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Öffentliche Aufträge Siemens will Staatsdiener Nummer Eins werden

Mit staatlichen Aufträgen rund um den Globus will Siemens wachsen: Windparks in der Nordsee, Straßenbahnen in den USA, Fotovoltaik in Italien. Das Endkundengschäft gibt der Konzern auf. Eine gefährliche Strategie.

Der Vorstandsvorsitzende der Quelle: dapd

In Sonntagsreden gibt Siemens-Boss Peter Löscher gerne den lupenreinen Unternehmer. "Wir wollen uns kontinuierlich gegenüber dem Markt und Wettbewerb verbessern", verspricht der 53-jährige Österreicher auf der letzten Siemens-Hauptversammlung Ende Januar. Viel lieber sieht sich Löscher aber in der Rolle des politiknahen Vermittlers, so wie zuletzt Ende Juni im Bundeskanzleramt. Kanzlerin Angela Merkel steht gemeinsam mit Chinas Premier Wen Jiabao direkt hinter Löscher, als der ein neues Abkommen mit einem Vertreter der nationalen Entwicklungskommission aus dem Reich der Mitte unterzeichnet. "Wir wollen unsere gemeinsamen Beziehungen erneut vertiefen", so sein feierlicher Kommentar, als er die mit goldenem Bundesadler auf schwarzem Grund bedruckte Vertragsmappe übergibt.

Politiknaher Vermittler

Löscher, der Staats-Mann, der mit Politikern von Weltrang verhandelt. Er braucht derartige Verträge, schließlich soll der Umsatz von Siemens in den kommenden Jahren die Schwelle von 100 Milliarden Euro überschreiten. Wann genau das geschafft sein soll, dazu schweigt er noch. Womit es gelingen soll, hat er aber bereits deutlich gemacht: "Wir wollen an den schnell wachsenden Märkten von Städten und Infrastrukturen partizipieren", sagt der Siemens-Chef. Auf gut Deutsch: Staats-Mann Löscher richtet den Industriegiganten wieder stärker auf den öffentlichen Bereich aus, auf regionale und kommunale Auftraggeber.

Mit dem geplanten Börsengang der Lichttochter Osram Ende des Jahres verlässt zudem eine der letzten Sparten mit einem nennenswerten Anteil Endkundengeschäft den Konzern. Vor allem öffentliche Großprojekte aller Art – seien es Offshore-Windenergieparks in der Nordsee, Straßenbahnlieferungen an amerikanische Großstädte oder Fotovoltaikanlagen in der italienischen Provinz – sollen den Münchnern künftig Wachstum bescheren. Siemens, so scheint es, scheut zunehmend den rauen Wind des freien Wettbewerbs – und flieht stattdessen in den gemütlicheren Schoß der öffentlichen Hand. Nach einer Analyse der Siemens-Bilanz durch die WirtschaftsWoche setzt Siemens bereits heute fast jeden dritte Euro mit staatlich beeinflussten Aufträgen um – Tendenz steigend.

Risikoreicher Kurs

Doch auch damit fährt Löscher einen risikoreichen Kurs: "Wegen der Schuldenkrise in den Industrieländern könnten Staaten und Gemeinden ihre Infrastrukturaufträge künftig deutlich restriktiver vergeben", sagt James Stettler, Analyst bei UniCredit in London. In Schwellenländern droht eine weitere Gefahr: "In der Energie- oder Bahntechnik gehen Staaten wie China oder Südkorea zunehmend dazu über, lokale Wettbewerber durch Subventionen zu Rivalen auf dem Weltmarkt aufzubauen", warnt Stettler.

Der Fokus von Siemens aufs staatsnahe Geschäft ist nicht neu: Noch bis in die Neunzigerjahre hinein war das Unternehmen zum Beispiel Haus- und Hoflieferant der damaligen Bundespost, der die gelbe Megabehörde mit der ganzen Technikpalette ausstattete, von Telefonnetzen über Schaltstationen bis hin zu den grauen Einheitstelefonen. Zudem belieferten die Münchner Versorger wie Veba oder Viag, damals noch mehrheitlich in öffentlichem Besitz. Weil das Alltagsgeschäft operativ oft wenig Gewinn abwarf, die Barbestände insbesondere in den Pensionskassen aber üppig waren, musste sich Siemens jahrelang als "Bank mit angeschlossenem Elektroladen" verspotten lassen. Damals lag der Staatsanteil bei Siemens noch wesentlich höher als heute – nach Analystenschätzungen sogar deutlich jenseits der 50-Prozent-Marke.

