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Oligarch Sergej Polonski Politiker, Protze und hungrige Kapitalisten

Politiker, Protze und hungrige Kapitalisten – ein bühnenreifes Interview mit Sergej Polonski, Russlands jüngstem Oligarchen, über Geschäfte in der Krise.

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Sergej Polonski Quelle: Mikhail Galustov für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Polonski, Russland steckt mitten in der internationalen Finanzkrise. Könnte Ihr Unternehmen Mirax zu den ersten Opfern gehören?

Polonski: High-Tech-Unternehmen sind gewöhnlich weniger anfällig für Krisen. Wir bauen High-Tech-Gebäude, und die Mirax-Gruppe wird sehr effizient geführt. Unsere Bauprojekte schaffen höheren Mehrwert als die meisten anderen Projekte im Land.

Im Grunde produzieren Sie doch keine High-Tech-Produkte, sondern bauen anspruchsvolle Wohnungen. Was aber, wenn Ihre Kunden wegen der Finanzkrise und Russlands rückläufiger Rohstoffprofite nicht mehr genug Geld haben, um Ihre Wohnungen zu kaufen?

So weit wird es nicht kommen. Es wird sich nur die Taktzahl verringern. In Russland haben 70 Jahre Kommunismus einen Mangel an Büro- und Wohnraum erzeugt. Deshalb standen die Käufer bis zuletzt unter Dauerstress. Jeder wusste: Wenn ich nicht jetzt kaufe, sondern im nächsten Monat, muss ich noch mehr bezahlen. Das hat sich nun normalisiert. Nun kann man sich zurücklehnen, in Ruhe umsehen und eine vernünftige Entscheidung treffen.

Eine schwere, dunkle Holztür öffnet sich automatisch. Eine brünette Assistentin erscheint mit Kaffee und Tee. Polonski sitzt an einem Couchtisch, in den ein fernöstlicher Miniaturgarten mit sauber geharktem weißem Sand, Kristallen, kleinen Figuren und violett schimmernden Qigong-Kugeln eingelassen ist. Wir merken zu spät, dass das Arrangement nur zur Hälfte von einer gläsernen Tischplatte bedeckt ist und verschütten etwas Kaffee. Polonski lacht und legt einen Stein auf den schwarzen Fleck im Sand.

Die fehlende Glasplatte – wollten Sie damit unsere Geistesgegenwart testen?

Statt zu antworten nimmt Polonski die Qigong-Kugeln aus dem Tisch und lässt sie vollendet auf seinem Handteller kreisen.

Beschäftigen Sie sich auch mit so etwas? Hier, versuchen Sie es. Die Kugeln dürfen sich nicht berühren.

Uns gelingt es nicht halb so gut wie ihm.

Die schenke ich Ihnen. Die Übung hilft Ihnen, die unterschiedlichen Bereiche Ihres Gehirns zu synchronisieren. In einem Monat sehen wir uns wieder. Dann schaue ich mir an, wie Sie es machen.

Herr Polonski, uns interessiert, wie in einem Monat wohl Ihr Geschäft aussehen wird.

Die gegenwärtige Entwicklung ist schlecht für die ganze Welt, kein Zweifel. Andererseits kommt es jetzt zu einer Korrektur der Weltwirtschaft. Es gibt eine Menge altes Kapital. Die Entscheidungsträger in Europa sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Der Umbruch begünstigt aber Junge und Schnelle wie uns.

In Ihrer Branche, dem Immobiliengeschäft, dürfte die Konsolidierung doch mit am härtesten ausfallen. Weshalb sollten Sie zu den Gewinnern gehören?

Aus denselben Gründen, weshalb Deutschland zu den Gewinnern zählen wird: Deutschland hat hervorragende Technologien und eine riesige Menge hoch qualifizierter Menschen. Vor der Krise beruhte der Erfolg mancher Länder darauf, dass sie Rohstoffe besaßen oder US-Dollar drucken konnten. In Zukunft funktioniert das immer weniger. Deutschland kann unter den neuen Bedingungen zur Technologie-Lokomotive für die ganze Welt werden. Mirax sieht sich in der gleichen Rolle und unterscheidet sich entsprechend von seinen Konkurrenten.

Eine russische Folklore-Melodie trällert aus Polonskis Handy. Telefonierend eilt er zur Tür. Wir folgen ihm, vorbei an einem offenen Kamin, in dem Gasflammen aus weißen Steinen züngeln, einem großen Flachbildschirm mit Webcam-Bildern. Vor uns öffnet sich ein mehrstöckiges Atrium, Klaviermusik plätschert, Polonski macht eine ausladende Handbewegung.

Deutsche Architekten haben dieses Gebäude entworfen – Tschoban und Schweger. Haben Sie Höhenangst? Kommen Sie näher ans Geländer. Das ist moderne, transparente Büroarchitektur. Alles ist ruhig und friedlich, alle arbeiten fleißig.

