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Opernhäuser Deutschlands Musiktheater im Wirtschaftlichkeits-Check

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Die Deichbevollmächtigten im Quelle: dpa

Mit Blick auf Baden-Baden ist A.T. Kearney-Beraterin Witzemann deshalb überzeugt: „Viele Häuser könnten vor dem Aus bewahrt werden, wenn Kulturmacher erkennen, dass ein Kulturbetrieb auch ein Wirtschaftsunternehmen ist.“ Daraus folge, das die Intendanten lernen müssten, „Besucher als Kunden mit unterschiedlichen Bedürfnissen anzusprechen“, um die Einnahmen zu steigern.

Ein enormes Potenzial biete zum Beispiel das Angebot von Shopping und Gastronomie rund um die Oper. Laut A.T. Kearney ließen sich damit die selbst erwirtschafteten Einnahmen um bis zu ein Drittel steigern. Brach liege in Deutschland auch das Kultursponsoring durch Unternehmen, das seit zehn Jahren unverändert bei 300 Millionen Euro pro Jahr verharre. Wie es anders geht, auch das zeigt das Beispiel Baden-Baden.

Grundsätzliche Veränderungen am Produkt, also an der Präsentation der Oper, empfiehlt Kulturbetriebswirt Tröndle, vor allem um die Erosion bei den jungen Operngängern aufzuhalten. „Warum versuchen wir eigentlich krampfhaft, die Jugend für die Oper zu erziehen, statt die Aufführungen den Bedürfnissen der Jugend anzupassen?“, fragt Tröndle.

Abschreckende Atmosphäre

Viele Stoffe ließen sich etwa mit aktuellen Themen aktualisieren. Und müsse Oper immer in steriler Atmosphäre stattfinden? „Wir müssen die Oper entstauben und die Schuld nicht immer bei anderen suchen“, stichelt Tröndle gegen diejenigen, die zu wenig Musikunterricht oder die Revoluzzer der 1968er-Ära beklagen, die angeblich das Bildungsbürgertum in Deutschland zerstört hätten.

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Standort erkennen

    Kommunalpolitiker begründen die riesigen Zuschüsse oft auch damit, sie würden dadurch Gäste in die Stadt locken. Deren zusätzliche Ausgaben – für Übernachtungen oder Restaurantbesuche – würden die lokale Wirtschaft stärken und die Steuereinnahmen erhöhen. „Umwegfinanzierung“ heißt diese Hoffnung der Stadtkämmerer, sie könnten die kommunalen Ausgaben für die Oper durch Mehreinnahmen sogar übertreffen.

    Bei der Semperoper, die für viele Dresden-Besucher ein erlässlicher Höhepunkt darstellt, mag diese Rechnung in Teilen aufgehen. Größte Zweifel nährt dagegen Berlin. Zwar behauptet die Hauptstadt, jeder dritte Tagesgast komme wegen eines Theater- oder Opernbesuches, und wirbt: „Berlin ist die reichste Stadt der Welt. Zumindest an Opern.“ Überfüllt sind die drei Opern, die Berlin jährlich mehr als 112 Millionen Euro kosten, aber nicht. Die Komische Oper erzielt mit 63 Prozent die geringste Auslastung unter Deutschlands großen Häusern. Torsten Wöhlert, Sprecher der Kulturverwaltung, gibt zu: „Wenn wir heute am Reißbrett neu planen könnten, gäbe es keine drei Häuser mehr.“

    In Baden-Baden dagegen scheint die Rechnung aufzugehen: 180 000 auswärtige Opernbesucher bringen dem Kurort jährlich 46 Millionen Euro. „Durch das Festspielhaus gewinnt die Stadt an Kaufkraft und Wertschöpfung. Insbesondere die Hotellerie und Gastronomie profitieren in hohem Maße von den Ausgaben der Besucher“, schreibt die Universität St. Gallen in einer Studie. Die Schweizer attestieren dem Sangestempel sogar eine Sogwirkung: Er habe entscheidend dazu beigetragen, dass der Kunstmäzen Frieder Burda sein Museum hier gebaut und das Kulturangebot erweitert habe.

    Wie sich die anderen Opern in einem ersten Schritt reformieren ließen, hat Musikus Tröndle im Ausland abgeguckt: durch ein neues Subventionssystem. „Wir könnten einige Häuser schließen oder bei allen 20 Prozent der Zuschüsse einbehalten und diese Gelder neu verteilen“, schlägt er vor. Darauf müssten sich alle mit innovativen Ideen bewerben. „Die Holländer und Engländer machen uns das schon vor.“

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