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Playboy-Legende im Interview Gunter Sachs über die Liebe mit Brigitte Bardot

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Gunter Sachs

Haben Sie andere so geistvolle Frauen gekannt?

Ja, zum Beispiel die französische Sängerin Juliette Gréco. Sie lebte im  Zeitgeist. Mit 18 war es ein Traum, mit 22 Bewunderung, dann Faszination – bis wir uns das erste Mal im Casino von Deauville begegneten. Später hatte sie mich einmal nach Hause eingeladen. Ich war pünktlich, wurde aber erst nach einigem Warten eingelassen. Als ich eintrat, stand ich in einem Raum, umringt von Spieluhren: Tänzer, Liebespaare, Schmetterlinge oder ein Domino, der mit einem Gänsekiel dauernd 'Je t ’aime' auf eine Pergamentrolle schrieb. Die Figuren spielten und drehten sich – und mitten drin, hin gegossen auf einer Chaiselongue, lag Juliette in einem schwarzen, rot gefütterten Kimono. Noch nie zuvor hatte mir eine Frau ein solch geistreich romantisches Rendezvous beschert.

Sie haben damals nicht nur die Leidenschaft der Frauen genossen, sondern auch Ihre Liebe für die Kunst entdeckt. Warum?

Für die Kunst hatte ich mich schon als Jugendlicher interessiert. Erst für Schlachtengemälde von Delacroix, später für zeitgenössische Kunst.

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    Ihre Sammlung ist legendär. Wie viel Geld haben Sie hineingesteckt?

    In den fünfzehn Jahren meiner aktiven Sammlerei nicht mehr als 800.000 Dollar. Ich kaufte nur Kunst mit meinen Gewinnen im Ecarté, ein Kartenspiel, das in Paris damals 'in' war und das auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen beruhte. Da kam mir mein Mathematikstudium zugute – und das summierte sich mit der Zeit.

    Können Sie sich noch an Ihr erstes Bild erinnern?

    Einen sehr mittelmäßigen Picasso, den ich mir in einer pompösen Galerie in der Avenue Montaigne einreden liess. Danach habe ich vor allem nach Bauchgefühl entschieden. Zum Beispiel für den informellen Maler Jean Fautrier oder die Surrealisten, dann für die französischen Nouveaux Réalistes und schliesslich für den Pop.

    So was verschafft Respekt ...

    Heute vielleicht. Damals haben mich fromme Bürger ausgelacht, wenn sie hörten, ich habe 4000 Francs für ein uni–blaues Bild von Yves Klein bezahlt.

    Wie kamen Sie mit all den Künstlern in Kontakt?

    Ich hatte eine russische Freundin, die Künstlerin war. Sie kannte die Szene. Junge und alte Künstler trafen sich meist schon mittags in der 'Coupole', einer Brasserie am Montparnasse, die für viele wie ein zweites Wohnzimmer war. Mit dem Sculpteur César habe ich dort schon nach zehn Minuten eine Freundschaft fürs Leben geschlossen. Aber auch Salvador Dalí war in der Coupole dann und wann anzutreffen. Er kam gelegentlich auch in meine Wohnung in der Avenue Foch zu Cocktails oder Dinners. Manchmal hat er mich zu verrückten 'Daliesquen' in seine Frühlingsresidenz im Hotel Meurice eingeladen.

    Wie sah das aus?

    An einem Cocktail bat er eine Dame der Gesellschaft und mich, durch drei Räume in seiner Suite gehen: Im ersten räkelte sich unter den Blicken seriöser Herren ein Model mit einer lebenden Python um den Hals. Das Vieh soll sich später in den Heizungsrohrschachten des Hotels verirrt und immer wieder Gäste erschreckt haben. Im zweiten Raum: Zunächst Schummerlicht – dann blanke Busen, Hüften, Beine, die sich ringelten und Körper, die übereinander stürzten. Der ganze Raum schien unter der Orgie zu stöhnen.

    Und im dritten Raum?

    Saß, aufrecht und distinguiert Dalís Muse Gala und trank mit einem englischen Colonel und seiner Lady Tee. Keine 30 Zentimeter Luftlinie von dem Treiben entfernt. Aber der Maestro konnte sich auch an harmloseren Dingen erfreuen.

