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Projektgegner "Wir wurden belogen und betrogen"

Der Widerstand gegen das Bauprojekt "Stuttgart 21" wird immer größer. Die Gegner des Vorhabens werden sich am Samstag zusammenfinden um bei einer Großdemo erneut ihren Unmut kundzutun - sie fühlen sich von der Politik betrogen.

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Am Donnerstag blockierten Demonstranten die Bauarbeiten: Sie stiegen auf das Dach des Nordflügels und blieben, bis die Polizei sie überwältigte. Quelle: dpa

STUTTGART. Sieben Demonstranten gegen den Bahnhofsneubau in Stuttgart sind auf das Dach des Nordflügels gestiegen, stehen vor der Abrisskante und machen eine La-Ola-Welle. Einige Hundert skandieren von unten: "Oben bleiben, oben bleiben". Die Polizei traut sich nicht ran. Zu groß ist die Angst, einer der Demonstranten könnte vom Dach fallen. Ein Märtyrer würde die seit Baubeginn immer höher werdende Protestwelle zu einem politischen Tsunami werden lassen.

Am späten Nachmittag überwältigen Spezialeinheiten der Polizei die unliebsamen Dachbesucher. Im Radio spricht Stuttgarts Polizeipräsident bei der Blockade der Bauarbeiten von einer Straftat. Die Stimmung an diesem schwülen Donnerstag im Stuttgarter Kessel ist aufgeheizt. Die Menge macht sich schon einmal warm für die morgige Großdemo.

Vor einem Jahr fing alles mit einer Handvoll Leuten an. Morgen werden Tausende erwartet, sie haben sich verabredet über Anzeigen, SMS und Twitter. Die Front gegen das Milliardenprojekt wird immer größer.

"Jede Panne in dem Tiefbahnhof kann zu einer Katastrophe werden", sagt Gymnasiallehrer Dieter Wolf, 78 Jahre alt und seit vier Jahrzehnten CDU-Wähler. "Wir wurden belogen und betrogen mit den explodierenden Baukosten." Nie wieder werde er CDU wählen. Buhmann ist OB Wolfgang Schuster, der zur Wiederwahl nicht mehr antreten wird, aber das Projekt durchgeboxt hat. Ministerpräsident Stefan Mappus hält sich derzeit zurück. Er hat Angst vor Einbußen bei der nächsten Landtagswahl. "Das sind Feiglinge", meint die 41-jährige Gemeindesekretärin Andrea Habashi. Sie findet, dass das Geld für andere Dinge ausgegeben werden sollte.

Sogar auf dem Times Square gibt es Proteste

Es ist gerade Mittagspause für die Banker der Landesbank von gegenüber. Es kommt zu Auseinandersetzungen. "Nur wegen dem Gesocks hier", schimpft eine Bankerin, die mit ihren hochhackigen Schuhen Schwierigkeiten hat, durch das Gedränge zu kommen. Sofort fliegen ihr Nettigkeiten wie "Hau ab, du Spinatwachtel" entgegen.

"Da drüben in der Bank haben sie Milliarden versenkt, und beim Bahnhof fangen sie jetzt an", erzürnt sich Wolf. Lena Storck, 21, Studentin, wohnt in der Innenstadt und hat "einfach keinen Bock auf die jahrelange Baustelle". Auch eine 46-jährige Diakonissin in Tracht ist unter den Protestierenden: "Das Geld gehört in die Strecke investiert, um die Region besser anzubinden." Hans Joachim Müller, früher Elektroniker bei HP: "Was hier passiert, ist Einführung in die Demokratie. Das ist eben mehr als nur alle vier Jahre ein Kreuzchen machen."

Gestern haben Exil-Schwaben sogar auf dem New Yorker Times Square gegen Stuttgart 21 demonstriert. Pünktlich um 19 Uhr zum "Schwabenstreich" wird eine Minute in ganz Stuttgart Lärm gegen das Projekt gemacht. Längst wird der Protest auch außerhalb Schwabens nicht mehr nur belächelt. Die Mehrheit der Unternehmen und immer noch weite Teile der Bevölkerung stehen hinter dem Neubau, aber die Front der Gegner wächst gewaltig.

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