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Online-Handel Amazon wird zur Supermacht im Netz

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The logo of Apple Computer is Quelle: Reuters

Doch bei Bezos, so erzählt es ein Vertrauter, ist ein bitterer Nachgeschmack geblieben. Bis heute ist sein Verhältnis zu Analysten angespannt. Statt selbst die Quartalszahlen zu präsentieren, lässt Bezos seinen Finanzchef Thomas Szkutak Rede und Antwort stehen. Kritisch sehen viele Analysten die hohen Investitionen, die auf den Profit drücken. Die Anleger scheint das derzeit nicht zu stören. Gut verdient haben vor allem jene, die Bezos in dunkelsten Zeiten ihr Vertrauen geschenkt haben: 1000 Dollar auf dem absoluten Tiefstand im September 2001 in Amazon-Aktien angelegt, sind heute 35 000 Dollar wert.

Bei solchen Zuwächsen kann nur noch Apple mithalten. Das wertvollste Technologieunternehmen der Welt mutet allerdings im Vergleich zu Amazon wie ein Schnäppchen an. Apple wird zu etwa dem 24-Fachen des Jahresgewinns von 2010 bewertet, bei Amazon ist es das 85-Fache. Das liegt daran, dass die Anleger bei Bezos’ Imperium noch eine Menge Wachstumsfantasie sehen, sowohl beim Online-Handel als auch beim Cloud Computing und bei digitalen Medien. "Amazon wächst in den USA bei E-Commerce viermal schneller und international immer noch zweieinhalbmal rascher als die Wettbewerber", sagt JP-Morgan-Analyst Scott Devitt. Er erwartet, dass Amazon bis 2015 seinen Umsatz auf 100 Milliarden Dollar steigert.

Amazon-Produkte erreichen einen größeren Markt

Auch jenseits des Online-Handels gehen Bezos und seinen Beratern die Ideen nicht aus. Erfolgreich ist zum Beispiel die Strategie, die Software für den Zugriff auf Amazons Kindle-Buchstore nicht nur exklusiv auf dem Kindle zu belassen, sondern sie für alle möglichen Geräte zu öffnen – von PCs und Macintosh-Computern über das iPad bis zu Smartphones wie iPhone, Blackberry und Microsoft-Handys. Während bei Apple eingekaufte Medien – mit der Ausnahme von Musik –  nur auf Apples Geräten funktionieren, werden die Kindle-Inhalte über die Systemgrenzen hinweg verteilt und erreichen so einen größeren Markt.

"Das war ein genialer Schachzug", lobt Randall Stephenson, Chef der Telefongesellschaft AT&T, die den mobilen Empfang für den Kindle in den USA und international sicherstellt. Denn künftig steht für die Kunden nicht mehr die Hardware im Vordergrund, sondern die dafür verfügbaren Inhalte. Doch das klappt nur, wenn konkurrierende Systeme offen für Wettbewerber bleiben. Dank seiner Präsenz auf allen möglichen Smartphones und Tablet-PCs – auch auf denen von Konkurrenten wie Apple – verkauft Amazon nun mehr digitale Bücher als gedruckte Werke. Der Kindle ist ein Bestseller.

Thriller für 99 Cent

Zudem können erstmals Autoren auch ohne Verleger nennenswert verdienen, wenn sie ihre Werke direkt für den Kindle publizieren. Vom Erlös behalten sie 70 Prozent. Der amerikanische Thriller-Autor John Locke und die Vampir-Saga-Autorin Amanda Hocking, beide ohne offiziellen Verleger, stiegen so zu Auflage-Millionären auf – auch weil sie ihre Werke zu Kampfpreisen ab 99 Cent offerierten. Apple bewirbt derweil kräftig seinen eigenen E-Book-Store. Deshalb ist der geheimnisumwitterte Tablet-Computer aus dem Lab 126 auch eine Art Lebensversicherung für Amazon. Sollte Apple jemals seine Geräte der Software zum Abruf von Kindle-Büchern verschließen, könnte der Online-Händler mit eigener Hardware entgegensteuern.

In den vergangenen Jahren haben die Investoren von Bezos’ Risikobereitschaft profitiert. Doch das kann auch leicht umschlagen. Gut möglich, dass Bezos in ein paar Jahren wieder als Prügelknabe für enttäuschte Anleger herhalten muss. Beim Cloud Computing beispielsweise gibt es derzeit ein Überangebot. Analysten erwarten dadurch sinkende Preise, was die Margen drückt. Wie schnell der Ruf eines Anbieters in diesem Bereich beschädigt werden kann, erlebte Amazon im Frühjahr, als eines seiner Datenzentren ausfiel und den Service für Kunden wie dem sozialen Netzwerk Foursquare lahmlegte. Bis heute hat Amazon nicht richtig offengelegt, wie es zu dem Malheur kommen konnte und in welchem Umfang Daten vernichtet wurden. Das Wachstum hat das allerdings bisher nicht beeinträchtigt.

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