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Ökologischer Landbau Von der Ökotraube zum Spitzenwein

Viele Spitzenweingüter bauen ihre Trauben ökologisch an. Biowinzer wollen sie dennoch nicht sein.

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Die Mediziner-Party konnte beginnen, die Frischkäse-Cracker zum Aperitif warteten, auf dem Herd schmorte der Coq au vin, als die angehende Ärztin Hannah Bauer eintrat und kleinlaut verkündete: „Ich habe nur noch Biowein bekommen.“ Stirnrunzelnd nahm es die Runde hin. Die Erwartungen wurden heruntergeschraubt, statt satter Lebensfreude auszuschenken, würde sie den Gästen ein im schlimmsten Fall saures, im besten Falle langweiliges, dafür aber politisch-korrektes Tröpfchen eingießen.

Biowein, das klingt in den Ohren vieler Konsumenten noch immer nach Anstrengung statt Entspannung, Gutmenschentum statt Gutgehenlassen. Genuss und Lebensmittelkontrolle, das will für viele Kunden bei Wein so wenig zusammenpassen wie Urlaub und Büro. Während in der Landwirtschaft, von der Banane bis zur Zwiebel, das Label Bio oder Öko als Auszeichnung gilt und hilft, höhere Preise zu erzielen, fürchten viele Winzer, in die nach Weizenkleie duftende Vernunftsecke gedrängt zu werden.  Das gilt sogar für die, die seit vielen Jahren dank ökologischem Traubenbau ihre eigenen Produkte immer weiter verfeinern konnten. Fast schamhaft weist bei teuren Flaschen namhafter Winzer ein kleines Logo auf dem Rücken-Etikett auf die Zugehörigkeit zu Verbänden wie Naturland, Demeter oder Ecovin hin.

Bio im Verborgenen

Es gleichberechtigt auf die Vorderseite neben die Angabe der prestigeträchtigen Lage wie Kirchspiel oder Morstein zu drucken wagt kaum einer. „Die Biozertifizierung ist für viele ein Zusatznutzen, aber kein Verkaufsargument“, sagt Steffen Christmann, Präsident des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) und Winzer, der 2000 selbst begonnen hat, seinen Betrieb umzustellen, und ihn seit 2004 biodynamisch betreibt. Auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf präsentierten sich viele von Weinkritikern hoch bewertete Güter unter dem Dach des VDP statt am Stand des Verbands Ecovin, nach dessen Regeln sich viele herausragende Winzer in Deutschland zertifizieren lassen.  

Noch immer ist der Anbau von Biowein in Deutschland eine zarte Pflanze. Die einschlägigen Verbände vereinen gerade einmal 2500 von insgesamt knapp 100 000 Hektar Rebflächen zwischen Ahr und Saale-Unstrut. Wie viele Winzer nach den Biorichtlinien der EU produzieren, ist unklar, eine Zahl kann die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung nicht nennen. Im VDP werden von den 4300 Hektar, die ihren Mitgliedsbetrieben gehören, derzeit immerhin 660 Hektar ökologisch beackert, nach Vollendung der bereits begonnenen Umstellung weiterer Betriebe sind es 2012 mit 1000 Hektar fast 25 Prozent der Flächen. Zudem gibt es eine Dunkelziffer von Winzern, die im Prinzip ökologisch anbauen, sich aber nicht zertifizieren lassen wollen aus Kostengründen oder weil sie den letzten Schritt fürchten und sich das Hintertürchen Pestizid in einem schlechten Jahr offen halten wollen. Doch nur wer zertifiziert ist, darf auch sagen, er produziere Bio.

