WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Playboy-Legende im Interview Gunter Sachs über die Liebe mit Brigitte Bardot

Seite 2/3

Sachs mit Brigitte Bardot

Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?

Nachdem ich – schon als Dreijähriger - mit meiner Mutter in die Schweiz gekommen war, hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Mein Vater war in dieser Zeit zu einem Fremden geworden, erst mit neunzehn habe ich ihn kennengelernt. Ich empfand Respekt und Zuneigung, wie zu einem netten älteren Herren.

Nicht selbstverständlich: Ihre Mutter ließ sich scheiden, flüchtete 1935 mit Ihnen aus Deutschland nach einem despektierlicher Interview über Ihre Scheidung, da dem Vater das Sorgerecht für Sie und Ihren Bruder zugesprochen worden war.

Zur Flucht hatte ihr ein befreundeter Arzt geraten, direkt nachdem dieses Interview erschienen war. Sie wollte in die Schweiz, ist aber kurz nach der Liechtensteiner Grenze verhaftet worden. Meine Mutter kam in das Witwenheim Quisisana und versuchte, von dort unsere Einreise in die Schweiz zu legalisieren. Mein Bruder und ich landeten für ein paar Monate in dem Waisenhaus Plankis bei Chur.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Keine schöne Erfahrung ...

    Ach – als Kinder haben wir das nicht so schlimm empfunden. Für uns war das eher ein Abenteuer. Natürlich waren die Verhältnisse einfach, aber wir hatten ja noch unsere Kinderzofe dabei. Wenn die sich abends ins Bett gewuchtet hat, quietschte es immer ohrenbetäubend. Für uns ein Mordsspaß. Und nach drei Monaten konnten wir schließlich doch in der  Schweiz bleiben.

    Der Start ins Paradies ....

    Eher ein holpriger. Unsere Mutter musste die ersten Jahre ganz schön kämpfen, um uns alle durchzubringen. Ihr Vermögen war ja während des Kriegs von den Nazis gesperrt worden. Ein mit Mutter befreundeter, ausgewanderter deutscher Anwalt hatte [i]hr dann Geld geliehen, das ihr erlaubte, die Kriegsjahre in der Schweiz zu leben. Sonst wäre es schwierig geworden.

    Blieb da auch was für's Taschengeld übrig?

    Soviel wie den Waisen- und später den Internatsjungen. Das fanden wir etwas spärlich. Im Internat auf dem Rosenberg in St. Gallen fanden mein Bruder und ich aber Möglichkeiten, dies durch geschickten Handel etwas aufzustocken.

    Wie denn?

    Weil unsere Mutter um eine vitaminreiche Ernährung besorgt war, richtete sie während unserer Zeit im Internat beim Lebensmittelhändler im Ort ein Obstkonto ein. Wir durften uns also Früchte holen und Ihr wurde dafür die Rechnung geschickt. Am Anfang waren es ein paar Äpfel und Datteln. Aber schon in der dritten Woche standen auf der Rechnung: Zwei Strünke Bananen, vier Kisten Orangen, sieben Pakete Datteln, zwei Kilo Nüsse.

    Bisschen viel für zwei Knirpse.

    Haben wir auch nicht selbst gegessen – sondern in der grossen Pause verkauft, leicht unter Ladenpreis. Die Lehrer waren die besten Kunden unseres Obststandes 'Sachs & Sachs'. Nach sechs Wochen flog die Sache wieder mal mit Grossgewitter auf – und es gab leider keine Fotos eines geschossenen Löwen.

    Und Ihr Vater hat nie Geld geschickt?

    Ich glaube nicht. Selbst Geschenke, die für uns vom Vater kamen – zum Beispiel zwei Fahrräder aus einem seiner deutschen Werke – hat meine Mutter selbst gekauft. Trotzdem hat sie vor uns nie ein böses Wort über meinen Vater verloren. Und wie ich schon sagte, wirklich kennen gelernt habe ich ihn auch erst mit 19 Jahren. Ein eigenartiges Gefühl, wie ich da plötzlich vor ihm stand. Er war einige zuvor aus amerikanischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Von dieser Zeit im Lager hat er sich dann nie mehr erholt. Er bekam Depressionen – und nahm sich im November 1958 das Leben.

    Damals der zweite Schicksalsschlag innerhalb weniger Monate – kurz vorher war Ihre erste Frau bei einem Routineeingriff im Krankenhaus verstorben. Fühlten Sie sich den neuen Aufgaben gewachsen – als Unternehmer und allein erziehender Vater?

    Das waren wirkliche Schocks. Meine Frau sollte operiert werden, um die Spätfolgen eines leichten Autounfalls zu beheben. Eigentlich keine problematische Operation. Aber bei der Narkose wurden zwei Schläuche verwechselt und sie wachte nicht mehr auf. Zum Glück hat sich meine Mutter dann rührend und mit der ihr eigenen Energie um Rolf gekümmert. Ich habe ihn meist am Wochenende besucht. Später kam er in ein Internat nach Lausanne, wo ich damals wohnte.

    Und in der Firma?

    Mein Bruder ging in den Vorstand, ich kümmerte mich um die Auslandsaktivitäten der Firma und wurde stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Bei den Tochtergesellschaften war es ähnlich.

    Praktische unternehmerische Erfahrung hatten Sie damals aber nicht als Wirtschaftsstudent ...