    Nämlich?

    Eines Tages machte er auf den Montagne St. Geneviève einen Ausflug und ging in eine kleine Bäckerei. Da gab es einen Ofen, der auf beiden Seiten offen war – gegen die Backstube und den Verkaufsraum hin. Dalí war fasziniert...

    Wovon?

    ...von der Idee, ein unendlich langes Brot backen zu können. Das hiess, das fertig Gebackene vorne raus nehmen und den nächsten Teig hinten anstückeln. Zu einem 9 Meter-Baguette – bei zeitweiser Sperrung der Strasse – hat es immerhin gereicht. Das frisch Gebackene hat er sich dann auf die Schulter  gelegt und ist – vorne und hinten eskortiert von zwei tragenden Studenten – auf dem Fahrrad durch Saint Germain gefahren.

    Eigentlich kein Wunder, dass die Künstler um Sie herum schwirrten. Einen kunstsinnigen Mäzen hat jeder Künstler gern in seiner Nähe ...

    Mit den Franzosen machten wir  viel Fez und manchmal habe ich ein besonderes Werk erstanden. Ein klassischer Mäzen war ich nie – ich liebte genauso wie sie das Lachen und die Phantasie. Wir waren alle jung. Die hatten auch mehr gleichgesinnte Freunde und ausgefallene Typen in ihren Ateliers als dicke Direktoren und Mäzene, die ihre Kunst kauften. Aber einige Rothschilds schätzten sie. Die hatten's auch schon früh mit der Moderne.

    Aber Museumsdirektor in München waren Sie ja sieben Jahre. Wie kam's?

    Konstantin von Bayern wollte meine für Deutschland damals avantgardistische Sammlung in München ausstellen. Das geschah im Herbst 1967 – dann machten wir Pläne. Ende der Sechzigerjahre fiel in der Stuck Villa der Startschuss eines Projekts, das später als Modern Art Museum Munich bekannt wurde. Ich leitete es ungefähr sieben Jahre als Präsident. Wir stellten jeden Monat einen anderen jungen Künstler vor. Die Bilanz konnte sich sehen lassen: Viktor Vassarely, Georg Baselitz, Heinz Edelmann, Christo, Cy Twombly, Alexander Calder, Heinz Mack, Jean Tinguely, Roy Lichtenstein, Gotthard Graubner oder Hermann Gloeckner hingen, standen und schwebten in den Räumen des 'MAM'. Leider ist das geplante eigene Museumsgebäude letztendlich dem Amtsschimmel erlegen.

    Dann bauen Sie sich doch Ihr eigenes Museum. Ist gerade sehr schick unter potenten Sammlern.

    Ich will mich nicht gerne auf einen Sockel stellen – da fällt man leicht runter.

    Zum Galeristen haben Sie es aber gebracht.

    Und ob, in Hamburg. Die lief eigentlich ganz gut. Bis auf die Warhol-Ausstellung, 1972. Es war eine seiner umfassendsten Ausstellungen ausserhalb den USA. Die Vernissage war gerammelt voll. Warhol war eigens aus New York angereist. 60 Flaschen Schampus wurden geleert, aber nicht ein einziges Bild haben die hanseatischen Pfeffersäcke gekauft. Peinlich war das. Und mein grosses Glück.

    Warum?

    Aus lauter Verlegenheit klebte ich an die Hälfte der Bilder einen roten Punkt und sagte zu Andy: 'Sold'. Dass ich selbst der Käufer war, habe ich ihm nie verraten. Unter den Bildern war auch der berühmte 'Green Carcrash' der jetzt für, ich glaube 58 Millionen Dollar, in New York versteigert wurde. Für rund zehntausend Dollar hatte ich ihn damals als rot Bepunkteten erworben. Aber weil meine Frau die vielen Toten nicht dauernd im Esszimmer sehen wollte und ich sie gut verstand, haben wir den Cash bald wieder verkauft – für ein Vielfaches immerhin. Im übrigen kann und möchte ich mir's  einfach nicht leisten, zig Millionen Dollarnoten an die Wand zu nageln. Die Kunst gibt – und nimmt. Die goldene Regel grosser Kunsthändler hiess: 'Vendre et regretter', verkaufen und bedauern.

