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Poesie der Pupille Japanische Manga-Comics verdrängen Micky Maus

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Eine Besucherin betrachtet Quelle: dpa

Nicht nur Verlage mögen Manga: Stiftehersteller Stabilo ist Sponsor des Comic Campus, mit 1500 Teilnehmern Deutschlands größter Manga-Zeichenwettbewerb. Das Mode-Unternehmen Anson’s hat vor Kurzem seine Schaufenster im Manga-Stil dekoriert, und Discounter Aldi Süd plant zum Start des neuen Schuljahres, Schreibwaren mit Manga-Motiven ins Sortiment aufzunehmen. Plattenfirma Universal feiert Erfolge mit Popstars wie Bill Kaulitz von Tokyo Hotel, der einer wandelnden Manga-Figur gleicht, ganz ähnlich wie die Boyband Cinema Bizarre – fünf Sänger zwischen 17 und 22 Jahren, die sich einst auf einer Manga-Party kennenlernten und als Manga-Punks Strify, Kiro, Shin, Yu und Luminor auftreten. Selbst eingesessene Kulturinstitutionen würdigen die Rolle der Manga: Das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zeigte gerade eine Manga-Ausstellung, und das Deutsche Filmmuseum, ein paar Häuser weiter, steht noch bis 3. August im Zeichen des japanischen Trickfilms.

„Die Manga-Kultur“, sagt Georg Matthes, „ist dabei, die Alltagsästhetik auch in Deutschland zu erobern.“ Der Düsseldorfer gab 1972 seinen Job bei der Lufthansa auf, zog mit seiner japanischen Frau nach Tokio – um bei Manga-Altmeister Ishinomori Shotaro in die Zeichenlehre zu gehen. Bald erschienen Matthes’ Cartoons in japanischen Zeitungen und Magazinen, heute ist er dort ein Star. Als „Erfinder des Ein-Bild-Witzes“ hat er es gar ins Lexikon geschafft. Inzwischen gibt er seine Erfahrung weiter – jüngst bei einem Manga-Zeichenkurs an der Volkshochschule Düsseldorf. Sein Rat: „Ihr müsst euren eigenen Stil finden.“

Das will auch Robert Labs. Der 26-Jährige legte 2001 die erste, in Deutschland eigenständig entwickelte Manga-Story vor – Dragic Master, eine Mischung aus Science-Fiction und schwarzem Humor. Allein der erste Band verkaufte sich mehr als 15 000 Mal. Seine neue Idee: ein Manga, das mitten in Köln spielen soll. Im Mittelpunkt stehen Dämonen, die sich während des Dombaus zum Rückzug ans rechtsrheinische Ufer hatten überreden lassen und nun, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, über den Fluss ins Zentrum der zerstörten Stadt zurückkehren.

„Warum soll ich unbedingt zeichnen, was in Japan los ist“, fragt sich auch Anike Hage, die die Heimat der Manga noch nie besucht hat. „Mit dem japanischen Alltag kenne ich mich nicht aus.“ Außerdem fühle sie sich der „Poesie der großen Pupillen“ mittlerweile entwachsen, sagt sie. Und zeichnet, kurz vor Mitternacht, die nächsten Szene ihres Schlusskapitels für „Gothic Sports 4“. Nicht japanische High-Tech-Welten und Wolkenkratzerschluchten sind zu sehen – „ich spiele lieber mit der Fachwerkidylle aus Wolfenbüttel“.

Literatur:

Deutsches Filmmuseum (Hg.): „Ga-Netchu! Das Manga/Anime-Syndrom“. Henschel Verlag. 24,50 Euro. Brigitte Koyama-Richard: 1000 Jahre Manga“. Flammarion Verlag, 40 Euro.

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