Wen lassen Sie so etwas bauen, auch deutsche Unternehmen?

Ja, weil sie High Tech und Qualität liefern. Wir haben einige deutsche Unternehmen hier auf der Baustelle des Federation Tower, zum Beispiel ThyssenKrupp Aufzüge. Ich habe mir Hochhäuser in Berlin angesehen, den Commerzbank-Tower in Frankfurt, ein sehr intelligentes Gebäude. Ich bin drei Monate lang kreuz und quer durch alle wichtigen Hochhäuser der Welt gelaufen. Erst dann habe ich mit dem Federation Tower angefangen.

Federation Tower in Moskau: Höchstes Haus Europas und Polonskis persönliches Denkmal

Wir sind im ersten schon fertigen Teil des Federation Tower. Am zweiten und größeren wird noch gebaut. Derweil geht den Finanzmärkten das Geld aus. Können Sie Ihr Prestigeprojekt noch fertigstellen?

Natürlich. Die Fläche ist fast komplett verkauft. Viele Deutsche können nicht glauben, dass eine russische Immobilienfirma ein solches Projekt auf die Beine stellt. Sie sehen Bilder und sagen: Das haben die doch mit Photoshop gemacht.

Zurück im Büro lässt Polonski sich von Assistentin Olga ein Album mit Fotos luxuriöser Apartment-Komplexe bringen.

Hier, 100.000 Quadratmeter, fertiggestellt. Und hier, 220.000 Quadratmeter, fertiggestellt und übergeben. Und wenn Sie dieses Projekt hier an der montegrinischen Adria sehen, werden Sie vor Freude weinen. Zeigen Sie mir so etwas anderswo. Sie werden nichts Derartiges finden. Kennen Sie meine Projekte in Miami?

Nein.

Sollten Sie aber.

Wie viel Projekte haben Sie im Zuge der Finanzkrise auf Eis gelegt?

Wir haben kein einziges Projekt gestoppt, das sich im Bau befindet.

Was ist mit neuen Vorhaben?

Die Projekte in der Vor-Investitionsphase haben wir vorläufig ausgesetzt. In naher Zukunft nehmen wir nur die in Angriff, die raschen Cash-Flow versprechen.

Die Kreditklemme wird doch das Wachstum Ihres Unternehmens stoppen.

Vielleicht verzögern, aber nicht stoppen. Mit einer Verzögerung hätte ich überhaupt kein Problem. Ich bin erst 35 Jahre alt, nicht 60 oder 70.

Dennoch wird Polonski unruhig.

Wenn wir eine Finanzierung zu günstigen Konditionen bekommen, werden wir sie nehmen. Wenn nicht, dann nicht. Vielleicht geht es in zwei Jahren weiter, vielleicht erst in drei Jahren.

Sie werden also vorerst nicht mehr wachsen?

Polonski lehnt sich zurück.

Wahrscheinlich nicht.

Was können Sie dann noch tun?

Keine neuen Kredite aufnehmen, nur das bauen, wofür es bereits zu 50 Prozent Käufer gibt, die Effizienz des Unternehmens erhöhen. Bis 2012 wollen wir die Nummer eins unter den Immobilienunternehmen Europas werden sowie Marktführer in einigen EU-Ländern. In Deutschland nicht, dort gibt es bereits viele gute Immobilienentwickler, der Wettbewerb ist sehr hart.

Im Moment wirken solche Wachstumspläne ziemlich utopisch.

Krisen sind Chancen: Die Menschen werden mit schlechten Nachrichten bombardiert.

Polonski imitiert das Geräusch herabsausender Bomben.

Sie sind verunsichert und holen ihr Geld von ihren Konten. In der Schweiz gibt es fast keine Tresore und Schließfächer mehr zu mieten – alles ist belegt. Das ist die Stunde solider Anlageformen wie Immobilien. Allein in dieser Woche hat sich die Zahl der Anfragen bei uns verdoppelt.

Polonski:

Andererseits haben Sie erhebliche Schulden bei westlichen Banken.

Es sind insgesamt 770 Millionen Dollar mit Fälligkeiten bis 2011. Bis Ende 2008 sind davon nur 50 Millionen Dollar fällig, die wir nach Plan bedienen werden. Unsere Verkäufe laufen schließlich weiter. Allein seit September haben wir über 300 Millionen Dollar eingenommen. Und wir erwarten noch 340 Millionen Dollar bis zum Jahresende. Das ist simple Mathematik.

Wie verhalten sich die westlichen Banken Ihnen gegenüber?

Wie Sie sehen, steht vor meinem Büro keine Schlange von Bankern. Keine einzige Bank hat uns die Zinsen auf die laufenden Kredite erhöht. Unsere Anleihen haben auf dem Markt nur 15 Prozent verloren, der Wert der börsennotierten Unternehmen dagegen ist zusammengebrochen.