    Vor kurzem haben Sie ein Bild von Breughel dem Jüngeren erworben. Keine Lust mehr auf zeitgenössische Kunst?

    Das Bild ist wundervoll. Und wer weiß schon, ob die Kunst sich nicht bald  wieder mehr der alten Meistern erinnert? Oder was in ein paar Jahrzehnten von der heutigen Modernen noch bestehen wird. Der Breughel ist ein Bild was mich besonders ansprach. Im Übrigen habe ich eine Sammlung alter Meister von meinen Eltern geerbt. Diese Bilder hängen noch immer in meinen Häusern, jetzt ergänzt durch den Breughel.

    Sie haben ja auch noch sechs Bardot-Porträts von Andy Warhol. Warum wollte er die BB als Modell?

    Warum wohl? Es war eben die Bardot. Und er liebte grosse Namen.

    Hat sich BB selbst überhaupt für Kunst interessiert?

    Nicht ausnehmend. Aber sie wusste, was ihr gefällt. Das weiss heute manch Sammler nicht mehr.

    Wie haben Sie sie kennen gelernt? Die Bardot war ja damals schon eine Art französisches Nationalheiligtum.

    Den ersten Anlauf hat sie eigentlich selbst gemacht - auf einem Fahrrad. Während der Aufnahmen zu einem Film, den sie Ende der Fünfziger am Genfer See mit Jean–Luc Godard drehte. Ich hörte über einen Freund davon, fuhr zum Drehort, stieg aus dem Wagen – da bog BB zufällig auf einem Velo um die Ecke, mit einem roten Kopftuch. Sie sprach mich mit Namen an und fragte, was mich hierher verschlagen hätte. Ich zückte eine Ausrede.

    Welche?

    Ich sagte, ich solle ihr Grüße von Roger Vadim, ihrem Ex-Mann und meinem Freund Serge Marquand bestellen. Wir machten einen Spaziergang, unterhielten uns lachend über gemeinsame Freunde in St. Tropez. Wir hatten uns noch nie an der Côte getroffen, weil sie im Juli meistens drehte und das mein Monat in St. Tropez war. Ihrer Einladung, den Abend zusammen zu verbringen, konnte ich leider nicht folgen.

    Warum das denn?

    Ich war mit meinem alten polnischen Mathematiklehrer zum Abendessen verabredet, der mit dem Zug nachts in Lausanne ankam. Das konnte ich nicht absagen – er war ja schon in der Eisenbahn. Wir küssten uns zum Abschied und verabredeten ein Wiedersehen in St. Tropez – das aber erst sieben Jahre später stattfinden sollte.

    Was hat Sie an ihr so fasziniert?

    Alles: Ihr Name. Ihr Schmollmund. Ihre beiden langen Schneidezähne. Dass sie schön Gitarre spielen konnte. Und ihr Wortwitz, in dem Sie mir in Französisch natürlich weit überlegen war. Glauben Sie mir, es fiel einem nicht schwer, sich in die Bardot zu verlieben. Uns war wohl klar, dass unsere Amour nicht bis in alle Ewigkeit dauern würde. Aber jetzt war es einfach so. Sie war da – und ich war da.

    ...um für  Sie mal tausend Rosen regnen zu lassen

    Ob es tausend waren, weiss ich nicht – aber viele, viele. Die hatte ich in der Nähe von Nizza besorgt, zusammen mit der Frau von Gianni Agnelli, die die Idee magnifique fand. Ich stieg mit einem riesigen Karton in einen Linien–Hubschrauber – der damals offiziell von Nizza nach St. Tropez pendelte – gemeinsam mit einem fliegenden Holländer. Die Zeiten waren damals legerer und für BB machte der Pilot gerne eine Ausnahme. Ich erzähle dem Holländer von meinem Rosen-Regen-Plan – und er half mir sofort, die Bündel aufzuschneiden und auszuwickeln. Als wir über dem Garten waren, warfen wir runter, was runter ging, die offenen Rosen und manchmal verhaktes Seidenpapier. Der Helikopter pustete alles auseinander. Ein Himmel voller Rosen. Brigitte flüchtete sich unter einen Sonnenschirm. Anschließend nahm ich meine Koffer – die waren damals noch aus Holz – warf sie ins Meer, sprang hinterher und schwamm ans Ufer.

