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Nokia-Vorstand Halbherr "Tiefpunkt erreicht"

Der neue Nokia-Vorstand Michael Halbherr über die Krise des Mobilfunkrisen und den Versuch, coole Software für das neue Windows Phone zu bauen.

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Michael Halbherr Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche

Herr Halbherr, vor drei Monaten rückten Sie als erster Wahl-Deutscher in den Vorstand von Nokia. Ihr Chef Stephen Elop hat Nokia vor knapp einem Jahr als Ölplattform beschrieben, auf der es lichterloh brennt. In dieser Notsituation sind Sie als Feuerwehrmann in den Vorstand befördert worden. Konnten Sie schon ein paar Brandherde löschen?

Halbherr: Für mich war die Berufung sehr befreiend. Ich bin ja nicht nur in den Vorstand befördert worden, ich habe auch die Gesamtverantwortung für das Geschäft mit Landkarten sowie der Navigation und den neuen Geschäftsbereich Services übernommen. Mein Team hat jetzt die Möglichkeit, extrem viel extrem schnell zu verändern. Wenn der Druck so hoch ist wie in unserer Lage und wenn man einen schnellen Vorstandschef wie Stephen Elop hat, dann kann man viel bewegen. Wir packen die Probleme mit hohem Tempo an. Das war in den vergangenen Jahren unser größtes Problem.

Was hat sich für Sie persönlich durch den Aufstieg in den Vorstand geändert?

Halbherr: Die entscheidende Neuerung ist, dass ich an der Spitze einer eigenständigen Geschäftseinheit stehe. Zu Beginn des Jahres gab es nur die Geschäftseinheiten für Smartphones und für klassische Mobiltelefone. Früher war der Bereich Services, zu denen auch wir im Navigationsbereich gehörten, im Prinzip eine Kostenstelle und ausschließlich auf die Bedürfnisse der eigenen Endgeräte ausgerichtet. Die Tatsache, dass wir die Bereiche Navigation, ortsbezogene Dienste und Commerce als für uns strategische Wachstumfelder auch ‧außerhalb der eigenen Geräte sehen, hat dazu geführt, den Bereich Location & Commerce als dritte und eigenverantwortliche Geschäftseinheit aufzustellen.

Warum ist denn dieser Bereich so wichtig für Nokia?

Halbherr: Im Durchschnitt verbringt ein Mensch sechs bis acht Jahre unterwegs. Diese Zeit wollen wir ihm so angenehm wie möglich gestalten. Egal, ob er zuverlässig von A nach B navigieren will – und, um gar nicht erst in einen Stau zu geraten, dann lieber die U-Bahn nimmt. Oder ob er in einer fremden Stadt ein Café oder am Wohnort den neuen In-Italiener sucht – das alles werden wir auf einer Vielzahl mobiler Endgeräte ermöglichen. Auf Nokia-Geräten wird dies besonders gut integriert sein.

Von Ihnen hängt also insbesondere ab, ob Nokia auch mit Software Verkaufserfolge feiert?

Halbherr: Nokia will im Bereich Location eine noch stärkere Marke werden – und das auch jenseits von Nokia-Geräten. Eine ähnliche Strategie verfolgt auch Amazon mit dem Kindle. Die entsprechende Software gibt es auch auf dem iPhone und auf anderen Geräten. Eine ähnlich starke Verbreitung streben wir auch an. Alle internen Angebote müssen deshalb auch extern wettbewerbsfähig sein. Nur dann können wir zum Beispiel Google Maps angreifen.

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Beschreiben Sie doch mal die Situation. Sie kommen als Neuling in den Nokia-Vorstand. Befindet sich der angesichts der vielen Hiobsbotschaften in den vergan‧genen Monaten im Ausnahmezustand?

Halbherr: Als ich im Juli berufen wurde, waren wir schon durch ein tiefes Tal geschritten. Die vielleicht schlimmsten Momente und die schwierigsten Entscheidungen lagen hinter uns. Ich habe ein Team mit vielen neuen Vorstandsmitgliedern vorgefunden, das aber schon sehr gefestigt ist. Die Diskussionen verlaufen sehr ruhig, ganz ohne Hektik und sind qualitativ sehr hochwertig. Es macht viel Spaß, mit dieser Mannschaft zusammenzuarbeiten.

Bei Apple und Google reiht sich eine Erfolgsmeldung an die andere, von Nokia kommen nur schlechte Nachrichten. Wie geht der Vorstand damit um?

Halbherr: In solch einer Situation wird alles infrage gestellt. Man muss eine Strategie haben und diese dann sehr konsequent durchziehen. Daher rührte auch letztlich die Entscheidung, unser eigenes Betriebssystem Symbian in den kommenden Jahren auslaufen zu lassen und uns ganz auf das Betriebssystem Windows Phone von Microsoft zu konzentrieren.

