WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Provisionsabhängiger Verkauf Werden Millionen von Versicherungskunden abgezockt?

Seite 2/5

Jürgen Karpf

Die Einsparpotentiale werden von den meisten Kunden jedoch nicht annähernd ausgeschöpft. Grund hierfür ist die Dominanz der provisionsgesteuerten Beratung in Versicherungsfragen. Die zum neuen Versicherungsvertragsgesetz (VVG) beschlossenen Informationspflichten für Versicherer sind leider lückenhaft. Der Verbraucherschutz wurde nur halbherzig umgesetzt.

Wir werfen der Bundesregierung vor, bei den Informationspflichten in einem für den Wettbewerb zentralen Punkt vor der Versicherungswirtschaft eingeknickt zu sein. Anders ist nicht nachvollziehbar, warum Versicherungskunden die wichtigen Preisinformationen nicht in jedem Fall erhalten. Die Pflicht der Versicherer beschränkt sich auf vier Policenarten: auf die Kranken-, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung sowie auf die Unfallversicherungen mit Prämienrückgewähr. Den Versicherungskunden wird also auch in Zukunft bei den meisten Vertragsabschlüssen die Information fehlen, was sie für die Beratung beim Vertreter oder Makler bezahlen müssen.

Besonders bedenklich ist, dass im Bereich der betrieblichen Altersversorgung nach den ersten vorliegenden Informationen die Versicherer die Auffassung vertreten, dass nur der Versicherungsnehmer, also der Arbeitgeber, informiert werden muss. Die Arbeitnehmer, die im Rahmen von Entgeltumwandlungen die Versicherungen finanzieren, werden somit auch künftig nicht informiert! Dies kann so nicht gewollt sein und führt für den Arbeitgeber zu einem erheblichen Haftungsrisiko, da er diese Informationspflicht möglicherweise im Rahmen von arbeitgeberrechtlichen Fürsorgepflichten zu erfüllen hat.

Die Lücken in der Informationspflichtenverordnung sind umso erstaunlicher, als dass die EU-Kommission die Geheimniskrämerei bei den Provisionen erst im vergangenen Herbst in einer Studie als Wettbewerbshemmnis gebrandmarkt hat. So betont die EU-Kommission in ihrem Abschlussbericht: „Das scheinbar niedrige Interesse von Kunden am Preis von Versicherungsvermittlungsdienstleistungen ist vielleicht auf eine verbreitete Fehleinschätzung hinsichtlich des Provisionsbetrags (und möglicherweise anderer Vergütungsformen) zurück zu führen, der dem Vermittler als Bestandteil der Versicherungsprämie gezahlt wird und in der Regel höher als gedacht liegt.“

Der BVVB fordert die Bundesregierung auf, die Informationspflichten der Versicherer so zu erweitern, dass sie die Provisionen in jedem Fall und gegenüber allen Kunden offen legen müssen. Ohne diese Transparenz wird es im Versicherungsmarkt keinen fairen Wettbewerb geben.

Das Provisionssystem dominiert nach wie vor die Beratungskultur in Versicherungsfragen. Im Dienst der Versicherungswirtschaft stehen rund 400.000 Vertreter, Agenten und Makler. Etwa 320.000 von ihnen sind nur nebenberuflich tätig. Allen gemein ist, dass sie ihr Geld nicht primär mit der bedarfsgerechten Beratung von Kunden verdienen, sondern mit dem Verkauf der Verträge. Die negativen Auswirkungen dieses Provisionssystems auf die Qualität der Beratung und des Versicherungsschutzes ist den meisten Kunden bei Vertragsabschluss nicht bewusst.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%