Was in den Kellern passiert, ist derzeit noch ungeregelt, Bio bezieht sich nach der EU-Richtlinie zunächst nur auf den Anbau der Trauben. Eine EU-Verordnung dazu steht aus, die Streitigkeiten über die erlaubten Mengen an Schwefel verhinderten eine Einigung zwischen den südlichen und nördlichen Nationen.  Die Geschichte des Bioweins in Deutschland ist in ihren Anfängen eine politische. Es ging weniger um das Wohl der Traube als um die Veränderung der Gesellschaft. Menschen, die sich zuvor kaum oder gar nicht mit der Weinproduktion auseinandergesetzt hatten, entdeckten ihre Liebe zu Reben und Weinkellern. Es waren die Ökopioniere, die den Boden bereiteten für Winzer, die Jahrzehnte später erkannten, dass ökologischer Landbau nicht nur das Gewissen beruhigt, sondern auch die Traube resistenter, entspannter und schmackhafter machen kann. „Wir haben dieser Generation viel zu verdanken“, sagt Christmann.  

"Hauptsache Bio" zieht nicht

Allein, die Weinkenner mochten oft nicht, was ihnen die Wegbereiter zu bieten hatten. Dieses Image festigte sich, mit ihm hat die Branche immer noch zu kämpfen. Zumal auch die Konsumenten nicht länger nur mit Weltanschauung zu überzeugen sind. „Die Zeiten, wo es hieß ,Hauptsache Bio‘ und sich auch schlechter Biowein verkaufte, sind vorbei“, sagt Peter Riegel, der bei Freiburg einen Weinimport für Bioweine aus aller Welt betreibt.

Angebrochen ist viel mehr eine Phase, in der einstmals konventionell arbeitende Spitzenbetriebe erkennen, welche Chancen ihnen der Anbau nach ökologischen Prinzipien bietet. Zwei Motive kommen bei einer Reihe von Winzern zusammen: die Pflege des Familienerbes und das Streben nach besserer Qualität. „Die Weinberge sind unser Kapital“, sagt der Pfälzer Winzer Hans-Jörg Rebholz, der 2002 vom Weinführer „Gault Millau“ zum Winzer des Jahres gekürt wurde und 2005 seinen Betrieb umgestellt hat.

Weinprobe: Begeisterung erwünscht, Kenntnis nicht erforderlich

Extensive Landwirtschaft würde die Böden beeinträchtigen, der Einsatz von Herbiziden die Reben schwächen, die möglichst über Dekaden metertief in Muschelkalk- oder Rotschieferböden wurzeln sollen.  Rebholz setzt auf die Widerstandskraft seiner Pflanzen und düngt mit dem auf dem Weingut produzierten Kompost statt mit Mineraldünger, damit die teuren Lagen auch in den nächsten Dekaden ihre Qualität behalten. Den erhöhten Aufwand hat Rebholz sich vorher dennoch „fünfmal überlegt“, denn wegen des Zertifikats „verkaufen wir nicht mehr Wein“.  

Philipp Wittmanns Vater hat im rheinhessischen Dorf Westhofen bei Worms schon in den Achtzigerjahren auf Bioanbau umgestellt. Sein Sohn führt heute den seit 1990 durch Beitritt in den Verband Naturland beschrittenen Weg fort, 2001 erhielt das Weingut die Auszeichnung „Aufsteiger des Jahres“. Zu Beginn sei es auch eine Frage der Weltanschauung gewesen, heute ist es zudem eine der Qualität. Anfangs wurden Winzer, die im Kampf gegen Schädlinge wie Milben und Krankheiten wie Mehltau auf die Kraft der Natur statt der Chemie setzten, von ihren spritzenden Kollegen mit Skepsis betrachtet. Philipp Wittmann kann jedoch seinem Vater heute dankbar sein, die Rieslinge von renommierten Lagen wie Westhofener Morstein oder Brunnenhäuschen zählen zu den besten der Welt.

Alle Widerstände überwunden hat auch das Weingut Bürklin-Wolf von Bettina Bürklin-von Guradze in Wachenheim bei Mannheim. Es gehört mit 85 Hektar zu den großen Betrieben und ist als einziges deutsches Weingut Mitglied der französischen Vereinigung Biodyvin. „Anfangs wurde das als Spinnerei abgetan“, sagt Geschäftsführer Steffen Brahner, nicht zuletzt weil Bettina Bürklin-von Guradze sich früh zur biodynamischen Praxis bekannte: Für ihren Spitzenriesling ließ sie mit Kuhdung gefüllte Hörner im Boden vergraben, zum Schutz der Pflanzen werden homöopathische Lösungen aus Kamille eingesprüht, Pferde statt Traktoren arbeiten im Berg.  

