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Poesie der Pupille Japanische Manga-Comics verdrängen Micky Maus

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Die deutsche Manga-Zeichnerin Quelle: ZB

„Besonders gut verkaufen sich Serien, die auch im TV laufen“, sagt Kai-Steffen Schwarz, Programmgeschäftsführer bei Carlsen. Tatsächlich führen die beim deutschen Marktführer erschienenen RTL-2-Manga-Serien „Naruto“ und „One Piece“ die Verkaufsranglisten für 2007 an, verkauften pro Band bis zu 70 000 Stück.

In Japan geht es um noch größere Dimensionen. Im Manga-Mutterland lassen sich die ersten Hinweise auf diese wörtlich „zwanglosen, ungezügelten Bilder“ bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen. Heute sind die schrillen Charaktere aus Japans Alltag nicht mehr wegzudenken, Manga hat sich zur milliardenschweren Industrie gemausert. Dutzende Verlage bringen jeden Monat rund 300 neue Bände auf den Markt, für Millionen von Fans. Selbst Ex-Außenminister Taro Aso vertrieb sich zwischen Terminen im Auto die Zeit mit Manga. Manche Ausgaben sind bis zu 1000 Seiten dick, kosten nur wenige Euro – produziert von Heerscharen von Zeichnern, die bis zu 20 Seiten pro Woche abliefern. Einmal gelesen, landen sie im Altpapier. Selbst in Gebrauchsanweisungen, Computerspielen, Behörden-Broschüren oder Schulbüchern ergänzen niedliche Bilder im Manga-Stil den Text.

Seit 2004 lassen sich Manga auch auf Handys laden. Die Bildfolgen sind bildschirmgerecht aufgeteilt; einige Serien werden nur auf diesem Weg angeboten, für 30 bis 45 Cent pro Geschichte – ein Millionenmarkt. Selbst auf Kurzstrecken starren U-Bahn-Fahrgäste wie gebannt auf ihre Handys, um die neuen Abenteuer ihrer Helden nicht zu verpassen. Und statt bedruckte Karten zu tauschen, leiten sich schon Kinder ihre Pokemon-Bildchen auf dem Schulhof per Funk weiter – die entstammen ebenfalls der Manga-Schule. Auch in Deutschland können Eltern kaum noch folgen, wenn Grundschüler Stärken und Schwächen von Pokemon-Karten debattieren.

„Mit Comics wie Micky Maus oder Superman“, sagt Michael Koschinski, Marketingleiter der Verlagsgruppe Dr. Eckert, zu der auch die Bahnhofsbuchhandelskette Ludwig gehört, „lockt man auch in Deutschland jüngere Leser nicht mehr hinterm Ofen vor.“ Offenbar auch mit klassischer Literatur nicht: Während sich die Umsätze mit Manga in manchem Jahr verdreifacht haben, wächst der traditionelle Buchhandel nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit zehn Jahren im Schnitt um mickrige 0,3 Prozent – vor allem junge Leser sind rar.

Klar, dass die Verlage vom Manga-Boom profitieren wollen. Bei Ravensburger erscheint im September eine Neuauflage des Jugendbuch-Klassikers „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang – 176 Seiten, illustriert im Manga-Stil von Anike Hage. Der Thienemann-Verlag wird seine erfolgreiche Buchreihe „Freche Mädchen“ als Manga-Serie adaptieren. Selbst „Rotkäppchen“ und „Hänsel und Gretel“ sind schon als Manga-Märchen erschienen.

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