WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Poesie der Pupille Japanische Manga-Comics verdrängen Micky Maus

Kulleraugen und Stupsnasen, schrille Haare und bunte Kleidung: Japanische Manga-Comics verdrängen Micky Maus und Superman.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Eine Frau, verkleidet als ein Quelle: REUTERS

Jede Menge wasserfeste Stifte, ein Cuttermesser zum Ausschneiden von Schablonen, zwei Computer und stapelweise Blätter im Format B4: Chaos in der Rumpelbude – so nennt Anike Hage ihr neun Quadratmeter kleines Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Elternhauses in Wolfenbüttel. Wie jeden Tag sitzt sie seit neun Uhr am Schreibtisch und zeichnet ohne Unterlass. Nur noch wenige Tage, dann muss das neue Opus fertig sein, auf das ihre Fans seit einem Jahr warten: Band vier der Comic-Reihe „Gothic Sports“, die von den Erlebnissen eines Mädchen-Schüler-Fußballteams erzählt. Gesichter in Nahaufnahme, dynamische Striche – wie detaillierte Skizzen für ein Drehbuch wirken die Bilder. Die 23-Jährige zeichnet hauptberuflich – Manga. Im August wird der neue Band beim Manga-Verlag Tokyopop erscheinen, auch in Frankreich und den USA werden die neuen Abenteuer wohl bald zu lesen sein. „Das Schlusskapitel ist wichtig“, sagt Hage, „es soll schon auf den nächsten Band neugierig machen.“

Die 23-Jährige gehört zu den Stars einer vermeintlichen Subkultur, die inzwischen ganz Deutschland erfasst hat: Manga, die Comics aus Japan. Rund 1,5 Millionen Fans zwischen Flensburg und Garmisch, meist zwischen 10 und 25 Jahren alt, verbindet die Leidenschaft für die Erlebnisse ihrer Comic-Helden wie den Ninja-Schüler Naruto, die Mond-Elfe Nael, die Musiker der Band Plastic Chew oder die amourösen Fantasien des Polizisten Kirino. Jede Zielgruppe hat ihre eigene Sparte: Die Helden der Shonen-Manga, gezeichnet für Jungs, müssen sich in Fantasy-Welten bewähren. Die Heldinnen der für Mädchen entwickelten Shojo-Manga plagen sich mit den Wirren der Liebe, Silver Manga spielen unter Rentnern.

Anike Hage zeichnet am liebsten „möglichst naturalistische Geschichten“ – und hat exklusiv für die Leser der WirtschaftsWoche zum Stift gegriffen: Mit einer Kurzstory über die Spitzelaffären, die derzeit die deutsche Wirtschaft erschüttern – gestaltet in der typischen Manga-Optik: Der Mund zum Schlund verzerrt, die Augen weit aufgerissen, und alles in Schwarz-Weiß. Manga-Leser müssen nicht nur auf die traditionelle Bildfolge einer Einzelseite achten: „Um die Geschichte unverfälscht und originalgetreu mitverfolgen zu können, musst du es wie die Japaner machen und von rechts nach links lesen“, mahnt Tokyopop in seinen Manga alle Leser, die einen Band nach europäischer Lesart aufschlagen. „Deshalb schnell das Buch umdrehen und loslegen.“

Der erste Versuch, Manga in Deutschland populär zu machen, scheiterte. Die Übersetzung des autobiografischen Kriegsepos „Barfuß durch Hiroshima“, erschienen bei Rowohlt, war ein Flop. 1997 dann die erfolgreiche Initialzündung: Mit dem ersten Band der Abenteuerserie „Dragonball“, die von der Suche des Dschungelkinds Son-Goku nach den magischen Kugeln, den Dragonballs, erzählt, begann der Siegeszug einer für Deutschland völlig neuen publizistischen Gattung.

Mehr als 6,5 Millionen Exemplare der 45-teiligen Serie, die auch hier in der Original-Leserichtung erschien, wurden bis heute in Deutschland verkauft. Seit 1998, mit dem Start der Fantasy-Serie „Sailor Moon“, die sich vor allem an weibliche Leser wendete, explodierten die Verkaufszahlen der expressiven Comics aus Japan: Von rund zwei Millionen Euro 1997 stieg der Umsatz bis 2007 auf mehr als 62 Millionen Euro – das sind 75 Prozent des gesamten Comicmarkts. Etwa 60 bis zu 240 Seiten dicke Manga-Bände erscheinen derzeit in Deutschland, pro Monat.

