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Opernhäuser Deutschlands Musiktheater im Wirtschaftlichkeits-Check

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Probenszene zur

Welches Ausmaß die Nonchalance in wirtschaftlichen Dingen konkret angenommen hat, zeigt eine Analyse des Geschäftsbetriebs der zehn größten Opernhäuser Deutschlands sowie ausgewählter Musiktheater in der Provinz durch die WirtschaftsWoche. Die Ergebnisse sind erschreckend, den Zahlen zufolge dürften die Tempel der Bässe und Tenöre das am höchsten bezuschusste Bezahlangebot bilden, das der Staat in Deutschland im Programm hat:

-  Mehr als 370 Millionen Euro mussten die Steuerzahler in der zurückliegenden Saison 2009/10 allein in den Metropolen Berlin, München, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Dresden und Frankfurt zuschießen – damit Don Giovannis Diener Leporello die 1003 eroberten Frauen seines Herrn in Spanien besang oder Alfredo seiner siechenden Edelprostituierten Violetta in „La Traviata“ hinterherweinte.

- Ausgegossen wurde das staatliche Füllhorn über gerade mal rund 2,8 Millionen Freunde des mal heiteren, mal ernsten Singspiels. Jedem von ihnen steckte der Steuerzahler pro Besuch – mit Ausnahme der Bayerischen Staatsoper in München – unbemerkt mindestens einen Hunderter zu. Öffnete sich in Düsseldorf der Vorhang zu den „Dialogues des Carmélites“ oder „Hänsel und Gretel“, regnete es pro Zuschauer jedes Mal unsichtbar 133,87 Euro an Steuergeldern herab. Gab die Komische Oper in Berlin die „Schneekönigin“ oder die „Meistersinger von Nürnberg“, sponserte der Senat jeden Besucher mit 224,18 Euro. Den größten Obolus erhielt, wer sich ins Große Haus des Volkstheaters Rostock begab, um der „Lustigen Witwe“ oder der „Hochzeit des Figaros“ beizuwohnen – jedes Mal sage und schreibe 402,54 Euro vom Steuerzahler.

-  Entsprechend wenig tragen die selbst erwirtschafteten Einnahmen dazu bei, die Kosten der Orchester und Chöre, Bässe und Baritone, Regisseure und Requisiteure zu decken. Am besten kommen die Steuerzahler in Dresden weg, wo die Betriebseinnahmen 43 Prozent der Ausgaben der Semperoper einspielten. In Düsseldorf schaffte die Deutsche Oper am Rhein dagegen nur 15 Prozent. Das Staatstheater am Gärtnerplatz in München verdiente sogar nur 13 Prozent der Kosten selbst, die „Gräfin Mariza“ oder der „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ verschlangen. Opernhäuser in der Provinz geben sich mit noch viel weniger zufrieden, bestenfalls zehn Prozent.

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    Verlorene Generation

    „Wenn Sie zwei Mal im Monat mit Ihrer Frau in die hoch subventionierte Oper gehen, erhalten Sie von der Gemeinschaft höhere Transferleistungen als die meisten Hartz-IV-Empfänger“, schimpfte Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm. Der leidenschaftliche Verfechter eines staatlich garantierten Mindesteinkommens steht außer Verdacht, Kultur gering zu schätzen: Werner ist Förderer des Festspielhauses Baden-Baden und Initiator zahlreicher Aktionen, die Lehrlinge in Theaterworkshops schleusen oder das Singen in Kindergärten vorantreiben.

    Wirtschaftlich am besten steht von den großen Häusern in Deutschland noch die Semperoper in Dresden da. Den Spitzenplatz verdanken die Sachsen drei Ursachen. Erstens verlangen sie richtig Geld für die Karten, in der Spitze 120 Euro, gegenüber lächerlichen 55 Euro in Köln. Zweitens gibt es in dem Vorzeige-Kulturbau aus DDR-Zeiten 300 Vorstellungen im Jahr, kleinere Kammerabende nicht mitgezählt. Andere Häuser sind längst nicht so produktiv. Drittens wurden die Arbeitsabläufe optimiert, Abteilungen wie die Beleuchtung und Tontechnik zusammengelegt.

    Wachsende Personalausgaben

    „Wir haben alle Bereiche auf den Prüfstand gestellt“, sagt Wolfgang Rothe, Kaufmännischer Geschäftsführer der Semperoper. „Wo es vorher fünf Mitarbeiter gab, sind es jetzt vielleicht noch drei, ohne an Qualität einzubüßen.“

    Ändert sich an den Opern in Deutschland nicht bald etwas grundlegend, dürfte sich das Missverhältnis von Einnahmen und Zuschüssen sogar noch vergrößern. Denn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der gehätschelten Branche sind alles andere als rosig, auch unabhängig vom Sparzwang der öffentlichen Kassen.

    Auf der einen Seite steigen nach Schätzung von A.T. Kearney die Kosten der Häuser in den kommenden zehn Jahren vermutlich um rund ein Viertel. Treibsatz sind die unablässig wachsenden Ausgaben für Personal, die etwa 85 Prozent der Gesamtbudgets ausmachen.

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