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Prognosen deutlich geändert Merck steigert Gewinn dank boomender Chemiesparte

Merck ist derzeit der kleinste Dax-Wert, aber in diesem Fall gilt: klein aber fein. Der Pharma- und Spezialchemiekonzern hat im dritten Quartal deutlich mehr verdient als erwartet. Und die Darmstädter erhöhen sogar ihr Gewinnziel für 2010. Allerdings gibt es auch erhebliche Schattenseiten.

Die Mitarbeiter von Merck haben - gemessen an den Zahlen - gute Arbeit geleistet. Quelle: ap

shf/HB DARMSTADT. Merck hat dank guter Geschäfte mit Flüssigkristallen im dritten Quartal deutlich mehr verdient und sein Gewinnziel 2010 angehoben. Allerdings drückt der schwächere Dollar auf das Geschäft und auch in der boomenden Sparte Flüssigkristalle sieht Merck inzwischen einen leichten Abschwung. Für das Gesamtjahr rechnet der Darmstädter Konzern daher mit einem geringeren Umsatzanstieg als noch zuletzt.

Merck steigerte den operativen Gewinn im dritten Quartal um 64 Prozent auf 363,5 Mio. Euro. Analysten hatten im Schnitt lediglich mit 331 Mio. Euro gerechnet. Unter dem Strich blieb für die Monate Juli bis September ein Gewinn von 214,5 Mio. Euro und damit 44,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. "Wir haben ein weiteres gutes Quartal abgeliefert, insbesondere der Gewinn gibt Anlass zur Freude", sagte Konzernchef Karl-Ludwig Kley. Merck setzte in den Monaten Juli bis September 2,44 Mrd. Euro und damit ein Viertel mehr als vor Jahresfrist. Analysten hatten im Schnitt aber etwas mehr erwartet.

Für 2010 stellt Merck jetzt einen 58-prozentigen Zuwachs des bereinigten operativen Gewinns in Aussicht. Bisher wurde ein Plus von 55 Prozent erwartet. Merck begründete die Anhebung mit geringeren Forschungs- und Produktionskosten in der Pharmasparte, da nach Forschungsrückschlägen beispielsweise Aufwendungen für teure Medikamentenstudien wegfallen. Für den Konzernumsatz senkte Merck allerdings das Jahresziel auf plus 19 Prozent von bislang plus 21 Prozent.

In der Pharmasparte legten die Erlöse im dritten Quartal um 5,7 Prozent zu, der operative Gewinn sprang um 70 Prozent auf 210 Mio. Euro in die Höhe. Im Pharmageschäft gab es für Merck zuletzt eine Reihe von Rückschlägen. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA verweigerte dem Mittel Erbitux die Zulassung zur Behandlung von Lungenkrebs und das EMA-Expertengremium sprach sich gegen die Zulassung der Multiple-Sklerose-Pille Cladribin aus. Merck versucht nun in der EU wie auch in den USA, in einem zweiten Anlauf doch noch eine Zulassung für sein wichtigstes neues Medikament zu bekommen.

Im boomenden Chemiegeschäft ragte erneut das Geschäft mit Flüssigkeitskristallen heraus. In der Sparte stieg der operative Gewinn um 90 Prozent und erzielte eine Umsatzrendite von 53,6 Prozent nach 34,1 Prozent vor Jahresfrist. Merck ist Weltmarktführer im Geschäft mit den Kristallen, die unter anderem in Flachbild-Fernsehern, Handy-Displays und Laptops zum Einsatz kommen. Zuletzt profitierte der Konzern von der neuen patentgeschützten PS-VA-Technik, die schnellere Schaltungen und damit eine bessere Bildqualität ermöglicht. Inzwischen seien die Läger bei den Herstellern aber stark gefüllt und auch die Nachfrage nach den Kristallen habe sich etwas abgeschwächt, erklärte Merck. Daher hätten die Hersteller von Displays ihre Produktion etwas gedrosselt. Für das Gesamtjahr erwartet Merck daher nur noch einen Umsatzanstieg von 35 Prozent, bislang waren 50 Prozent in Aussicht gestellt worden.