    Ein wenig schon. Während des Studiums habe ich mit einem Freund mal ein 'Werbealphabet' ausgeklügelt und um ein Haar der Post verkauft.

    Wie funktionierte das?

    Ich entwickelte, mit dem damals berühmten Sportreporter Rainer Günzler eine Buchstabiertafel, die die Post in allen Telefonzellen aufhängen und in die Telefonbüchern drucken sollte. Werbetreibende Unternehmen konnten die Buchstaben kaufen wie A für Aral, C für Continental oder N für Nivea – die Postreklame sollte 10 000 Mark für die genutzten Buchstaben bekommen, wir den Rest. Für die besonders begehrten Buchstaben gab es bis zu 58.000 Mark, für X und Y etc. natürlich weniger.

    Wen konnten Sie denn von dieser Idee überzeugen?

    Die erste überzeugte Firma war die Assbach Kellerei. Das war wie im Märchen. Die haben uns und sich nicht nur vormittags schon Cognac kredenzt, sondern wollten auch das A für fünf Jahre haben – für 58000 Mark jährlich. 14 Buchstaben haben wir so untergebracht – E für Esso, M für Mercedes..., N wie Nivea – nein. Der Werbeleiter sagte uns ins Gesicht, „Ihre Scheissidee ist mir keine fünf Mark achtzig wert" und draussen war'n wir. Bald wurde Vater die Kunde vom Werbe–Alphabeth hinterbracht und er stoppte die Aktion mit den Worten: "Du bist in Lausanne zum studiere, net zum buchstabiere!"

    Ihr Name steht in Deutschland wie kein Zweiter für den Begriff des Playboys. Können Sie den Vergleich eigentlich noch hören?

    Einerseits ist es natürlich seltsam, wenn man mit 75 Jahren noch als Boy bezeichnet wird und wenn ein ganzes Leben auf etwas reduziert wird, was nur wenige Jahre gedauert hat. Aber eigentlich war der amerikanische Urbegriff gar nicht negativ – im Gegenteil. Ein Playboy war damals in der internationalen Gesellschaft ein angesehener junger Mann. Eine Spezies, die es heute nicht mehr gibt. Weltenbummler, die Sprachen beherrschten und wussten, wie man Feste feiert, die meistens sehr sportlich und elegant waren und vor allem mit schönen Frauen parlieren konnten. Sie waren die bunten Wimpel auf den Hügeln der Society von Deauville bis Acapulco.

    ...und hatten genügend Geld, um sich das Dolce Far Niente leisten zu können.

    Geld brauchten sie nur so viel, um nicht aufzufallen. Neid gab es nicht. Und ums süßes Nichtstun ging's uns auch nicht. Eher um Sport, Reisen zu neuen Horizonten, die Verehrung attraktiver Frauen – und nicht zuletzt um einen Schuss Abenteuerlust. Verbotenes und Eigenwilliges hatte seinen Reiz, aber es musste mit Klasse verpackt und authentisch sein. Prinz Dado Ruspoli machte nie einen Hehl aus seiner Opiumpfeife und Enrico Miro Quesada nicht Halt vor verbotenen Duellen.

    Was machten Sie?

    Verbotene Abfahrten mit Bobschlitten auf vereisten, vom Mond beschienenen Passtraßen à la Dracula oder Motorradtouren auf meiner Münch mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, ohne Helm, aber einer schönen Windsbraut hinter mir. Die erste Alpenüberquerung in einem Heißluftballon gelang uns zu dritt, mit einer Bruchlandung und fünf gebrochenen Rippen. Für solche Zwecke gründeten wir den Dracula Ghostrider Club in St. Moritz. Das Grundstück für das Clubhouse musste ich erst dem griechischen Reeder Niarchos abschwatzen. Das war alles andere als einfach – er entwickelte unerwarteten kaufmännischen Ehrgeiz.

    Was haben Sie dann gemacht?

    Er war damals ganz neugierig auf einen neuartigen, erotischen Massagestab und bat mich, ihm einen zu besorgen. Mein Friseur hatte so was unter dem Ladentisch. Ich wickelte den Stab in den von uns aufgesetzten Vertrag – der kam umgehend unterschrieben zurück.

    Zu den von Ihnen verehrten Frauen gehörte auch Coco Chanel. Durch die Bekanntschaft zu ihr waren Sie auch bestens über Winston Churchill informiert ....

    Ja, die beiden kannten sich. Aber die Verbindungen in die Politik – sie soll auch ein Faible für deutsche Offiziere gehabt haben – waren es nicht, was ich an ihr so faszinierend fand.

    Sondern?

    So viel Hintersinniges und witzig–ironisches über so viele Leute in so kurzer Zeit zu erzählen,  das konnte nur sie. Sie sprach ohne Punkt und Komma, während des Essens und davor und danach – und erzählte dabei auch anwendbare Lebensweisheiten.

    Was haben Sie denn gelernt?

    Kein Knopf ohne Knopfloch.

    Was soll das denn bedeuten?

    Dass gute Kleidung auf unnötigen Zierrat verzichtet. Sie hatte immer eine kleine Schere dabei und schnibbelte jeglichen, in ihren Augen überflüssigen, Zierrat einfach ab – und nicht nur an ihren Modellen. Dem Bonmot folge ich bis heute – und nicht nur in der Mode.

    Nämlich?

    Falscher Dutt lag mir nicht – und ihr Gleichnis war mir eine Bestätigung.  

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%