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Post-Chef Frank Appel "Der Riese ist aufgewacht"

Der Chef der Deutschen Post über höheres Porto, den Umbau des Konzerns und verlorenes Vertrauen an der Börse.

Frank Appel Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Appel, vier von sieben Post-Vorständen kommen inzwischen aus dem Ausland. Haben Deutsche nicht das Format?

Appel: Die Besetzung des Vorstands spiegelt die Globalität unseres Geschäfts wider. Die Post erwirtschaftet 68 Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands. Das weltweite Logistikgeschäft, das wir in den drei DHL-Sparten Express, Lagerhaltung und Spedition bündeln, ist inzwischen der Wachstumstreiber des Konzerns. Es ist nur konsequent, dass sich die Internationalität auch im Vorstand fortsetzt.

Sie haben vor wenigen Wochen gute Zahlen vor allem für DHL präsentiert, doch der Post-Aktienkurs dümpelt seit Monaten um die 13 Euro. Verstehen die Anleger Ihr Geschäftsmodell nicht?

Unser Geschäftsmodell hat großes Potenzial, und das verstehen unsere Anleger auch. Aber wir müssen verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, und das braucht einfach Zeit. Tatsache ist, dass wir das Krisenjahr 2009 genutzt haben, um unsere Hausaufgaben zu machen. Jetzt sind alle Restrukturierungen abgeschlossen.

Sie meinen die gescheiterte Expansion in die USA, die den Konzern 7,5 Milliarden Euro gekostet hat?

Unter anderem. Aber auch unsere selbst gesteckten Ziele haben wir früher nicht immer erreichen können. Einige Aktionärsgruppen machen daher um die Post-Aktie noch einen Bogen.

Sind Sie denn wieder auf Kurs? Sie wollen 2011 einen operativen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 2,2 bis 2,4 Milliarden Euro erreichen, mindestens so viel wie 2010.

Wir sind auf Kurs und halten an den Zielen fest.

Die drei DHL-Sparten wachsen insbesondere in Asien und Amerika stark. Dort liegt die Zukunft, weniger im Briefgeschäft. Die holländische TNT spaltet Brief- und Expressgeschäft Ende Mai voneinander ab. Ein Modell für Sie?

Ich halte nichts davon. Natürlich sind die Synergien zwischen Briefgeschäft in Deutschland und weltweiten Logistikdienstleistungen von DHL überschaubar. Doch eine Diskussion um eine Teilung würde uns nur davon abhalten, uns um unsere Kunden kümmern. Die Diskussion um die anstehende Aufspaltung hat auch TNT nicht wirklich gutgetan…

...die Anfang April eine Gewinnwarnung herausgegeben haben...

...richtig. Portfoliomanagement hält vom operativen Geschäft ab. Wir haben das ein Jahrzehnt lang gemacht und dabei gelegentlich unsere Kunden aus den Augen verloren. Das ist vorbei. Unser Unternehmen ist vom Markt als schlafender Riese betrachtet worden. Der Riese ist nun aufgewacht.

Aber hätte es nicht Charme, über eine neue Struktur nachzudenken? Zum Beispiel: Sie geben den Briefbereich an die Deutsche Bahn ab — ein deutscher Infrastrukturkonzern entsteht. Dafür erhalten Sie das Logistikgeschäft DB Schenker — ein globaler Player wächst weiter.

Ich denke lieber über das grenzüberschreitende Paketgeschäft, den Brief im Internet oder das Wachstum in China und Indien nach. Da liegt unsere Zukunft. 2010 sind wir in Asien um 36 Prozent gewachsen, dort machen wir bereits 19 Prozent des DHL-Umsatzes. Wir sind von allen großen Logistikern in den Schwellenländern am besten aufgestellt. Der Kapitalmarkt hat noch nicht verstanden, dass wir damit überproportional von der Globalisierung und vom intra-asiatischen Handel profitieren.

Frank Appel Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

Was ist die Lehre aus dem US-Desaster?