Aktien-Info Siemens Quelle: Bloomberg, Thomson Reuters

Das war kein Problem, solange lukrative Märkte wie Telekommunikation stark reglementiert oder gar monopolisiert waren. Mit der Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte Ende der Neunzigerjahre wehte freilich ein anderer Wind in dem Geschäft. Nicht nur die aus der Post herausgelöste Deutsche Telekom musste sich den Kräften des freien Marktes stellen, sondern auch ihre Lieferanten. Doch Siemens war dem Wettbewerb der oftmals kleineren, aber auch agileren Konkurrenz wie Cisco bei Netzwerken oder Nokia im Handygeschäft nicht gewachsen und rutschte in die Krise.

Nach jahrelangen Sanierungsbemühungen des Löscher-Vorvorgängers Heinrich v. Pierer steuerte dessen Nachfolger Klaus Kleinfeld um: Erst verkaufte er Mitte 2005 das schwächelnde Handygeschäft an den taiwanischen Anbieter BenQ. Obwohl Kleinfeld noch eine Mitgift von einer halben Milliarde Euro drauflegte, rutschte BenQ Mobile im September 2006 in die Pleite; rund 3000 Beschäftigte in Deutschland verloren ihren Arbeitsplatz. Mit der Auslagerung der Netzwerktechnik in das Joint Venture Nokia Siemens Networks (NSN) unter Führung der Finnen 2007 leitete Siemens die Zerschlagung der Kommunikationssparte ein, die noch 2005 größter Umsatzbringer des Konzerns war. Finaler Schritt war schließlich im Oktober 2008 der Verkauf der Sparte für Firmen-Telefonanlagen an den Finanzinvestor Gores Group sowie des Gigaset-Telefongeschäfts an den Investor Arques. "Mit dem Verkauf des Telekommunikationsgeschäfts hatte der Einfluss der öffentlichen Hand bei Siemens weiter abgenommen, weil insbesondere das Netzgeschäft bis zuletzt viele staatliche Kunden hatte", sagt Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck in München.

Zunehmender Einfluss öffentlicher Auftraggeber

Das sieht inzwischen wieder anders aus. Kleinfeld und vor allem Löscher investierten bereits in den vergangenen Jahren kontinuierlich in neue Märkte unter Staatseinfluss, etwa erneuerbare Energien oder Medizintechnik. Doch das war nur das Vorspiel: "Die Bedeutung des staatlichen respektive öffentlich unterstützten Geschäfts nimmt für Siemens wieder zu", sagt Kitz. Das unterstreicht der neue Sektor namens Infrastructures & Cities, der mit dem am 1. Oktober beginnenden neuen Geschäftsjahr ins Leben gerufen wird. Er soll staatsnahe Geschäfte aus den Industrie- und Energiesektoren vereinen.

Das Industriegeschäft – mit fast 40 Prozent ein eigenes Riesenkonglomerat im Siemens-Gefüge – soll sich künftig rein auf industrielle Kunden konzentrieren. Mit dem neuen Sektor, der beim Start einen Umsatz von 16,6 Milliarden Euro mit rund 81 000 Mitarbeitern erwirtschaftet, will der Konzern vor allem von der weltweit zunehmenden Verstädterung profitieren: Laut Siemens soll in den kommenden 20 Jahren der weltweite Anteil der in den Städten lebenden Bevölkerung von 50 auf 60 Prozent steigen. Das bedeute den Zuzug von rund 1,4 Milliarden Menschen.

Daraus ergibt sich für Löscher "ein gewaltiger Bedarf an städtischer Infrastruktur wie etwa Energieversorgung, öffentliche Verkehrsmittel oder medizinische Versorgung". Er beziffert das in diesem Bereich adressierbare Geschäft auf rund 300 Milliarden Euro jährlich: "Wir setzen den Hebel an, wo Wachstum ist."

Damit wird der Einfluss öffentlicher Auftraggeber sowie staatlich flankierter Geschäfte auf Siemens mittelfristig weiter zunehmen. Das hat indirekt bereits auch der designierte Chef des neuen Sektors, Roland Busch, deutlich gemacht: "Die Investitionszyklen des neuen Sektors sind weniger volatil und bieten mehr Kontinuität und Planungssicherheit." Das ist deshalb so, weil staatliche Auftraggeber weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen sind als industrielle Kunden. "In der Summe gibt das Siemens Stabilität", so Busch – das öffentliche Geschäft als ruhender Gegenpol zu den stürmischen Märkten.