Ist der Tiefpunkt jetzt erreicht?

Halbherr: Ich denke schon. In den kommenden Wochen und Monaten wird es vor allem positive Nachrichten von Nokia geben. Wir werden auf einer extrem robusten Plattform zusammen mit Microsoft das dritte Betriebssystem für Smartphones etablieren. Gleichzeitig werden wir all die neuen Services, die mein Geschäftsbereich entwickelt, in diesem System verankern. Die tief greifenden und richtungsweisendsten Entscheidungen wurden getroffen und zu einem großen Teil auch umgesetzt. Wir haben den Grundstein gelegt, damit es wieder aufwärtsgeht. Wir hätten die Einladungen zu unserer Hausmesse Nokia World in London nicht verschickt, wenn wir nichts zu erzählen hätten.

Alles wartet gespannt auf das erste Windows Phone, das Nokia dort vorstellen will. Was kann das neue Smartphone?

Halbherr: Das darf ich in Kürze erzählen. Ich freue mich schon darauf. Die Spannung möchte ich jetzt aber nicht nehmen.

Sie müssten schon etwas Sensationelles auf den Markt bringen, um den Turn‧around zu schaffen und Apple wieder vom Thron zu stoßen. Bei vielen Kunden genießt das iPhone Kultstatus.

Halbherr: Wir haben die Möglichkeit, fundamental neue Ideen zu entwickeln. Diese Möglichkeiten werden durch unsere Partnerschaft mit Microsoft noch zusätzlich verstärkt. Unser Ziel ist nicht, Apple und Google zu kopieren. Wir versuchen herauszufinden, was die Kunden wollen, was sie an unseren Diensten gut finden und weiterempfehlen. Die Quote der Kunden, die uns weiterempfehlen, wollen wir drastisch erhöhen. Für alle Teams gibt es deshalb konkrete Vorgaben. Sie müssen leidenschaftlich daran arbeiten, die Kunden zu begeistern. Wenn der Kunde sagt: „Super, das ist cool. Das muss ich meinen Freunden zeigen“, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Aber Begeisterung kann man nicht verordnen. Wie wollen Sie die so schnell bei den Kunden wecken?

Halbherr: Wir schauen sehr genau, was unsere Kunden an unseren Diensten mögen und was wir noch verbessern können. Wenn die Basis erst mal stimmt – und das tut sie –, muss man für entsprechende Wow-Effekte sorgen. Unsere 3-D-Karten sind dafür ein sehr gutes Beispiel.

Mit seiner klaren Philiosophie Quelle: REUTERS

Vieles ist bei Nokia daran gescheitert, weil sich die Bereiche oft gegenseitig blockierten.

Halbherr: Stephen Elop sorgt mit einer klaren Philosophie für eigenständige Geschäftsbereiche, die auch die alleinige Verantwortung für ihre Produkte tragen. Wir haben massiv aufgeräumt. Wir entwickeln zwar auch zusammen Neues, haben aber auch die Möglichkeit, unsere Dienste weit über Nokia-Geräte hinaus anzubieten. Es gibt weniger organisatorische Überlappungen und weniger Abhängigkeiten voneinander. Das allein macht Nokia schon viel schneller. Die Bereiche können jetzt viel mehr eigenständig entscheiden und den gesamten Prozess kontrollieren. Von der Benutzeroberfläche bis zu den Straßenkarten in Autos bestimmen wir, was gemacht wird. Im vierten Quartal werden wir zum ersten Mal eigene Geschäftszahlen für den Bereich Location & Commerce bekannt geben. Das ist ein großer Einschnitt.

Viele Beobachter sagen, das Herz der Smartphones schlage sowieso im Silicon Valley. Verlagern Sie jetzt einen Großteil Ihrer Forschungsarbeit dorthin?

Halbherr: Man muss klar unterscheiden, was man ist und was man nicht ist. Wir sind im Silicon Valley vertreten durch unser Nordamerika-Team. Zusätzlich betreiben wir dort Grundlagenforschung. Mein Geschäftsbereich hat nur eine kleine Präsenz im Silicon Valley, und sicherlich sind wir momentan dort nicht die coolste Adresse. Wir konsolidieren gerade unsere drei größten Entwicklungsstandorte auf Berlin, Chicago und Boston. Von 3500 Entwicklern weltweit werden ungefähr 1000 ihre Büros in Berlin haben. Berlin ist zwar nicht das Silicon Valley von Europa, aber so eine Art Media Valley. Hier gibt es viele coole, innovative Firmen.

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