WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Ostseepipeline Nord Stream Schröders Pipeline-Großprojekt ist fast fertig

Gerhard Schröders liebstes Industrievorhaben ist fast vollendet: Die Betreibergesellschaft Nord Stream, als deren Aufsichtsratschef der Ex-Bundeskanzler fungiert, hat die Ostseepipeline so gut wie fertiggestellt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Das Ankerziehschiff

Wenn irgendjemand eines Tages Bilanz ziehen wird über die Lebensleistung des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), dann wird wohl folgendes in Erinnerung bleiben: Hartz IV, die Vertreibung von Oskar Lafontaine aus der SPD, die Verweigerung deutscher Truppen für George W. Bushs Irak-Krieg - und die Ostseepipeline.

Letzteres Großprojekt ist das Werk aus der Nach-Kanzlerära Schröders - und wie alles, was Schröder anpackt, wird erst nach einer Weile des Gärens und Reifens zum Ruhmesblatt. So war es mit Hartz IV, zunächst gescholten, dann Grund für seine Abwahl - und nun in Teilen eines der Ursachen für den Aufschwung. Die Vertreibung von Lafontaine aus dem Kabinett erwies sich später als politisch segensreich. Der streitsüchtige Radikalinski hat sich nun ganz ins Privatleben zurückgezogen. Und bei der Ostseepipeline, durch die im Oktober dieses Jahres das erste Gas aus den sibirischen Gasfeldern nach Deutschland fließen soll, ist der "Schröder-Effekt" fast genau so - leicht verzögert.

Zunächst einmal kommt die Gasröhre zur Unzeit. Januar 2011: Es gibt zuviel Gas in Europa. Die Märkte sind überschwemmt, die Preise sinken dramatisch und erfreuen die Großabnehmer wie die deutschen Stadtwerke, bescheren aber beispielsweise dem Großhändler E.On Ruhrgas herbe Verluste in Milliardenhöhe. E.On Ruhrgas ist intern angeblich zum Verkauf ausgeschrieben. Der russische Gasförderer Gazprom steht längst nicht mehr so strahlend da wie noch im vorigen Jahr - das Gas der Russen ist in Westeuropa bei weitem nicht mehr so begehrt. Die Bilanzen sind verhagelt. Gazprom backt kleine Brötchen.

Und nun kommt Schröder mit seiner Gaspipeline. Niemand aus der Energiebranche zweifelt jedoch daran, dass die Gasschwemme und die Klage der Anbieter über zu niedrige Preise nur von kurzer Dauer sein werden. Die Ostseepipeline wird von Zwischenländern wie die Ukraine oder Polen unabhängig sein. Sie wird die direkten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland bilateral enger knüpfen, was die Länder, die außen vor bleiben, nicht nur mächtig ärgert, sondern auch historische Empfindlichkeiten wieder aufleben lässt. Siehe Polen, das verständlicherweise ungern im Miteinander zweier starker Nationen - Russland, Deutschland - in wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit verschwinden will. Es war Kalkül, dass die Ostseepipeline nicht nur als Gastransport- Röhre in der Ostsee versenkt wird, sondern zwei Mächte - die eine Macht ein gigantisches Rohstoffimperium, die andere drittstärkste, westliche Industrienation - aneinander bindet und voneinander profitieren lässt. An dieser Politik hatte der Altbundeskanzler Schröder, der sich etwas penetrant seiner Freundschaft mit Wladimir Putin rühmt, einen beträchtlichen Anteil.

Am heutigen Dreikönigstag zieht Nord Stream noch einmal seine Erfolgsbilanz - eine Zwischenrechnung, die angesichts anderer internationaler Großprojekte, wie die immer noch in Anfangsschwierigkeiten steckenden Gaspipeline Nabucco, recht positiv aussieht. Der Ball wird aber dennoch von den Nord Stream-Managern so flach wie möglich gehalten: Schröder selbst tritt nicht auf, wie er sowieso öffentliche Showprogramme in Sachen Ostseepipeline tunlichst vermeidet. Es lässt sich am Donnerstag alles ganz örtlich überschaubar an. In vorpommerschen Ostseebad Lubmin, östlich von Greifswald nahe der Insel Rügen, lädt die Betreibergesellschaft die regionale Presse auf ihr Betriebsgelände ein, um Rechenschaft abzulegen. Ort: "Baubüro".

Headline der Presseschau: Das vor vier Jahren begonnene Reisenprojekt, das lange Zeit politisch umstritten war und insgesamt auf eine Investitionssumme über 7,4 Milliarden Euro kommt, steht kurz vor der Vollendung. Die Pipeline besteht aus zwei Strängen, jede 1224 Kilometer lang. Das ist die Strecke zwischen Vyborg, dem russischen Küstenort unweit der russisch-finnischen Grenze und Vorpommern. Von Vyborg geht eine Überlandleitung zu den riesigen, sibirischen Erdgasfeldern in Jushno Russkoje. Von Lubmin wird es eine weitere Überlandleitung in die Verteilerzentren in Niedersachsen geben. Dort, welch Zufall, regierte einst Gerhard Schröder als Ministerpräsident, bevor er ins Kanzleramt einzog.

Der erste Strang der Pipeline ist fertig. Der Zeitplan: Im Oktober 2011 fließt dort das erste Gas von Russland in die EU, sprich nach Deutschland. Ein Jahr später, im Oktober 2012, wird auch der zweite Strang fertig sein. Die Enden sind bereits von Spezialschiffen versenkt, die Mitte muss noch in den Ostseegrund herabgelassen werden. Das Ganze ist eine technische Mammutleistung: Die beiden Gasröhren bestehen aus insgesamt 202 000 betonummantelten Stahlrohren. Jedes dieser zwölf Meter langen Rohre wiegt etwa 23 Tonnen. Nach Fertigstellung wird die Pipeline jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa transportieren. Das entspricht der Menge, die ausreichend ist, um 26 Millionen europäische Haushalte jährlich zu versorgen.

An dem Betreiberkonsortium Nord Stream hält der russische Energiekonzern Gazprom 51 Prozent. Jeweils 15,5 Prozent besitzen der deutsche Chemiekonzern BASF und der Energieversorger E.On. Die Gasunternehmen Gasunie aus Holland und die französische GDF Suez halten je 9 Prozent.

Und es gibt noch einen anderen Industrie- und Arbeitsplatz-Effekt: Die meisten der Rohre werden von dem Unternehmen Europipe in Mülheim an der Ruhr gefertigt. Das frühere Mannesmann-Werk liegt an der Bahnstrecke Düsseldorf - Essen, und die kilometerlangen Waggonreihen mit den aufgeladenen nahtlosen Rohren, eine Erfindung von Mannesmann, säumen die IC-Strecke und künden vom sichtbaren Zeichen des industriellen Auftragsbooms, den die Pipeline entfacht hat. Das Mannesmannwerk gehört heute zur Hälfte zum Stahlwerk Salzgitter, die andere Hälfte liegt in den Händen der saarländischen Dillinger Hütte. Und die wiederum befindet sich zu einem Drittel im Besitz des Inders Lakshmi Mittal mit seinem luxemburgisch-französischen Stahlkonzern Arcelor Mittal.

So ist die Ostseepipeline ein europäisches Projekt, das weit mehr ist als das einträgliche Vergnügen eines deutschen Altbundeskanzlers. Wenn auch zu großen Teilen sein Verdienst.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%