WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Poesie der Pupille Japanische Manga-Comics verdrängen Micky Maus

Seite 3/4

Der japanische Comic

Auch die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig hat auf den Trend reagiert – und bietet in ihrem Sortiment nicht nur Dutzende Manga-Bände an. Marketingspezialist Koschinski hat vor sechs Jahren „MangaMagie“ ins Leben gerufen – einen Wettbewerb für Manga-Nachwuchszeichner. Bis zu 1000 Einsendungen flattern jedes Jahr im Sommer auf seinen Schreibtisch – achtseitige Comics mit Protagonisten in Kulleraugen-Ästhetik, die über die erste Liebe räsonieren oder Fantasy-Abenteuer zu bestehen haben. „Die Qualität“, sagt Koschinski, „wird von Jahr zu Jahr besser.“

Längst gilt „MangaMagie“ in der Szene als Karriere-Sprungbrett. Judith Park etwa, MangaMagie-Siegerin 2002, verkauft heute bis zu 20 000 Exemplare pro Band. Für ihren Erstling „Dystopia“, ein melancholisches Epos mit Science-Fiction-Anklängen, erhielt die heute 23-Jährige von der Frankfurter Buchmesse 2005 den Preis als beliebtester deutscher Manga. Während des jährlichen Hochamts der klassischen Weltliteratur reiht sich Regalmeter an Regalmeter mit den Abenteuern der Manga-Helden. Auf der Leipziger Buchmesse gehören sogenannte Cosplayer zum gewohnten Erscheinungsbild: Manga-Fans, die nicht nur von den Abenteuern ihrer Fans lesen, sondern ihnen auch in selbst nachgeschneiderten, schrillen Kostümen nacheifern. Das nächste Treffen ist Anfang August in der Bonner Beethovenhalle – zur zehnten Ausgabe der Cosplay-Party Animagic.

Mehr als zwei Millionen Fotos kann Tobias Erlacher von solchen Treffen zeigen, die er organisiert. Erlacher betreibt auch Animexx, die größte Internet-Plattform für Manga-Fans im deutschsprachigen Raum. Rund 600 000 Zeichnungen bis hin zu fertig ausgearbeiteten Comics sind auf den Datenbanken des Portals gespeichert, mehrere Hundert kommen täglich hinzu.

Georg Tempel klickt sich hier regelmäßig durch die wilden Bilderwelten, chattet mit Fans. „An deren Wünschen kann ich Trends ablesen“, sagt der Programmleiter des Egmont-Verlags. Jüngstes Beispiel: „King’s Game“, eine Geschichte mit erotischen Anklängen für Teens ab 16 Jahren über die Erlebnisse der Prinzen Oga und Renge. Erscheinen wird der 224 Seiten dicke Band im Februar 2009. „Ohne den expliziten Wunsch der Leser hätten wir diesen Band wohl nicht ins Programm genommen“, sagt Tempel. „Diese Anregungen sind für uns unverzichtbar.“

Eine Frau, verkleidet als ein Quelle: REUTERS

Jede Menge wasserfeste Stifte, ein Cuttermesser zum Ausschneiden von Schablonen, zwei Computer und stapelweise Blätter im Format B4: Chaos in der Rumpelbude – so nennt Anike Hage ihr neun Quadratmeter kleines Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Elternhauses in Wolfenbüttel. Wie jeden Tag sitzt sie seit neun Uhr am Schreibtisch und zeichnet ohne Unterlass. Nur noch wenige Tage, dann muss das neue Opus fertig sein, auf das ihre Fans seit einem Jahr warten: Band vier der Comic-Reihe „Gothic Sports“, die von den Erlebnissen eines Mädchen-Schüler-Fußballteams erzählt. Gesichter in Nahaufnahme, dynamische Striche – wie detaillierte Skizzen für ein Drehbuch wirken die Bilder. Die 23-Jährige zeichnet hauptberuflich – Manga. Im August wird der neue Band beim Manga-Verlag Tokyopop erscheinen, auch in Frankreich und den USA werden die neuen Abenteuer wohl bald zu lesen sein. „Das Schlusskapitel ist wichtig“, sagt Hage, „es soll schon auf den nächsten Band neugierig machen.“

Die 23-Jährige gehört zu den Stars einer vermeintlichen Subkultur, die inzwischen ganz Deutschland erfasst hat: Manga, die Comics aus Japan. Rund 1,5 Millionen Fans zwischen Flensburg und Garmisch, meist zwischen 10 und 25 Jahren alt, verbindet die Leidenschaft für die Erlebnisse ihrer Comic-Helden wie den Ninja-Schüler Naruto, die Mond-Elfe Nael, die Musiker der Band Plastic Chew oder die amourösen Fantasien des Polizisten Kirino. Jede Zielgruppe hat ihre eigene Sparte: Die Helden der Shonen-Manga, gezeichnet für Jungs, müssen sich in Fantasy-Welten bewähren. Die Heldinnen der für Mädchen entwickelten Shojo-Manga plagen sich mit den Wirren der Liebe, Silver Manga spielen unter Rentnern.

Anike Hage zeichnet am liebsten „möglichst naturalistische Geschichten“ – und hat exklusiv für die Leser der WirtschaftsWoche zum Stift gegriffen: Mit einer Kurzstory über die Spitzelaffären, die derzeit die deutsche Wirtschaft erschüttern – gestaltet in der typischen Manga-Optik: Der Mund zum Schlund verzerrt, die Augen weit aufgerissen, und alles in Schwarz-Weiß. Manga-Leser müssen nicht nur auf die traditionelle Bildfolge einer Einzelseite achten: „Um die Geschichte unverfälscht und originalgetreu mitverfolgen zu können, musst du es wie die Japaner machen und von rechts nach links lesen“, mahnt Tokyopop in seinen Manga alle Leser, die einen Band nach europäischer Lesart aufschlagen. „Deshalb schnell das Buch umdrehen und loslegen.“

Der erste Versuch, Manga in Deutschland populär zu machen, scheiterte. Die Übersetzung des autobiografischen Kriegsepos „Barfuß durch Hiroshima“, erschienen bei Rowohlt, war ein Flop. 1997 dann die erfolgreiche Initialzündung: Mit dem ersten Band der Abenteuerserie „Dragonball“, die von der Suche des Dschungelkinds Son-Goku nach den magischen Kugeln, den Dragonballs, erzählt, begann der Siegeszug einer für Deutschland völlig neuen publizistischen Gattung.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%