Anteil öffentlich beeinflusster Umsätze bei Siemens Quelle: Unternehmensangabe, eigenen Recherche

Wie viel Geschäft Siemens im öffentlichen Umfeld bereits macht, wollen weder die Münchner noch Analysten beziffern. Daher hat die WirtschaftsWoche die 14 Divisionen in den drei Sektoren des Konzerns selbst unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Nach einer groben Schätzung setzte Siemens im Geschäftsjahr 2009/10 insgesamt rund 23 Milliarden Euro mit öffentlichen Auftraggebern um, das sind 31 Prozent des Gesamtumsatzes (siehe Grafik). Mit dem im vierten Quartal geplanten Osram-Börsengang steigt die Quote weiter auf fast ein Drittel, weil eine vergleichsweise staatsferne Division aus der Bilanz fällt. Siemens wollte auf Anfrage weder die aktuellen Zahlen noch die künftige Entwicklung des Anteils öffentlicher Aufträge kommentieren.

Damit rangieren die Münchner deutlich oberhalb von Konkurrent GE, "die haben auch noch eine Finanz- und Mediensparte, in der nichts staatlich ist", so Analyst Kitz. Noch über Siemens liegen dürfte der französische Rivale Alstom, der vor allem im staatlich dominierten Transport- und Energiegeschäft stark ist, aber über keine industrielle Sparte verfügt.

Auch die (noch) drei Sektoren von Siemens weisen auffällige Unterschiede auf. So kommt im Industriegeschäft nur jeder fünfte Euro aus staatsnahen Geschäften. Schwerpunkt ist dabei die Division Mobilität, die Eisenbahnunternehmen und Städte mit Hochgeschwindigkeitszügen und Straßenbahnen beliefert. Hier stammen mehr als 90 Prozent des Geschäfts von staatlichen Auftraggebern, etwa der Anfang Mai mit der Deutschen Bahn abgeschlossene Vertrag über die Lieferung von 220 Fernverkehrszügen im Wert von sechs Milliarden Euro bis 2030. Nennenswertes öffentliches Geschäft liefert zudem die Gebäudetechnik. Beide Divisionen gehen daher von Herbst an in den neuen Sektor Infrastruktur und Städte über.

Staatliche Aufträge müssen kein Problem sein

Im Sektor Energie stammt schon jeder dritte Euro aus dem Umfeld der öffentlichen Hand, beispielsweise im Bereich fossile Energieerzeugung durch große Aufträge zum Bau von Gaskraftwerken durch Versorger rund um den Erdball, die meist noch in Staatshand sind. Einen ähnlich hohen Anteil hat das stark wachsende Siemens-Geschäft mit erneuerbaren Energien. Zwar stammen direkte Investitionen, etwa für große Parks mit Windkrafträdern in der Nordsee, vielfach von privatwirtschaftlichen Auftraggebern. "Durch staatliche Subventionen oder gesetzliche Rahmenbedingungen wie etwa der Einspeisevergütung bei der Windenergie ist diese Division aber ebenfalls stark abhängig von der öffentlichen Hand", sagt Merck-Finck-Experte Kitz.

Den größten Anteil mit mehr als der Hälfte öffentlich beeinflusster Umsätze weist der kleinste Siemens-Sektor Gesundheit auf. Der Grund: "Röntgengeräte und Computertomografen gehen häufig an staatliche Kliniken", so Kitz. Zudem sei das Gesundheitswesen in vielen Ländern mehr oder weniger staatlich reglementiert. Jede Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen hat daher unmittelbare Auswirkungen auf künftige Investitionen von Ärzten oder Krankenhäusern.

Nicht jeder Unternehmenskenner sieht in dem Fokus auf staatliche Aufträge ein Problem: Thomas Wybierek, Analyst bei der Nord/LB, findet die Weichenstellung Löschers grundsätzlich richtig: "Siemens hat früher als andere den Megatrend Städte erkannt. Hier die Angebotspalette zu bündeln ist positiv." Aber auch Wybierek konstatiert, dass die wachsenden Staatsschulden ein Risikofaktor sind: "Das Thema Verschuldung könnte bei öffentlichen Auftraggebern in Südeuropa oder den USA ein Problem werden; in vielen Schwellenländern aber eher nicht." Auch Siemens wiegelt diesbezüglich ab. "Es gibt immer den Druck öffentlicher Haushalte. Aber Städte investieren auch in Zeiten knapper Kassen", sagt der künftige Infrastruktur-Sektorchef Busch.