Ökowein ist im Ausland bereits etabliert

Biodynamik, wie sie Bürklin-Wolf einsetzt, beruht auf den anthroposophischen Lehren von Rudolf Steiner, die auch über die Alpen hinweg Anklang finden. Der Südtiroler Winzer Alois Lageder gehört zu den Pionieren, der Steiners Lehren demonstrativ propagiert: „Die biodynamische Landwirtschaft sollte heute für einen Qualitätswinzer eine Selbstverständlichkeit sein.“  In anderen Ländern ist Ökowein etablierter, weil Eliteweingüter dort schon länger auf Bio setzen. Im Elsass erzielen Weingüter wie die Domaine Kreydenweiss am Markt spielend Preise von mehr als 50 Euro für ihre Flaschen. Auch der Pinot Noir der Lage Romanée-Conti, wird ökologisch angebaut. Für eine der 5500 Flaschen von der nur 1,8 Hektar großen Parzelle zahlen Kenner vierstellige Preise. Den wenigsten dürfte wichtig sein, dass sie Biowein trinken. 

„Mehr Geld bekommen wir nicht, nur weil wir biologisch anbauen“, sagt Hans-Jörg Rebholz. Die Preise, die Spitzenwinzer pro Flasche erzielen können, bekommen sie dank hoher Bewertungen in Führern und Präsenz in Spitzenrestaurants. In den normalen Bioläden sind Weine für mehr als 20 Euro pro Flasche kaum zu verkaufen. „Unsere Weine hätten da einen schweren Stand. Sie sind in der Jugend oft noch verschlossen und sehr individuell. Sie bedürfen daher einer guten Beratung durch einen geschulten Verkäufer.“ bestätigt Winzer Clemens Busch aus Pünderich bei Traben-Trarbach. Er ringt den Steillagen an der Mosel komplexe und aromenreiche Rieslinge ab, die bis zu 45 Euro kosten können.„Das ist fast nur im guten Fachhandel möglich“, so Busch – auch wenn inzwischen im ein oder anderen Biofachhandel schon Wein im höheren Preissegment angeboten wird.  

Keine Extrapunkte für Öko

Der Sommelier Hendrik Thoma betreibt heute mit TVino einen Weinversand im Internet, der auch Weine von Wittmann oder dem von Ecovin zertifizierten Weingut Battenfeld-Spanier aus Rheinhessen anbietet. Sortiert sind die Weine nach Farbe oder Herkunftsland. „Einen Kanal für Bioweine würde ich jedoch nicht machen“, sagt Thoma, „das ist kein Verkaufsargument für Weinliebhaber.“  Auch die Weinkritiker, die über Wohl und Wehe eines Weinguts mitentscheiden können, vergeben keine Extrapunkte für Bioanbau. Gerhard Eichelmann, der den gleichnamigen Führer für deutsche Weine herausgibt, weiß, dass ein Biosiegel kein Hinweis für guten Wein ist: „Der Rückkehrschluss ist nicht erlaubt. Eine Relation zwischen Bio und Qualität gibt es nicht.“  

Dennoch sei der eigene Anspruch des Winzers meist eine Richtungsentscheidung. Winzer, die Wert darauf legen, dass die Beschaffenheit der Böden im Wein wiederzuerkennen ist, müssten über kurz oder lang zum biologischen Anbau überwechseln: „Wer Terroir sagt, muss auch Bio oder Biodynamik sagen.“ Ein Garant für Qualität sei auch das noch immer nicht, denn „viele reißen im Keller ein, was sie im Berg aufgebaut haben“. Auch die wiederbelebte Produktion von Naturweinen, die unkontrolliert in Tonamphoren vergären, hat ihre Tücken. „Die Natur der Traube ist eben Essig“, sagt Importeur Riegel.   Auch Hannah Bauer hätte ihre Bioweine stillschweigend eingießen sollen, meint Eichelmann: „Einen Unterschied zwischen den Anbauarten können Sie nicht herausschmecken.“

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