WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Radikalkur Hewlett-Packard wagt größten Umbau seiner Geschichte

Hewlett-Packard steht vor einem fast schon historischen Umbau. Konzernchef Leo Apotheker will das PC-Geschäft abspalten, Tablets und Smartphones aufgeben. Apotheker wagt den großen Wurf - weil er keine andere Wahl hat.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Radikalumbau bei Hewlett Quelle: dapd

„Ich weiß, dass es den Anlegern nicht gefällt und glauben Sie mir, es gefällt mir auch nicht.“ Mit fast japanischer Reumütigkeit eröffnete Léo Apotheker, CEO von Hewlett Packard, Analysten und Journalisten in einer Telefonkonferenz die traurige Wahrheit - nämlich den Umbau des Computerkonzerns, bei dem kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Der weltgrößte IT-Konzern plant die größte Reorganisation seit Jahren, die PC-Sparte wird abgespalten. HP prüfe alle Optionen, heißt es, was also auch einen Verkauf einschließt.

Der erst vor gut 16 Monaten begonnene Wiedereinstieg in das Smartphone-Business und der Aufbau eines Tablet-PC-Geschäfts werden ebenfalls beerdigt. Die Entwicklung von webOS, einem Betriebssystem, das zusammen mit Palm übernommen wurde, wird eingestellt, ebenso der Hardwareverkauf. Damit ist die Investition von knapp 1,3 Milliarden Dollar in Palm ein Totalausfall.

Die Prognosen für das gesamte Geschäftsjahr werden zurückgenommen und massive Umbauten in der Unternehmensstruktur werden das Unternehmen belasten, ebenso wie eine teure Großakquisition. „Aber“, so Apotheker weiter, „das stellt realistisch dar, wo wir sind und welchen Herausforderungen wir uns gegenübersehen. Ich glaube an Transparenz.“

An der Börse sorgte Apotheker damit nicht für gute Stimmung. Der Aktienkurs gab zeitweise deutlich nach.

Hewlett Packard will Autonomy kaufen

Nun also die Reorganisation, der vor allem das Geschäft mit Smartphones zum Opfer fällt. Ein Käufer wird gesucht. Kandidaten könnten unter anderem Samsung oder HTC sein.

Beide Smartphone-Riesen bauen auf das Betriebssystem Android von Google und sehen sich einer verschärften Konkurrenz gegenüber, seit der Webriese angekündigt hat für 12,5 Milliarden Dollar Motorola Mobility zu übernehmen. Mit webOS, könnten sie sich eine schlüsselfertige Alternative zu Android kaufen. Beide Konzerne haben ganz im Gegensatz zu HP langjährige Erfahrung mit Smartphones.

Apotheker erläuterte, er sei offen für alle Optionen, um den „Wert der Software zu optimieren“. Insofern sei ein Lizenzvergabe denkbar, doch das war bereits ein Angebot von HP, von dem niemand Gebrauch machen wollte. Ein Öffnung der Plattform ist im Gespräch. Dann würde webOS allen Entwicklern kostenlos zur Verfügung gestellt - so wie Googles Android.

Welchem Betriebssystem sich die PC-Sparte in Zukunft zuwenden werde, sei noch völlig offen. Klar ist nur, dass ein neues Tablet-Geschäft her muss in der dann autarken PC-Sparte, sonst verliert sie weiter an Boden. Optionen wären hier Microsofts Windows Phone 7, Googles Android oder Blackberrys QNX.

Außerdem will der Dell-Konkurrent das britische Software-Unternehmen Autonomy für rund elf Milliarden Dollar übernehmen. Beide Unternehmen bestätigten die Gespräche. Autonomy ist spezialisiert auf Suchmaschinentechnik für Unternehmen und passt damit zumindest theoretisch hervorragend in das neu geschmiedete Kerngeschäft von HP, das sich ganz auf den Unternehmensbereich konzentriert.

In der Fragerunde nach der Präsentation der Zahlen kritisierten Analysten angesichts der angespannten Finanzlage die Höhe des Kaufpreises. HP zahlt 64 Prozent über dem Schlusskurs der Autonomy-Aktie vom Mittwoch, zusätzlich wird der Kauf von Optionen zur Absicherung des Geschäfts hohe Belastungen mit sich bringen. Bei einem Umsatz von rund einer Milliarde Dollar zahlt HP den elffachen Umsatz.

Apotheker verteidigte den Deal aber als notwendig, um die geplante Cloud-Strategie vorantreiben zu können. Autonomy soll als eigenständige Firma erhalten bleiben, aber technologisch eng mit HP zusammenarbeiten und Zugang zu HPs Vertriebskanälen bekommen.

Im dritten Quartal 2011 setzte HP mit 31,2 Milliarden Dollar kaum mehr um als im Vorjahr mit 30,7 Milliarden. Der Gewinn nach GAAP pro Aktie lag mit 0,93 Dollar pro Aktie über dem Vorjahreswert von 0,75 Dollar, was vor allem auf Kostenreduzierungen zurückzuführen ist. Für das vierte Quartal erwartet Apotheker nun einen Umsatz zwischen 32,1 und 32,5 Milliarden Dollar und einen Gewinn pro Aktie von 0,44 Dollar, worin sich hohe Belastungen vor allem durch das webOS-Desaster widerspiegeln.

Für das gesamte Finanzjahr wird die Umsatzerwartung von 129 bis 130 Milliarden Dollar abwärts korrigiert auf 127,2 bis 127,6 Milliarden Dollar. Damit scheint sicher, dass Apple nach dramatischen Zuwachsraten HP als weltgrößten IT-Konzern bereits 2011 wird ablösen können.

Apotheker reagiert mit der Radikalkur auch auf den Druck zahlreicher Großinvestoren um Blackstone und KKR, die seit längerem die Abspaltung des margenschwachen Computergeschäfts fordern und damit quasi eine Aufteilung in ein Business-orientiertes HP und eine eigenständige Consumer-Sparte. Nach einer Abspaltung des PC-Geschäfts könnte auch ein Verkauf folgen.

Die Logik hinter der Abspaltung ist nicht einfach zu erkennen, schließlich ist HP der Weltmarktführer im PC-Segment. Aber sie folgt dem Ansatz, den bereits IBM verfolgt hat, als das PC-Geschäft Ende 2004 für 1,75 Milliarden Dollar an die chinesische Lenovo verkauft wurde.

Inhalt
  • Hewlett-Packard wagt größten Umbau seiner Geschichte
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%