Das Modell einer Quelle: dpa

In den Schwellenländern birgt der zunehmende Fokus von Siemens aufs staatsnahe Geschäft andere Risiken. Denn Staaten wie China oder Südkorea betrachten Bahntechnik und regenerative Energien zunehmend als wichtige Schlüsselindustrien. Daher bauen sie ihre lokalen Unternehmen zunehmend zu globalen Wettbewerbern von Siemens auf, teilweise durch massive staatliche Subventionen.

Wie schnell und heftig das aufs Geschäft durchschlagen kann, hat Siemens bereits erlebt. So ist die anhaltenden Krise der Telekommunikationstochter NSN vor allem dem sogenannten Targeting geschuldet: Nach der Devise "Anpeilen, Angreifen und Ausschalten" hat China die einst unbekannten Unternehmen wie Huawei und ZTE innerhalb weniger Jahre auf Weltniveau gebracht. Dank Dumpingpreisen, Niedriglöhnen und Staatskrediten in Milliardenhöhe haben sie den bisherigen Platzhirschen NSN, Ericsson und Alcatel-Lucent ein ums andere Mal Großaufträge weggeschnappt – ein mörderischer Konkurrenzkampf, den die westlichen Konzerne kaum gewinnen können.

Derartiges könnte sich bald in anderen Industrien wiederholen: "Der wichtigste Hebel dafür ist die Versorgung mit günstigen Milliardenkrediten", sagt UniCredit-Analyst Stellter. Zumindest offiziell fürchtet sich Siemens vor der wachsenden Konkurrenz bisher nicht: "Das ist nichts wirklich Neues. China betreibt schon seit Jahren sehr zielgerichtete Innovations- und Industriepolitik", sagte Löscher Ende 2009 im Interview mit der WirtschaftsWoche. "China ist zudem kein Einzelfall." Zudem, so betonen die Münchner auf Anfrage, habe sich Siemens gerade der Konkurrenz in Schwellenländern erfolgreich erwehrt und dort den Umsatz zwischen 2005 und heute verdoppelt.

Neue Konkurrenten

Wie sehr manche jener Staaten aber bereits in die Märkte der etablierten Konzerne aus dem Westen vorgedrungen sind, zeigt das Bahngeschäft: „Während es früher mit Siemens, Alstom, Bombardier und dem japanischen Anbieter Kawasaki vier Anbieter von Schnellzügen auf dem Weltmarkt gab, sind es heute schon knapp zehn“, sagt Analyst Stettler.

Allein die Volksrepublik hat mit CSR und CNR zwei große Lokhersteller, die aus dem Reich der Mitte heraus auf den Weltmarkt drängen. So hat CSR im Dezember 2010 ein Abkommen mit dem Siemens-Erzrivalen GE über ein Joint Venture geschlossen. Ziel ist es, in den USA gemeinsam an Ausschreibungen über den Bau eines Hochgeschwindigkeits-Schienennetzwerks teilzunehmen.

Aus Südkorea will Hyundai Rotem, die Bahntochter des Mischkonzerns Hyundai, auf den Weltmarkt vorstoßen. Sie exportiert bereits Metro-Bahnen in die Türkei, nach Brasilien und die Philippinen. Hyundai Rotem hat früher in Lizenz von Alstom den koreanischen Schnellzug KTX produziert. Mittlerweile haben die Koreaner ausreichend Know-how, um die jüngste KTX-Generation weitgehend mit eigener Technologie zu bauen. 

Die Gefahr eines Technologieabflusses sieht UniCredit-Mann Stettler auch bei Siemens. China besitzt mit rund 6000 Schienenkilometern das größte Schnellzugnetz der Welt – und will es weiter ausbauen. Um einen Fuß in diesen wichtigen Markt zu bekommen, hat sich Siemens bei einem Auftrag darauf beschränkt, nur einen Teil der Züge in Eigenregie in Deutschland zu produzieren. Alle weiteren Hochgeschwindigkeitszüge jenes Projekts fertigt dagegen der lokale Hersteller CNR; hier liefert Siemens nur Komponenten seines Velaro-Zuges zu. "Reicht die Rolle als Zulieferer, um dauerhaft gegen solche lokalen Wettbewerber bestehen zu können?", fragt Stettler.

Wirklich warm und anheimelnd ist er also auch nicht überall, der Schoß der öffentlichen Hand.  

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