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Opernhäuser Deutschlands Musiktheater im Wirtschaftlichkeits-Check

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Die Deutsche Staatsoper Unter Quelle: AP

Auf der anderen Seite drohen sich die Zuschauerränge radikal zu lichten. Martin Tröndle, Professor für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung an der Friedrichshafener Zeppelin University, prophezeit den hiesigen Opern in ihrer heutigen Form 40 Prozent weniger Publikum innerhalb der kommenden drei Dekaden. Die jüngeren Jahrgänge schlagen einen immer weiteren Bogen um die Opernwelt, wie sie sich gegenwärtig präsentiert. Besuchten 1995 noch 43 Prozent aller 10- bis 39-Jährigen die Oper, waren es 2009 nur noch 17 Prozent.

Zwar wächst der Anteil der älteren Menschen auf lange Sicht. Doch ob diese in reiferen Jahren auf einmal ihr Klassik-Gen entdecken, ist mehr als fraglich. „Der Hörer hält Musikgewohnheiten, die er in seiner Jugend entwickelt hat, auch im späteren Alter die Stange“, sagt Susanne Keuchel, Geschäftsführerin Zentrum für Kulturforschung in St. Augustin bei Bonn. „Wenn die Opernhäuser kein neues Publikum finden“, folgert Wissenschaftler Tröndle, „haben sie in Zukunft überhaupt keins mehr.“

Erste Vorboten dieser Entwicklung registriert der Deutsche Bühnenverein, dem die Theater und Orchester angehören, in der vorvorigen Spielsaison. Strömten 1995/96 noch 5,1 Millionen Besucher zur „Entführung aus dem Serail“ oder „Cosí fan tutte“, waren es 2008/09 nur noch 4,4 Millionen, 14 Prozent weniger. Dadurch verringerte sich das Einspielergebnis der Häuser, also die Betriebseinnahmen ohne Zuschüsse weiter, allein 2008/09 gegenüber dem Vorjahr von 19,1 auf 18,5 Prozent. Noch reden die Standesvertreter die Dramatik klein. „Niemand kann für einen langen Zeitraum sicher vorhersagen, was die Menschen in Zukunft interessieren wird und was nicht“, sagt Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

Für Außenstehende steht jedoch fest, dass über kurz oder lang das Geschäftsmodell der Branche auf den Prüfstand muss. „Viele Stadtkämmerer bestätigen hinter vorgehaltener Hand“, sagt Wissenschaftler Tröndle, „dass die Musiktheater Legitimationsprobleme für ihre bisherige Art der Geldbeschaffung bekommen.“ Wenn ein Opernhaus immer mehr Geld brauche und immer weniger Zuschauer kämen, ahnt Ioan Holender, langjähriger Intendant der Wiener Staatsoper, „dann ist klar, dass die Politik nachfragt“.

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    Ein erster Schritt, mehr Wirtschaftlichkeit in den Betrieb zu bekommen, wäre nach Meinung von Experten die Trennung der Häuser vom öffentlichen Haushaltsrecht. Keine Frage, Oper ist aufwendig. Große Theater sind mittelständische Unternehmen, setzen gut und gerne 50 Millionen Euro pro Jahr um und beschäftigen 500 Mitarbeiter oder mehr. Trotzdem werden viele der Häuser wie eine Behörde geführt und sind an selbst erwirtschafteten Eigeneinnahmen wenig interessiert.

    Kaum funktionierende Marketingabteilungen

    „Gelänge es einem Intendanten, tatsächlich Ressourcen einzusparen, läuft er Gefahr, in der nächsten Saison weniger Subventionen zu bekommen“, sagt Vera van Hazebrouck, Direktorin des Salzburger Mozarteumorchesters. „Denn er zeigt, dass er das Geld offensichtlich nicht braucht.“

    Entsprechend wenig unternehmen die Intendanten, um Zuschauer zu werben: „Nur etwa jedes zehnte Opernhaus hat eine funktionierende Marketingabteilung“, schätzt Orchester-Vertreter Mertens. Marktforschung im Oper- und Konzertbereich etwa sei bei den meisten Häusern eine reine „Lachnummer“. Häuser wie die Deutsche Oper in Berlin, die Modemacher Wolfgang Joop für sich werben lässt, sind die Ausnahme. Aus dem Rahmen fällt auch, wie sich die Semperoper deutschlandweit präsentiert und ihre Marke als Traditionshaus pflegt.

    Eine Sonderrolle in der hiesigen Opernwelt spielt das Festspielhaus Baden-Baden. Ihm gelingt es, beim laufenden Betrieb ohne einen Cent Subventionen auszukommen. Das Erfolgsgeheimnis ist eine besondere gesellschaftsrechtliche Konstruktion sowie professionelles Management.

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