Merck hatte bereits mit den Zahlen für das zweite Quartal überzeugt. Sorgen machen da eher die langfristigen Perspektiven. Ende September hatten sich Experten der europäischen Arzneimittelbehörde EMA überraschend gegen eine Zulassung für das Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin von Merck ausgesprochen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der Wirkstoff nicht genügend Nutzen bietet, um seine Nebenwirkungen auszugleichen. Als Problem erwies sich dabei offenbar vor allem die Tatsache, dass die Cladribin-Studien sowohl auf eine erhöhten Rate an Infektionen als auch auf ein leicht erhöhtes Krebsrisiko deuteten. Merck kündigte danach an, Einspruch gegen das negative Votum einzulegen und mit dem Gremium zusammenzuarbeiten, um die Bedenken auszuräumen.

Viele Analysten wie auch das Merck-Management hatten ungeachtet dieser Daten mit einer Zulassung für Cladribin gerechnet. Die Entscheidung der EMA ist vor diesem Hintergrund ein ganz herber Rückschlag für die Pharmastrategie von Merck. Denn die Marktperspektiven für das derzeit wichtigste Entwicklungsprodukt haben sich damit drastisch eingetrübt. Dies wiederum wirft einen Schatten auf die längerfristigen Perspektiven für das Pharmageschäft von Merck. Zudem dürften sich die Zweifel am F+E-Management des Konzerns im Pharmabereich verstärken.

Immerhin ist die Cladribin-Ablehnung praktisch der vierte Misserfolg in Serie für den Darmstädter Konzern. Bereits im vergangenen Jahr scheiterte er mit dem Versuch eine Zulassung für sein Krebsmedikament Erbitux im Bereich Lungenkrebs zu erhalten. Hinzu kamen eine Reihe weiterer Probleme, wie etwa der vorüber gehende Stopp bei klinischen Studien zum potenziellen Krebsmedikament Stimuvax oder die anfängliche Zurückweisung des Zulassungsantrags für Cladribin in den USA. Merck hatte dadurch im US-Zulassungsverfahren rund ein halbes Jahr verloren und den Vorsprung gegenüber dem Konkurrenten Novartis eingebüßt.

Denn besonders bitter ist die nicht erhaltene Zulassung für Merck, weil Konkurrent Novartis für sein MS-Medikament Gilenia in dieser Woche positive Signale erhalten hat. Beide Medikamente gelten als Zukunftshoffnungen, weil sie nicht mehr injiziert werden müssen, sondern als normale Tablette eingenommen werden können.

Die Chancen für Merck, die europäischen Arzneimittelaufseher mit einem Einspruchsverfahren noch umzustimmen scheinen, gemessen an bisherigen Erfahrungen mit diesem Instrument, eher gering. Im Falle des Krebsmittels Erbitux zum Beispiel war Merck damit gescheitert.

Die Entscheidung in den USA bleibt vorerst offen. Dass sich die beiden Behörden nicht im Gleichschritt bewegen, zeigte sich in der vergangenen Woche im Fall des Diabetesmedikamentes Avandia von Glaxo-Smithkline. Während die EMA hier für einen Widerruf der Zulassung votierte, entschloss sich die FDA das Mittel unter strengen Auflagen auf dem Markt zu lassen. Auch in anderen Fällen kamen die Behörden zu unterschiedlichen Entscheidungen.

Doch selbst wenn man in den USA eine Zulassung für Cladribin erhalten sollte, erscheinen die Marktperspektiven für das Produkt eher schwach, insbesondere im Wettbewerb mit dem Konkurrenprodukt Gilenya von Novartis, das in der vergangenen Woche eine relativ uneingeschränkte Zulassung erhalten hatte. Bisherige Schätzungen, die für Cladribin ein Umsatzpotenzial von bis zu 1,5 Mrd. Dollar unterstellten, dürften damit obsolet werden.

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