Wenn Ihre Wachstumsprognosen Wirklichkeit werden – wollen Sie mit Mirax an die Börse?

Wir haben uns zwar als erster russischer Immobilien-Entwickler auf ein internationales Auditing nach dem Bilanzierungssystem US-GAAP vorbereitet, das stimmt. Damit wollten wir westlichen Investoren und Banken zeigen, wie transparent wir sind.

Polonski tritt an ein großes Panoramafenster und lässt den Blick über die emporwachsende Moscow City schweifen.

Aber eine Immobilienfirma wie Mirax sollte nicht an die Börse gehen. Als Unternehmen in Privatbesitz können wir zehnmal so schnell Entscheidungen treffen wie ein gelistetes Unternehmen. Die Entscheidung für das Mirax Plaza dort drüben haben wir binnen einer Woche gefällt.

Assistentin Olga flüstert Polonski ins Ohr.

Wir haben noch zehn Minuten. Noch drei Fragen.

Einige russische Unternehmer müssen den Gürtel im Privaten enger schnallen. Sie sind bekannt für Ihre spektakulären Partys. Müssen Sie Ihren Lebensstil ändern?

Was meinen Sie? Habe ich einen Privatjet? Habe ich eine große Hochsee-Yacht? Habe ich eine Villa an der Côte d’Azur, in Montenegro und Miami? Nein. Aber das passt nicht in Ihr Bild, ich bin gespannt, ob Sie das veröffentlichen.

Darauf können Sie sich verlassen…

…das glaube ich erst, wenn ich es lese. Die westlichen Medien pflegen doch das Image der kulturlosen russischen Geschäftsleute mit Privatjets, Yachten und Luxusvillen. Ich brauche solche Dinge nicht. Ich spende eine Million Dollar für wohltätige Zwecke – für kranke Kinder. Mirax Pharma entwickelt Mittel gegen Krebs. Und ich lese viel. Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.

Er führt uns in seine Bibliothek neben dem Büro. Das Bücherregal reicht bis unter die Decke. Polonski spricht uns kurzzeitig mit Du an.

Hier, „Das Universum in der Nussschale“ von Stephen Hawking. Habt ihr das gelesen?

Nein.

Ich schenke es euch.

Danke schön, sehr freundlich. Sie hatten doch selbst einmal vor, ins Universum zu reisen. Was ist aus Ihrem Traum geworden, als erster russischer Privatmann mit einer Rakete in den Weltraum zu fliegen?

Wäre es technisch möglich gewesen, wäre ich geflogen. Das Problem waren meine langen Beine und die geringen Abmessungen der Raumkapsel: Meine Knie stoßen an die Armaturen und wären bei der Landung gebrochen. Aber die Raumfahrt entwickelt sich weiter. Früher oder später werde ich es tun.

mirax

Was kann Sie auf der Erde dann noch begeistern?

Polonski zieht an einer Wasserpfeife auf seinem Schreibtisch.

Kite Surfing, Snow Boarding, Tauchen...

Er startet eine Dia-Show auf seinem Computer: Polonski schlammbespritzt auf einem Quad Bike, Polonski beim Bungee-Jumping mit freiem Oberkörper, Polonski auf einem motorgetriebenen Surfbrett, Polonski in Fliegerkombi vor einem MiG-Kampfflugzeug, Polonski beim Schießen mit einer Kalaschnikow, Polonski während eines Schwerelosigkeit simulierenden Parabelflugs, Polonski beim Raumfahrt-Training, Polonski beim Team-Building mit seinen Top-Managern im Dschungel Kambodschas.

Es gibt offenbar wenig, wovor Sie sich fürchten. Aber viele russische Oligarchen verlieren zurzeit beängstigend viel Geld und Einfluss. Wo sehen Sie sich in der neuen Hierarchie der russischen Spitzenunternehmer, wenn die Finanzkrise vorüber sein wird?

Polonski ist völlig in seine Dia-Show vertieft.

Was meinen Sie damit?

Große russische Staatskonzerne wie Gazprom und Rostechnologii und kremlnahe Oligarchen wie Alischer Usmanow könnten die Gunst der Stunde nutzen und andere Unternehmen übernehmen.

Wer eine gute Marke und das Vertrauen der Investoren hat, wird zu den Siegern gehören. Wenn du Stahl verkaufst, ist das nicht so wichtig. Wenn du Apartments verkaufst, die noch gar nicht gebaut sind, dagegen schon.

Welche Rolle spielen politische Kontakte in diesen Zeiten?

Eine wichtige.

Haben Sie welche?

Sprechen die Vorstandsvorsitzenden von BMW, Siemens, RWE oder E.On nicht mit der deutschen Bundeskanzlerin? Gute Beziehungen zur Politik sind überall wichtig. Es kommt darauf an, was ein Unternehmer für die Entwicklung des Staates tun kann. In diesem Sinne habe ich Beziehungen. Sonst würde ich nicht Hochhäuser wie dieses bauen.

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