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Olaf Schneider im Interview "Compliance hat Vorrang vor wirtschaftlichen Zielen"

MAN-Compliance-Chef Olaf Schneider über die Korruptionsabwehr nach den Schmiergeld-Skandalen und über Geschäfte mit korruptionsbelasteten Ländern

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MAN-Lkw Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Schneider, seit einem Jahr organisieren Sie die Korruptionsabwehr bei MAN. Was hat sich dabei verändert?

Schneider: Wir haben uns bei MAN im Bereich Compliance komplett neu aufgestellt. Hierfür haben wir unter anderem eine leistungsstarke und schlagkräftige Compliance-Organisation aufgebaut und im Unternehmen verankert. Unser Ziel ist es, Compliance-Verstöße zu verhindern, insbesondere in den Bereichen Korruption, Kartell und Datenschutz. Der Fokus der neu etablierten Compliance-Organisation liegt klar auf Prävention und Gesetze und interne Richtlinien einzuhalten Risikovermeidung; nachgelagert geht es auch um Aufdeckung und Verfolgung.

Wie groß ist Ihr Team inzwischen und wie groß soll es werden?

Schneider: Derzeit sind wir 40 Vollzeitkräfte, mit Zielgröße 46. MAN ist als weltweit tätiges Unternehmen in vielen Geschäftsfeldern aktiv, unsere Compliance-Funktion ist daher welt- und konzernweit aufgestellt. Neben Mitarbeitern im Corporate Compliance Office in der Zentrale  gibt es in allen vier Teilkonzernen unabhängige Compliance Officer, die direkt an mich berichten. Zudem wurden Compliance Manager in den zu den Teilkonzern gehörenden Vertriebsregionen und Business Units etabliert. Alle Mitarbeiter der Compliance-Abteilung haben sich als „Berater“ etabliert und unterstützen  sowohl die Vorstände als auch die Mitarbeiter der Unternehmensgruppe in allen Compliance-Fragen. Für den Aufbau einer  Unternehmenskultur in der Integrität ein wesentlicher Bestandteil ist, ist persönlicher Kontakt besonders wichtig. Compliance kann nicht von oben nach unten angeordnet werden. Durch intensiven Dialog mit unseren Führungskräften und Mitarbeitern versuchen wir, das Verständnis für die Notwendigkeit regelkonformen Verhaltens im täglichen Geschäftsleben zu erhöhen. Zahlreiche Maßnahmen unterstützen dies.“

Zum Beispiel?

Schneider: Wir führen beispielsweise weltweit Compliance Awareness Trainings durch, die sich primär an Führungskräfte und Mitarbeiter richten, welche in ihrer täglichen Arbeit Compliance-Risiken ausgesetzt sind. Bisher wurden 4500 von rund 7000 Mitarbeitern aus der relevanten Zielgruppe persönlich durch meine Mitarbeiter geschult. Wichtig dabei ist: Unser Compliance-Team unterstützt Abteilungen und Kollegen, ihre Arbeit in Übereinstimmung mit den Regeln und Richtlinien zu tun – wir verstehen uns als Partner, nicht als Aufseher. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, betreiben wir einen angemessen hohen Aufwand.

Und was bringt der?

Schneider: Die Mitarbeiter sollen überzeugt „Nein“ sagen, wenn sie etwa zu unrechtmäßigen Zahlungen oder Handlungen im Gegenzug für Aufträge aufgefordert werden. Wir haben mit den Bemühungen  auch erreicht, dass das Thema Compliance nicht der elfte Punkt auf der To-Do-Liste der Mitarbeiter ist, sondern die Art und Weise, wie sie die ersten zehn erledigen. Wir verstehen Compliance als maßgeblichen Teil unserer unternehmerischen Verantwortung, Korruptionsfälle wie den in der Vergangenheit für die Zukunft zu verhindern.

Die Ermittlungen im Fall der damals hundertprozentigen MAN-Tochter Ferrostaal zeigen, dass unter dem Dach von MAN jahrelang wie selbstverständlich geschmiert wurde. Kann man eine solche Unternehmenskultur durch Compliance-Schulungen wirklich ändern?

Schneider: Nicht allein durch Schulungen. Wir haben beispielsweise ein IT-gestütztes Risikoanalyseprogramm für die Prüfung von Vertriebsmittlern installiert, das als Frühwarnsystem kritische Konstellationen erkennt. Dabei spielen folgende Faktoren eine Rolle: Zielmarkt, privater oder öffentlicher Kunde, Vermittler oder nicht, Position des Landes im Transparency-International-Index. Beim Zusammentreffen verschiedener Risikofaktoren ergreifen wir heute verschiedene Vorsichtsmaßnahmen – schon in der Ausschreibungsphase für ein Projekt. Ein weiteres Beispiel: Wir haben ein Compliance- Helpdesk mit zwei festen Mitarbeitern eingerichtet, die allgemeine Fragen zu Compliance-Themen beantworten. Die Belegschaft nutzt dieses Angebot intensiv. Es kommen viele kritische und zum Teil schwierige Fragen. Innerhalb eines Jahres haben wir rund 1200 Fragen beantwortet. Ich bin davon überzeugt, dass der Weg den wir gehen, der richtige ist.