Dass wir nicht in jedem Markt nationale Expressdienstleistungen anbieten müssen. Das machen wir nur noch dort, wo wir Gewinne erzielen können: zum Beispiel in Deutschland, Russland, Mexiko und Indien. Unsere indische Expresstochter Blue Dart entwickelt sich unglaublich erfolgreich, weil das immer noch unterentwickelte Straßennetz dort ganz besondere Flexibilität erfordert.

Der Wettbewerber UPS ist rein auf Logistik fokussiert und an der Börse fünfmal so viel wert wie die Deutsche Post. Ist es nicht das, was die Börse sucht? 

Noch einmal: Eine Diskussion über die Konzernstruktur steht heute und in den kommenden Jahren nicht auf unserer Tagesordnung. Bei FedEx und UPS würden doch die Sektkorken knallen, wenn wir uns mit solchen strukturellen Fragen beschäftigen würde anstatt uns auf den Wettbewerb zu konzentrieren.

Einer der beiden könnte die Expresssparte des niederländischen Wettbewerbers TNT kaufen. Was bedeutete das für DHL?

Eine Übernahme von TNT würde die Wettbewerbsintensität um einen starken Spieler im Markt reduzieren. Zudem wäre der Käufer damit beschäftigt, TNT zu integrieren. Das kann Jahre dauern.

UPS hätte Luft dafür. Die Amerikaner erreichen eine zweieinhalbmal höhere Marge als DHL. Was macht UPS besser?

Die Vergleichbarkeit ist schwierig. UPS profitiert zum Beispiel von einem gigantischen Heimatmarkt, den DHL so nicht ausweist, weil wir das deutsche Paketgeschäft in der Briefsparte zusammenfassen. Davon abgesehen nähern wir uns UPS an. Wir haben mit unserem Expressgeschäft im letzten Quartal 2010 eine Marge von 7,5 Prozent erzielt. Das ist die zweitbeste Marge im Markt, weit vor FedEx.

Ihre Ergebnisse im Expressgeschäft dürften vor allem durch die geplante Luftsicherheitsabgabe belastet werden.

Die Abgabe wirkt wie eine neue Steuer. Ich kann nicht erkennen, dass die Sicherheit dadurch zunimmt. Im Gegenteil: Sie entzieht den Unternehmen Geld, das sie für Sicherheit ausgeben würden.

Unruhe im Post-Konzern gibt es in der Speditionssparte, dem sogenannten Global Forwarding Freight. Der DHL-Bereich verlor Marktanteile. Bei den Transportvolumina etwa in der Seefracht legte DHL gerade einmal um sechs Prozent zu. Wettbewerber wie Kühne + Nagel und DB Schenker schafften ein Plus von jeweils 16 Prozent. Was ist da los?

Die Wettbewerber haben ihr Wachstum durch sinkende Margen erkauft. Wir haben uns bewusst gegen diesen Weg entschieden und unsere Marge verbessert.

Umsatzrenditen

Die Marge ist auch Dauerthema bei der Lagerhaltung, dem dritten DHL-Standbein. Nicht mal zwei Prozent vom Umsatz bleiben als Gewinn übrig. Das dürfte für Investitionen nicht ausreichen.

Die Kontraktlogistik hat hervorragende Perspektiven. Die Entwicklung zeigt nach vorne. 2010 konnten wir Neugeschäft mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro gewinnen.

Die Deutsche Post steht finanziell so gut da wie kaum ein anderer Logistiker. Der Spielraum für Akquisitionen ist groß. Planen Sie Zukäufe?

Nein. Wir haben in allen Bereichen unser Netz optimiert. Größere Akquisitionen schließe ich aus. Kleinere Ergänzungen kann es natürlich immer geben.

Wie im Briefbereich: Sie haben mit Adcloud und Nugg.ad zwei kleine Dienstleister für Online-Werbung gekauft. Planen Sie hier weitere Zukäufe ?

Sollte sich die richtige Gelegenheit bieten, dann ja. Wir wollen die Deutsche Post auch in der elektronischen Welt zu einem neutralen Dienstleister für Werbung machen. Was wir bereits klassisch etwa über Postwurfsendungen machen, wollen wir auch im Internet erreichen.