Die deutsche Manga-Zeichnerin Quelle: ZB

„Besonders gut verkaufen sich Serien, die auch im TV laufen“, sagt Kai-Steffen Schwarz, Programmgeschäftsführer bei Carlsen. Tatsächlich führen die beim deutschen Marktführer erschienenen RTL-2-Manga-Serien „Naruto“ und „One Piece“ die Verkaufsranglisten für 2007 an, verkauften pro Band bis zu 70 000 Stück.

In Japan geht es um noch größere Dimensionen. Im Manga-Mutterland lassen sich die ersten Hinweise auf diese wörtlich „zwanglosen, ungezügelten Bilder“ bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen. Heute sind die schrillen Charaktere aus Japans Alltag nicht mehr wegzudenken, Manga hat sich zur milliardenschweren Industrie gemausert. Dutzende Verlage bringen jeden Monat rund 300 neue Bände auf den Markt, für Millionen von Fans. Selbst Ex-Außenminister Taro Aso vertrieb sich zwischen Terminen im Auto die Zeit mit Manga. Manche Ausgaben sind bis zu 1000 Seiten dick, kosten nur wenige Euro – produziert von Heerscharen von Zeichnern, die bis zu 20 Seiten pro Woche abliefern. Einmal gelesen, landen sie im Altpapier. Selbst in Gebrauchsanweisungen, Computerspielen, Behörden-Broschüren oder Schulbüchern ergänzen niedliche Bilder im Manga-Stil den Text.

Seit 2004 lassen sich Manga auch auf Handys laden. Die Bildfolgen sind bildschirmgerecht aufgeteilt; einige Serien werden nur auf diesem Weg angeboten, für 30 bis 45 Cent pro Geschichte – ein Millionenmarkt. Selbst auf Kurzstrecken starren U-Bahn-Fahrgäste wie gebannt auf ihre Handys, um die neuen Abenteuer ihrer Helden nicht zu verpassen. Und statt bedruckte Karten zu tauschen, leiten sich schon Kinder ihre Pokemon-Bildchen auf dem Schulhof per Funk weiter – die entstammen ebenfalls der Manga-Schule. Auch in Deutschland können Eltern kaum noch folgen, wenn Grundschüler Stärken und Schwächen von Pokemon-Karten debattieren.

„Mit Comics wie Micky Maus oder Superman“, sagt Michael Koschinski, Marketingleiter der Verlagsgruppe Dr. Eckert, zu der auch die Bahnhofsbuchhandelskette Ludwig gehört, „lockt man auch in Deutschland jüngere Leser nicht mehr hinterm Ofen vor.“ Offenbar auch mit klassischer Literatur nicht: Während sich die Umsätze mit Manga in manchem Jahr verdreifacht haben, wächst der traditionelle Buchhandel nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit zehn Jahren im Schnitt um mickrige 0,3 Prozent – vor allem junge Leser sind rar.

Klar, dass die Verlage vom Manga-Boom profitieren wollen. Bei Ravensburger erscheint im September eine Neuauflage des Jugendbuch-Klassikers „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang – 176 Seiten, illustriert im Manga-Stil von Anike Hage. Der Thienemann-Verlag wird seine erfolgreiche Buchreihe „Freche Mädchen“ als Manga-Serie adaptieren. Selbst „Rotkäppchen“ und „Hänsel und Gretel“ sind schon als Manga-Märchen erschienen.

Der japanische Comic

Auch die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig hat auf den Trend reagiert – und bietet in ihrem Sortiment nicht nur Dutzende Manga-Bände an. Marketingspezialist Koschinski hat vor sechs Jahren „MangaMagie“ ins Leben gerufen – einen Wettbewerb für Manga-Nachwuchszeichner. Bis zu 1000 Einsendungen flattern jedes Jahr im Sommer auf seinen Schreibtisch – achtseitige Comics mit Protagonisten in Kulleraugen-Ästhetik, die über die erste Liebe räsonieren oder Fantasy-Abenteuer zu bestehen haben. „Die Qualität“, sagt Koschinski, „wird von Jahr zu Jahr besser.“

Längst gilt „MangaMagie“ in der Szene als Karriere-Sprungbrett. Judith Park etwa, MangaMagie-Siegerin 2002, verkauft heute bis zu 20 000 Exemplare pro Band. Für ihren Erstling „Dystopia“, ein melancholisches Epos mit Science-Fiction-Anklängen, erhielt die heute 23-Jährige von der Frankfurter Buchmesse 2005 den Preis als beliebtester deutscher Manga. Während des jährlichen Hochamts der klassischen Weltliteratur reiht sich Regalmeter an Regalmeter mit den Abenteuern der Manga-Helden. Auf der Leipziger Buchmesse gehören sogenannte Cosplayer zum gewohnten Erscheinungsbild: Manga-Fans, die nicht nur von den Abenteuern ihrer Fans lesen, sondern ihnen auch in selbst nachgeschneiderten, schrillen Kostümen nacheifern. Das nächste Treffen ist Anfang August in der Bonner Beethovenhalle – zur zehnten Ausgabe der Cosplay-Party Animagic.