Geschäft verloren hat MAN trotz der restriktiv erscheinenden Maßnahmen nicht?

Schneider: Nein, wir hatten 2010 eine extreme Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr…

…wie andere Unternehmen mit angeblich intensiver Korruptionsabwehr auch. Wie passt das zusammen: immer umfangreichere Compliance-Programme in deutschen Top-Konzernen auf der einen Seite und trotzdem Export-Erfolge auch in korruptionsbelastete Länder?

Schneider: Wenn Sie ein Produkt mit einem Alleinstellungsmerkmal haben und einen Vorsprung vor den Wettbewerbern, brauchen sie keine dieser ‚kreativen‘ Vertriebsmaßnahmen. Korruption verhindert Innovation. Eine echte gelebte Compliance kann heute sogar als Wettbewerbsvorteil gesehen werden.

Aber so ideal ist die Welt doch nicht. Auch MAN steht im harten Wettbewerb mit seinen Produkten.

Schneider: Ganz ausschließen lassen sich Risiken selbstverständlich nicht, aber auf ein Minimum reduzieren. Eine große Herausforderung im Ausland ist die Zusammenarbeit mit Vertriebsvermittlern, Händlern, Importeuren und  Logistikpartnern. Deshalb machen wir eine Integritätsanalyse aller externer Beteiligter am Vertriebsprozess. Wir haben 2010 mehrere Projekte aus Compliance-Gründen abgelehnt. Auf dem Papier hat MAN dadurch auf dreistellige Millionenumsätze verzichtet, tatsächlich aber Risiken vermieden. Es gibt inzwischen eine Menge Auftraggeber, die Geschäftskultur und Reputation ihrer Länder verbessern wollen. Auf die setzen wir.

Es gibt aber auch Herden schwarzer Schafe selbst bei großen Handelspartnern wie China und Russland - oder Kasachstan, wo sich der 2010 in München verhandelte MAN-Turbo-Korruptionsfall abspielte, der zur Verurteilung des früheren MAN-Turbo-Vorstandschefs Heinz Jürgen Maus führte.

Schneider: In allen Ländern ist Korruption strafbar – aber viele Behörden setzen die einschlägigen Gesetzte nicht um, oder nur dann, wenn es plötzlich politisch opportun ist. Ist MAN in solchen Ländern aktiv, sind wir hellwach. Dabei gilt: Gesetze und interne Richtlinien einzuhalten hat jederzeit Vorrang vor dem Erreichen wirtschaftlicher Ziele.  Ebenso bin ich der Meinung, dass man in allen Ländern der Welt „saubere“ Geschäfte machen kann.

Ist der Index von Transparency International ein qualifizierter Anhaltspunkt, um Korruptionsrisiken in Ländern einzuschätzen?

Schneider: Ja, der TI-Index ist gut und hilfreich.

Der über die Korruptionsaffäre gestolperte MAN-Chef Hakan Samuelsson schwor auch schon auf sein Compliance-System, das aber die Affäre nicht verhinderte, über die er stolperte.

Schneider: Compliance hat bei MAN jetzt einen absolut neuen Stellenwert.

Auch bei der deutschen Industrie insgesamt?

Schneider: Nach meiner Wahrnehmung besteht bei der Mehrzahl der Unternehmen in Europa und auch in Deutschland Nachholbedarf. Nicht nur in der Wirtschaft: In öffentlichen Behörden und Unternehmen sind Maßnahmenpakete zur Korruptionsbekämpfung nicht so verbreitet, wie ich es mir wünschen würde. Bei MAN haben wir die Chance, Standards in Sachen Compliance zu setzen und uns dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen – bei Kunden, Behörden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern und Aktionären. Ich sehe uns ganz klar in einer Vorreiterrolle.

Zeigen die aktuellen Kartellermittlungen der EU-Kommission gegen die europäischen LKW-Hersteller nicht, dass der Weg zu einer Selbstreinigung des Unternehmens und zu ehrlichem Wettbewerb noch weit ist – auch für MAN? MAN soll mit Daimler, Scania, Volvo und Iveco illegale Absprachen zu Preisen und Lieferzeiten in sechs Ländern getroffen haben.

Schneider: Zu dem Kartellverfahren kann ich mich nicht äußern, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt.

Stimmt es, dass MAN das Kartell hat auffliegen lassen, um als Kronzeuge mit einer milderen Strafe davon zu kommen.

Schneider: An solchen Spekulationen beteiligen wir uns nicht.

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