Um den 2010 gestarteten E-Postbrief ist es ruhig geworden. Sie geben seit Monaten keinen Zwischenstand über Nutzerzahlen mehr durch. Läuft die vertrauliche E-Mail doch nicht so gut wie erwartet?

Ich halte mich mit konkreten Zahlen zurück. Wir sind aber sehr zufrieden. Viele Unternehmenskunden testen, wie sie den E-Postbrief in ihre Geschäftsprozesse einarbeiten können. So überlegt Ebay, ob der E-Postbrief bei der Identitätsprüfung von Käufern und Verkäufern hilfreich sein kann. Doch zugegeben: Die Testphase der Unternehmen dauert länger, als wir es erwartet haben. Aber klar ist auch: Was nicht über den E-Postbrief abgewickelt wird, verbleibt im Kerngeschäft Brief. Es geht uns also nichts verloren.

Das Briefgeschäft bricht aber weiter ein. 2010 sank die Zahl der Briefsendungen um zwei Prozent. Welche Rolle spielt Ihre Billigtochter First Mail, die in Nordrhein-Westfalen und Berlin zustellt?

First Mail ist die Antwort auf ein Problem, das die Deutsche Post nicht umgehen kann. Die Post bietet Behörden für die Zustellung von Briefen öffentlich bekannte Großmengenrabatte. Der Wettbewerb hat Einblick in diese Preisstellungen, kann sie um einen Cent unterbieten und gewinnt dadurch viele Aufträge, weil die Vergabeverordnung die Behörden zur Annahme des billigsten Angebots zwingt. Wir haben bei öffentlichen Ausschreibungen keine Chance.

Soll es First Mail bundesweit geben?

Derzeit haben wir keine Pläne, First Mail weiter auszubauen. First Mail macht vor allem in Ballungsräumen Sinn, da dort eine hohe Haushaltsdichte existiert.

Daran gibt es Zweifel. Die im Bundesanzeiger veröffentlichten Jahresabschlüsse deuten auf Verluste von zwei Millionen Euro pro Jahr hin.

Zu den Ergebnissen einzelner Töchter nehme ich grundsätzlich keine Stellung. First Mail muss über die Zeit Gewinne erwirtschaften.

Sie wollen den operativen Gewinn im Briefbereich dauerhaft bei einer Milliarde Euro halten. Dazu könnten Sie auch die Preise anheben. Beantragen Sie bei der Bundesnetzagentur eine Erhöhung?

Zunächst einmal muss man die Fakten anerkennen. Wir liegen bei den Portopreisen europaweit im unteren Mittelfeld. Berücksichtigt man die Kaufkraft der Bürger, bieten wir in Deutschland fast die niedrigsten Porti für die Zustellung nationaler Briefe an. Zudem haben wir seit 14 Jahren die Preise nicht erhöht.

Das klingt wie ein Antrag auf Erlaubnis für höhere Briefporti.

Das bisherige Verfahren der Preisregulierung war sinnvoll in Zeiten steigender Volumina. Doch nun sinkt die Menge von Sendungen. Und wir müssen Mehrwertsteuer zahlen, der Mindestlohn ist gefallen. Nun ist es an der Zeit, dass wir die Preise wie jedes Unternehmen marktgerecht gestalten dürfen. Ob wir das dann am Ende auch tun, ist eine andere Frage. Das hängt auch vom Wettbewerb ab.

Welche Perspektive entwickeln Sie denn, um das Zustellnetz auch in den kommenden Jahren voll auszulasten? Die Briefmengen werden kaum wieder anziehen.

Eine wesentliche Rolle spielt hier das Paketgeschäft. Dort haben wir signifikant steigende Volumina. Im vierten Quartal 2010 stieg die Anzahl der Pakete um fast zehn Prozent. Viele Menschen waren vor dem letzten Weihnachtsfest das erste Mal online shoppen, weil der Winter so streng war, und haben Gefallen daran gefunden. In 80 Prozent der Fläche in Deutschland stellen wir Briefe und Pakete gemeinsam zu. Das heißt, den Rückgang bei den Briefen können wir teilweise auffangen mit Paketen. 

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