    Das Wasser war wohl Ihr beider Element – wenn man einmal an die berühmt gewordene nächtliche Bootsfahrt denkt?

    Könnte sein. Wenn ich daran denke, wie wir uns im Mondschein auf dem Motorboot, mit Vollgas Richtung Horizont geliebt haben und jederzeit am nächsten Felsen hätten zerschellen können, da läuft es mir heute noch romantisch den Rücken runter. Für Romantik hatte wir Sinn.

    Ihr Interesse, nicht nur am Mond, sondern auch an den Sternen ist bekannt – mit Ihrem Buch „Akte Astrologie“ waren Sie Mitte der Neunzigerjahre monatelang in den Bestsellerlisten. Warum interessiert sich einer, der Wirtschaftswissenschaften und Mathematik studiert hat, so brennend für die Astrologie?

    Weil die Sternenkunde zwar nie erwiesen war, aber auch nie widerlegt. Der unumstößliche Nachweis für das eine oder andere fehlte. Ich wollte wissen, ob das Sternzeichen tatsächlich auf das Verhalten des Menschen Einfluss hat. Die Aufmunterung und Skepsis meines Freundes Jacobi tat ein übriges.

    Was macht Sie nun so sicher, dass ein Zusammenhang besteht?

    Die Statistik. Wir haben damals über 20 Millionen Daten ausgewertet.Und schließlich wurden unsere Berechnungen Schwarz auf Weiß bestätigt, von hochrangigen Grundlagenforschern des Statistischen Bundesamtes sowie der bedeutenden Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Das Problem war weniger die wissenschaftliche Auswertung, sondern die Beschaffung der Millionen Daten. Vor allem darin liegt mein Verdienst.

    Wie haben sie das angestellt – das sind doch alles geschützte Daten?

    Mit Hilfe einer sehr charmanten Frau, der ehemaligen Abteilungsleiterin für Bevölkerungsstatistik beim statischen Bundesamtes der Schweiz. Frau Bumbacher verstand, dass der Datenschutz gewahrt bleibt, wenn man die Geburtsdaten der regestrierten Menschen, gleich im Amt auf Sternzeichen umrechnet. Frau Bumbacher verdankt die Erforschung der Astrologie sehr viel.

    Und was haben Sie festgestellt?

    Mit hohen statistischen Signifikanzen, dass das Sternzeichen Waage die meisten Juristen stellt,  dass Stiere übermässig viele Blechschäden verursachen oder Fische–Frauen am liebsten Skorpion–Männer heiraten, wer was studiert und welches Zeichen am häufigsten Selbstmord begeht. Neben den signifikanten und hoch signifikanten Einzelergebnissen ging es uns aber noch viel mehr um den grossen Zusammenhang.

    Nun wollen Sie ein neues Buch darüber schreiben?

    Ja, mit einem namhaften amerikanischen Naturwissenschaftler, der sich schon seit Jahren für Astrologie interessiert, aber eine grundlegende Forschung aufgrund des Datenschutzes nicht für möglich hielt. Was nun durch die Akte Astrologie nachgewiesen ist und sichtbar von öffentlichem Interesse, so sagt er, fordert die Wissenschaft heraus, weiter zu forschen. Sicher ist es auch interessant, zu wissen, welche afrikanische Mückenspezies sich untereinander paaren. Danach wird in Urwäldern und Katarakten gesucht. "Zu Recht – aber lassen Sie uns dann bitte auch der Astrologie auf den Grund gehen". Wir wollen noch viele Fragestellungen untersuchen und die Forschung zum Beispiel auch auf astrologische Zwillinge – also Menschen mit der exakt gleichen Geburtszeit – in Rastervergleichen ausweiten. Unser letztes Ziel wird sicherlich sein, das physikalische bzw. astronomische Phänomen zu ergründen, das dahinter wirkt – aber das steht noch in den Sternen.

    Nach so einem themenreichen Leben, wieso gehen Sie da nicht lieber einfach Golfen?

    Weil mir die Suche nach dem verflixten Golfschwung noch unergründlicher scheint.

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