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Norbert Bolz im Interview "Irgendwas kann man immer werden“

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Wie kommen Sie darauf?

Schuld ist das Ressentiment. Denn das Dumme an ihm ist, dass es sich in der sozialen Frage einnistet – und dass es sich fortan an sich selbst ernährt, ohne jemals satt sein zu können. In Schweden hat man vor zwei Jahren ein Gleichstellungsministerium eingerichtet, weil man erst bei einer Frauenquote von 48:52 angelangt war. Das heißt: Je kleiner die Unterschiede werden, desto mehr verbeißt sich das Ressentiment in die noch verbleibenden Restunterschiede. Erst das letzte Minimum an Differenz auf dem Weg zur jakobinischen Gleichheit ist offenbar so unerträglich, dass man ein Ministerium einrichten muss. Das ist nichts anderes als Fanatismus im Gewand von Emanzipation und Aufklärung.

Sehen Sie hier nicht Gespenster? Nur die wenigsten wollen totale Gleichheit.

Dann wundere ich mich, warum unsere Gesellschaft so viele Schwierigkeiten damit hat, die natürliche Ungleichheit anzuerkennen: zum Beispiel Schönheit und Intelligenz. Die wirkliche Wunde ist nicht das unterschiedliche Einkommen, dem man in der Tat durch eine sozialistische Politik beikommen könnte. Nein: Die wirkliche Wunde, der wahre Skandal sind die biologischen Unterschiede – und die von Elternhaus zu Elternhaus ganz unterschiedlichen sozialen Startbedingungen. Die Politik kann dieses Problem nicht lösen...

...und lenkt das Problem der natürlichen Ungleichheit in Gestalt des Wohlfahrtsstaates auf das Problem der sozialen Ungleichheit um?

Exakt. Der Wohlfahrtsstaat erwartet nicht, dass man etwas für sein Leben tut – und die Medien dokumentieren, dass man nichts für sein Leben tun kann. Gleichzeitig weiß jeder, dass er sich auf die Humanität unserer Gesellschaft verlassen kann, die ihm – zumindest materiell – ein halbwegs menschenwürdiges Leben ermöglicht. Insofern macht der Wohlfahrtsstaat die Betroffenen, die seine Profiteure sein sollten, zu seinen eigentlichen Opfern.

Man kann den Wohlfahrtsstaat auch freundlicher verstehen, als Möglichkeit etwa, Lebensentscheidungen zu treffen, die ohne ihn viel riskanter wären – und die wir ohne ihn nicht treffen würden. Etwa eine spezielle Berufsentscheidung: Ohne Sozialstaat keine Philosophen!

Steile These. Nehmen wir sie mal beim Wort: Dann wären vielleicht nur diejenigen echte Philosophen, die dieses Risiko auch tatsächlich eingehen – und die eben nicht darauf vertrauen, ins Netz des Wohlfahrtsstaates zu fallen, wenn es nichts wird mit der Professur. Das heißt: Wenn wir wirklich den Eindruck haben, dass es an sozialer Dynamik und Aufstiegswillen fehlt – kann das nicht auch daran liegen, dass unser Bedürfnis nach Absicherung zu ausgeprägt ist? Ich glaube, dass es an der Zeit ist, eine neue Kultur der Risikobereitschaft zu wecken. Vor allem aber müsste man den Leuten klarmachen, dass es ein Risiko ist, kein Risiko einzugehen – eben das Risiko, den Anschluss zu verlieren.

In einem Suppenküchen-Sozialstaat wie in den USA sind die Menschen von der Gnade und der Gunst ihrer Mitmenschen abhängig. Gehört es nicht zum großen Erfolg des europäischen Modells, Herr-und-Knecht-Beziehungen in der Verantwortung des Staates aufgelöst zu haben?

Natürlich gibt es Formen der unverschuldeten Hilflosigkeit und Abhängigkeit, etwa im Falle einer schweren Krankheit oder eines Unfalls – und wer in diesem Falle auch nur eine Sekunde zögert, dem Staat alle Kompetenzen der Hilfsbereitschaft und der Sorge zuzuerkennen, ist ein Unmensch. So gesehen ist unser Staat, ist Deutschland absolut vorbildlich. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes als ein Sozialstaat, der dem Nichtstun Karrieremöglichkeiten eröffnet. Deutschland hat zwei Sozialstaaten. Der eine ist großartig. Der andere gehört abgeschafft.

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