkten Abbau von Arbeitsplätzen?

Van Damme: Beim Sparen sind wir erst im ersten Stockwerk angekommen. Das Save-for-Service-Programm läuft zwar schon sechs Jahre und ist Teil unserer DNA geworden, aber es bleibt noch viel zu tun. Das Programm müssen wir in den kommenden Jahren mit gleichbleibender Intensität fortsetzen. Im Moment stehen kurzfristige Einsparungen auf der Tagesordnung. Dabei ist mir jeder Euro wichtig. Wenn jeder Mitarbeiter zehn Euro pro Woche einspart, macht das bei 75 000 Mitarbeitern rund 39 Millionen Euro im Jahr.

Wo gibt es denn Abweichungen vom Plan?

Van Damme: Beim Neukundenzuwachs liegen wir unter Plan. Das liegt an der zunehmenden Marktsättigung. In einigen Märkten wie den Breitbandanschlüssen ist die absolute Zahl der Neukunden im Vergleich zu den Vorjahren deutlich niedriger. Da setzt ein Trend ein, den wir erst in zwei, drei Jahren erwartet hatten. Wir kennen also den Grund, werden aber trotzdem an unseren ambitionierten Zielen festhalten. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Wir verlieren inzwischen deutlich weniger Festnetzanschlüsse.

Besonders schwer tut sich die Telekom mit dem Verkauf ihres Vorzeigeprodukts, dem Premium-TV-Angebot Entertain. Eigentlich sollte 2011 die Massenvermarktung mit deutlich steigenden Absatzzahlen beginnen. Stattdessen meldet die Telekom rückläufige Neukundenzahlen.

Van Damme: Wir haben nie behauptet, dass der Eintritt in den TV-Markt ein Spaziergang wird. Wir sind als Newcomer gestartet. Aber Sie haben recht: Im ersten Halbjahr waren wir mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden. Zurzeit gewinnen wir 50 Prozent mehr Kunden als in den ersten sechs Monaten. Was uns bislang gefehlt hat, war die Reichweite. Mit unserem Angebot Entertain über Satellit haben wir entsprechend reagiert. Wir erreichen damit deutlich mehr als 70 Prozent der Bevölkerung, und das zahlt sich bereits aus. Seit dem Vermarktungsstart im September haben wir unsere Satellitenlösung weit mehr als 50 000 Mal verkauft.

Den TV-Kabelnetzbetreibern fällt es offenbar viel leichter, ihren Kunden Internet und Telefon zu verkaufen, als der Telekom der Einstieg ins Fernsehgeschäft.

Van Damme: Wir erleben einen ungleichen Kampf. Denn an viele potenzielle Kunden in den Großstädten kommen wir gar nicht heran. Vor allem große Wohnungsgesellschaften buchen bei ihren Mietern die Kabelgebühr für den TV-Anschluss jeden Monat über die Nebenkostenabrechnung mit der Miete ab. Diese Verfahrensweise, auch Nebenkostenprivileg genannt, behindert den Wettbewerb und bindet Kunden einseitig an ein bestimmtes Angebot. Bei diesen Kunden gibt es wenig Bereitschaft, neben einem TV-Angebot, das sie ohnehin schon bezahlen, ein zweites zu bestellen. Diese Wettbewerbsverzerrung muss beendet werden.

Die CDU-/CSU-Bundestagsfraktion will das Nebenkostenprivileg der TV-Kabelgesellschaften abschaffen.

Van Damme: Die gesamte Telekommunikationsbranche wünscht sich diese Chancengleichheit. Das neue Telekommunikationsgesetz, das Ende Oktober von Bundestag und Bundesrat verabschiedet wird, sollte das Nebenkostenprivileg abschaffen.

Müssten Sie nicht, um die schnelleren TV-Kabelnetze in Schach zu halten, deutlich schneller Glasfaser bundesweit ausrollen?

Van Damme: Wir wollen in Deutschland dieses Supernetz bauen – aber dafür brauchen wir investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Entscheidend wird weiterhin sein, dass der Regulierer seinen Beitrag leistet und den Vorleistungspreis im Markt stabilisiert. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir flächendeckend solch ein Netz bis in jeden Haushalt ausrollen. Wir suchen gezielt nach Städten, wo sich ein Glasfaserausbau für uns lohnt. Wir können in Glasfasernetze nur investieren, wenn es eine gewisse Zahl von Vorbestellungen gibt. Als erste Stadt hat kürzlich Stade die notwendige Quote von zehn Prozent erreicht.

Ihr Strategiechef kündigt an, dass die ‧Telekom auch beim Glasfaserausbau den Rotstift ansetze und die bisher geplanten zehn Milliarden Euro kürzen wolle.

Van Damme: Wir haben nie ein Investitionsvolumen für den Glasfaserausbau genannt, weil wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Wir werden dort ausbauen, wo wir die Unterstützung der Kommune und das Interesse der Kunden finden. Natürlich halten wir überall nach Einsparmöglichkeiten Ausschau, alles andere wäre unverantwortlich und mit mir nicht machbar. Auch beim Bau von Glasfaseranschlüssen sind die Sparpotenziale längst nicht ausgeschöpft. 70 bis 80 Prozent aller Kosten entstehen beim Tiefbau, also beim Vergraben von Rohren für Glasfaserleitungen am Straßenrand. Außerdem wollen wir stärker mit den Energieversorgern kooperieren und solche ‧Netze gemeinsam bauen. Wenn wir nur einmal die Straße aufreißen, sparen wir Milliarden ein und ersparen den Anwohnern viel Ärger.

Teil des Sparprogramms ist auch ein effizienterer Netzbetrieb. Mehrere Arbeitsgruppen basteln an Plänen, die alten Analog- und ISDN-Netze früher abzuschalten und den gesamten Telefon- und Datenverkehr einem internetbasierten All-IP-Netz anzuvertrauen. Wann kommt Tag X?

Van Damme: Es gibt noch keinen festen Zeitpunkt. Es ist wegen diverser Unwägbarkeiten auch nicht sinnvoll, ihn jetzt schon festzulegen. Aber klar ist: Ein Parallelbetrieb von zwei unterschiedlichen Netzen verursacht doppelte Kosten. Der Energieverbrauch der alten Analog- und ISDN-Technik ist sogar deutlich höher. Das Abschalten würde eine riesige Einsparung bringen.

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