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Raumfahrt Wie OHB zum Raumfahrt-Konzernschreck aufstieg

Von der Hinterhofklitsche zum Konzernschreck – ein Blick hinter die Kulissen des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB, der wochenlang für Streit unter den Politikern in Berlin und Paris sorgte.

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Die OHB-Eigentümerfamilie Fuchs Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Jahrelang kein Regen, die Luft fast zu dünn zum Atmen und die Umgebung so karg wie auf dem Mars – wenige Orte auf der Erde sind ungemütlicher als die Atacama-Wüste im Norden Chiles. Trotzdem blüht Manfred Fuchs geradezu auf, als er an diesem Mai-Morgen nach 24 Stunden Reise endlich die kühle Morgenluft des Hochplateaus in 3000 Meter Höhe genießt.

Der 71-Jährige und sein Sohn Marco sind nicht wegen der rauen Landschaft hier. Sie interessiert in erster Linie -ALMA. Das Kürzel steht für Atacama Large Millimeter Array, ein System aus 66 Großteleskopen zum Empfang von Millimeterwellen aus dem Weltall. Die mehrere Hundert Millionen Euro teure Anlage soll 2011 in Betrieb gehen, wird von den USA, Europa sowie Japan finanziert – und mitgebaut vom Bremer Raumfahrtkonzern OHB, bei dem Vater und Sohn Fuchs Chefs und Haupteigentümer sind.

Weltall, Raumfahrt, Unendlichkeit, das ist ganz nach dem Geschmack der Herren Fuchs. „An die dünne Luft muss man sich erst gewöhnen“, sagt Sohn Marco, als er von den Teleskopen in 5000 Meter Höhe zurückkommt.

Das Schwindelgefühl in großer Höhe ist für Vater und Sohn Fuchs mehr als eine körperliche Erfahrung. Es ist auch Sinnbild dessen, was sie erreicht haben. Sie, die vor gar nicht so langer Zeit mit -einer Hinterhoffirma starteten, arbeiten nun in der Oberliga mit Weltkonzernen wie Thales aus Frankreich und General Dynamics aus den USA an imposanten High-Tech-Projekten. Und OHB ist inzwischen so bedeutend, dass er jüngst für Verwerfungen innerhalb der Bundesregierung sorgte.

Mehr als ein Aufsteiger

Fast jeder auf der Welt kennt EADS, den europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern, aber nur wenige OHB, den im Weltraumbereich nur ein Sechzehntel so großen Konkurrenten aus Bremen. Zwar an der Börse notiert, ist OHB nach wie vor ein Familienunternehmen, das Vater Manfred, Sohn Marco und Mutter Christa Fuchs zu rund 70 Prozent gehört.

„OHB ist eine der großen Erfolgsgeschichte der Branche“, sagt Stefan Lippautz, Raumfahrtexperte der Beratung Arthur D. Little. Kein deutsches Technologieunternehmen hat sich in jüngerer Zeit so schnell und erfolgreich emporgearbeitet wie der hanseatische Familienbetrieb: In einem Vierteljahrhundert von einer besseren Klitsche mit fünf Beschäftigten zum drittgrößten europäischen Raumfahrtkonzern mit gut 1600 Beschäftigten. Spätestens 2011 soll der Umsatz auf eine halbe Milliarde Euro klettern und der Auftragsbestand auf den Rekordwert von um die zwei Milliarden Euro.

OHB ist aber mehr als ein Aufsteiger unter den deutschen Industriebetrieben. Die Bremer sind der schmerzhafteste Widersacher des Marktführers EADS im Weltraumgeschäft. Dieses Jahr hat OHB deren Tochter Astrium schon zwei prestigeträchtige Aufträge weggeschnappt. Die Hanseaten bauen die 14 Satelliten des europäischen Navigationsprogramms Galileo und mit dem französischen Rüstungs- und Raumfahrtriesen Thales die sechs Wettersatelliten des Meteosat-Programms. „Wir fühlen uns oft wie im Märchen vom Hasen und dem Igel“, stöhnt ein EADS-Mitarbeiter. „Wir strengen uns im Rennen um Aufträge unglaublich an, aber immer ist OHB schon da.“

Der Erfolg des vorwitzigen Igels wurzelt im Wesentlichen in der Familie, die ihn lenkt. Wer das Trio im Ferienhaus in der Südtiroler Heimat von Manfred Fuchs am Kalterer See, aber auch in den Werken in Bremen, im norditalienischen Mailand und in Bayern besucht, muss diesen Eindruck gewinnen. Nicht nur unternehmerische Kreativität und Kaufmannsgeist haben OHB vorangebracht. Wichtige Zutaten waren auch technisches Können, Korpsgeist, Kommunikationsfähigkeit sowie Fortune und Fügung.

Ein Airbus A380 fliegt Quelle: APN

OHB war für Manfred und Christa Fuchs wie der Beginn eines zweiten Lebens. Denn angefangen haben sie mit Raumfahrttechnik nicht im jugendlichen Sturm und Drang, sondern 1982, als die beiden, inzwischen in den Vierzigern, schon einiges hinter sich hatten. „Die Kinder waren aus dem Haus, und ich fühlte mich noch jung“, erinnert sich die heute 72-jährige Unternehmerin, die als Tochter einer Kaufmannsfamilie im norddeutschen Pinneberg zur Welt kam. Als ein Bekannter ihr von der damaligen Firma Otto Hydraulik Bremen erzählte, einer Reparaturwerkstatt für Geräte der Bundeswehr, wurde sie die neue Eigentümerin. Dass aus Otto Hydraulik Bremen einmal OHB werden würde und was die Firma eigentlich machte, interessierte die Entrepreneurin damals nicht. „Es hätte es auch ein Wollladensein können“, erinnert sie sich.