Mehr als zwei Millionen Fotos kann Tobias Erlacher von solchen Treffen zeigen, die er organisiert. Erlacher betreibt auch Animexx, die größte Internet-Plattform für Manga-Fans im deutschsprachigen Raum. Rund 600 000 Zeichnungen bis hin zu fertig ausgearbeiteten Comics sind auf den Datenbanken des Portals gespeichert, mehrere Hundert kommen täglich hinzu.

Georg Tempel klickt sich hier regelmäßig durch die wilden Bilderwelten, chattet mit Fans. „An deren Wünschen kann ich Trends ablesen“, sagt der Programmleiter des Egmont-Verlags. Jüngstes Beispiel: „King’s Game“, eine Geschichte mit erotischen Anklängen für Teens ab 16 Jahren über die Erlebnisse der Prinzen Oga und Renge. Erscheinen wird der 224 Seiten dicke Band im Februar 2009. „Ohne den expliziten Wunsch der Leser hätten wir diesen Band wohl nicht ins Programm genommen“, sagt Tempel. „Diese Anregungen sind für uns unverzichtbar.“

Eine Frau, verkleidet als ein Quelle: REUTERS

Jede Menge wasserfeste Stifte, ein Cuttermesser zum Ausschneiden von Schablonen, zwei Computer und stapelweise Blätter im Format B4: Chaos in der Rumpelbude – so nennt Anike Hage ihr neun Quadratmeter kleines Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Elternhauses in Wolfenbüttel. Wie jeden Tag sitzt sie seit neun Uhr am Schreibtisch und zeichnet ohne Unterlass. Nur noch wenige Tage, dann muss das neue Opus fertig sein, auf das ihre Fans seit einem Jahr warten: Band vier der Comic-Reihe „Gothic Sports“, die von den Erlebnissen eines Mädchen-Schüler-Fußballteams erzählt. Gesichter in Nahaufnahme, dynamische Striche – wie detaillierte Skizzen für ein Drehbuch wirken die Bilder. Die 23-Jährige zeichnet hauptberuflich – Manga. Im August wird der neue Band beim Manga-Verlag Tokyopop erscheinen, auch in Frankreich und den USA werden die neuen Abenteuer wohl bald zu lesen sein. „Das Schlusskapitel ist wichtig“, sagt Hage, „es soll schon auf den nächsten Band neugierig machen.“

Die 23-Jährige gehört zu den Stars einer vermeintlichen Subkultur, die inzwischen ganz Deutschland erfasst hat: Manga, die Comics aus Japan. Rund 1,5 Millionen Fans zwischen Flensburg und Garmisch, meist zwischen 10 und 25 Jahren alt, verbindet die Leidenschaft für die Erlebnisse ihrer Comic-Helden wie den Ninja-Schüler Naruto, die Mond-Elfe Nael, die Musiker der Band Plastic Chew oder die amourösen Fantasien des Polizisten Kirino. Jede Zielgruppe hat ihre eigene Sparte: Die Helden der Shonen-Manga, gezeichnet für Jungs, müssen sich in Fantasy-Welten bewähren. Die Heldinnen der für Mädchen entwickelten Shojo-Manga plagen sich mit den Wirren der Liebe, Silver Manga spielen unter Rentnern.

Anike Hage zeichnet am liebsten „möglichst naturalistische Geschichten“ – und hat exklusiv für die Leser der WirtschaftsWoche zum Stift gegriffen: Mit einer Kurzstory über die Spitzelaffären, die derzeit die deutsche Wirtschaft erschüttern – gestaltet in der typischen Manga-Optik: Der Mund zum Schlund verzerrt, die Augen weit aufgerissen, und alles in Schwarz-Weiß. Manga-Leser müssen nicht nur auf die traditionelle Bildfolge einer Einzelseite achten: „Um die Geschichte unverfälscht und originalgetreu mitverfolgen zu können, musst du es wie die Japaner machen und von rechts nach links lesen“, mahnt Tokyopop in seinen Manga alle Leser, die einen Band nach europäischer Lesart aufschlagen. „Deshalb schnell das Buch umdrehen und loslegen.“

Der erste Versuch, Manga in Deutschland populär zu machen, scheiterte. Die Übersetzung des autobiografischen Kriegsepos „Barfuß durch Hiroshima“, erschienen bei Rowohlt, war ein Flop. 1997 dann die erfolgreiche Initialzündung: Mit dem ersten Band der Abenteuerserie „Dragonball“, die von der Suche des Dschungelkinds Son-Goku nach den magischen Kugeln, den Dragonballs, erzählt, begann der Siegeszug einer für Deutschland völlig neuen publizistischen Gattung.

Eine Besucherin betrachtet Quelle: dpa

Nicht nur Verlage mögen Manga: Stiftehersteller Stabilo ist Sponsor des Comic Campus, mit 1500 Teilnehmern Deutschlands größter Manga-Zeichenwettbewerb. Das Mode-Unternehmen Anson’s hat vor Kurzem seine Schaufenster im Manga-Stil dekoriert, und Discounter Aldi Süd plant zum Start des neuen Schuljahres, Schreibwaren mit Manga-Motiven ins Sortiment aufzunehmen. Plattenfirma Universal feiert Erfolge mit Popstars wie Bill Kaulitz von Tokyo Hotel, der einer wandelnden Manga-Figur gleicht, ganz ähnlich wie die Boyband Cinema Bizarre – fünf Sänger zwischen 17 und 22 Jahren, die sich einst auf einer Manga-Party kennenlernten und als Manga-Punks Strify, Kiro, Shin, Yu und Luminor auftreten. Selbst eingesessene Kulturinstitutionen würdigen die Rolle der Manga: Das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zeigte gerade eine Manga-Ausstellung, und das Deutsche Filmmuseum, ein paar Häuser weiter, steht noch bis 3. August im Zeichen des japanischen Trickfilms.

„Die Manga-Kultur“, sagt Georg Matthes, „ist dabei, die Alltagsästhetik auch in Deutschland zu erobern.“ Der Düsseldorfer gab 1972 seinen Job bei der Lufthansa auf, zog mit seiner japanischen Frau nach Tokio – um bei Manga-Altmeister Ishinomori Shotaro in die Zeichenlehre zu gehen. Bald erschienen Matthes’ Cartoons in japanischen Zeitungen und Magazinen, heute ist er dort ein Star. Als „Erfinder des Ein-Bild-Witzes“ hat er es gar ins Lexikon geschafft. Inzwischen gibt er seine Erfahrung weiter – jüngst bei einem Manga-Zeichenkurs an der Volkshochschule Düsseldorf. Sein Rat: „Ihr müsst euren eigenen Stil finden.“

Das will auch Robert Labs. Der 26-Jährige legte 2001 die erste, in Deutschland eigenständig entwickelte Manga-Story vor – Dragic Master, eine Mischung aus Science-Fiction und schwarzem Humor. Allein der erste Band verkaufte sich mehr als 15 000 Mal. Seine neue Idee: ein Manga, das mitten in Köln spielen soll. Im Mittelpunkt stehen Dämonen, die sich während des Dombaus zum Rückzug ans rechtsrheinische Ufer hatten überreden lassen und nun, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, über den Fluss ins Zentrum der zerstörten Stadt zurückkehren.

„Warum soll ich unbedingt zeichnen, was in Japan los ist“, fragt sich auch Anike Hage, die die Heimat der Manga noch nie besucht hat. „Mit dem japanischen Alltag kenne ich mich nicht aus.“ Außerdem fühle sie sich der „Poesie der großen Pupillen“ mittlerweile entwachsen, sagt sie. Und zeichnet, kurz vor Mitternacht, die nächsten Szene ihres Schlusskapitels für „Gothic Sports 4“. Nicht japanische High-Tech-Welten und Wolkenkratzerschluchten sind zu sehen – „ich spiele lieber mit der Fachwerkidylle aus Wolfenbüttel“.

Literatur:

Deutsches Filmmuseum (Hg.): „Ga-Netchu! Das Manga/Anime-Syndrom“. Henschel Verlag. 24,50 Euro. Brigitte Koyama-Richard: 1000 Jahre Manga“. Flammarion Verlag, 40 Euro.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%