Statt Wolle zu verkaufen, baut Christas OHB heute mit an der europäischen Trägerrakete Ariane oder fertigt Bauteile für den Super-Airbus A380. Und statt Otto Hydraulik Bremen heißt OHB seit 2000 schick und futuristisch Orbitale Hochtechnologie Bremen-System.

Im Kern aber tickt das Unternehmen noch wie 1982. Als Analysten im Februar begeistert zum Capital Market Day nach Mailand strömten, blieb ihr Appell, die Familie möge doch weiteren Investoren mehr Chancen geben, ungehört. Im Gegenteil. Vater, Mutter und Sohn haben ihren Anteil kürzlich sogar auf 70 Prozent erhöht. Für sie ist die Börsennotierung nur ein Mittel zum Zweck. „Es beruhigt, relativ rasch Zugang zum Kapitalmarkt zu haben, wenn es nötig sein sollte. Fremdkapital dreht in schlechten Zeiten schon mal den Hahn ab“, sagt Fuchs junior Marco.

Weltraum Statt Wollladen

Die wirtschaftliche Basis von OHB ist und bleibt die Familie. „Wir haben keine ernsthafte Projektvorfinanzierung und sind mit liquiden Mitteln von fast 80 Millionen Euro in der Lage, alle wesentlichen Investitionen aus eigenen Mitteln zu finanzieren“, sagt der Sohn der Gründerin im Jargon des Finanzexperten. Im Klartext heißt das aktuell zum Beispiel: Die Grundstücke neben der Firmenzentrale an der Universitätsallee, die OHB für den Bau der Himmelskörper von Galileo und Meteosat benötigt, gehören der Familie und werden von OHB angemietet.

Auch die Seele des Unternehmens ist die Familie. Die Mitglieder des Dreigestirns an der Spitze ergänzen sich fast perfekt. Vater Manfred ist der Visionär und Technikchef, Mutter Christa hingegen die kühle und kritisch rechnende Aufsichtsratsvorsitzende. Sohn Marco schließlich führt als Vorstandschef das operative Geschäft. Als Anwalt einer New Yorker Großkanzlei lernte er, wie große Firmenübernahmen funktionieren, und wurde fähig zum Kompromiss.

Besucher der Konzernzentrale an der Bremer Universität fasziniert das Tempo der drei „Füchse“, wie sie die Belegschaft nennt. Fragen rufen sie sich von ihren kleinen Vorstandsbüros über den Flur des Rondells im dritten Stock des Hauptgebäudes zu – und klären sie meist direkt.

Ebenso faszinierend ist der Zusammenhalt. Bürofehden sind Mangelware, auch der Zwist zwischen Vater und Sohn – in vielen Familienunternehmen das Dauerthema – fällt bei OHB aus. Bei Konflikten scheinen Herzlichkeit und Zutrauen einer funktionierenden Familie die Oberhand zu behalten. Klären sich Fragen nicht im Büro, dann vielleicht gegenüber in der Kantine der Bremer Siemens-Niederlassung, wo die Familie wie alle OHB-Mitarbeiter mangels einer eigenen Betriebsküche Mittag isst. Oder es geht weiter abends zu Hause beim Wein oder in Südtirol, dem Rückzugsgebiet, wo sich die Familie zu Kurzurlauben trifft.

Ein solcher Weg war der Fuchs-Sippe nicht unbedingt vorgezeichnet. Vater Manfred arbeitete ursprünglich als Direktor für Raumfahrt bei der früheren Daimler-Tochter MBB Erno, einem EADS-Vorläufer. 1985, drei Jahre nachdem seine Frau die OHB erwarb, schlug er ihr auf seiner Silberhochzeitsreise vor, ihr Angestellter zu werden. Mit deren strengen, aber sympathischen Einwänden, war er sicher, würde er besser leben als im hierarchischen Daimler-Konzern. Dort war er zwar als Vater des Raumfahrtlabors Columbus hoch angesehen. Doch mit seinen Vorschlägen scheiterte er oft an den lähmenden Prozessen und Vorgesetzten.

Klein, aber erfolgreich

Die Zusammenarbeit klappte – er sorgte für die Ideen, sie rechnete sie durch, bevor sie das Geld beschaffte und die Ausgaben streng kontrollierte. „Deine Vorhaben sind ja gut, aber meist auch etwas teuer“, bescheidet sie bis heute gern ihren Gatten, wenn der ihr – auch in der Öffentlichkeit – mit „Wie wär’s, Frau Fuchs?“, mal wieder eine Idee vorträgt.

Die wichtigste Idee des Luftfahrtingenieurs, nämlich die Raumfahrt billiger und die Satelliten kleiner zu machen, ist bis heute der eherne Grundsatz bei OHB. Damit hat das Unternehmen viele Konkurrenten aus dem Feld geschlagen. Beim 1,4 Milliarden Euro teuren Meteosat-Programm etwa war OHB dem Vernehmen nach 150 Millionen preiswerter als die EADS-Tochter Astrium.

„OHB ist sehr wettbewerbsfähig, weil sie sehr schlank und produktiv arbeiten und keine unnötigen Wasserköpfe haben“, sagt Berater Lippautz von Arthur D. Little. Das liegt nicht an niedrigeren Löhnen. „OHB zahlt unterm Strich nicht weniger als andere“, betont der Bremer IG-Metall-Chef Dieter Reinken.

Untereinander lassen die drei Großaktionäre Sparsamkeit und Strenge walten. Die Familienmitglieder erwarten keine üppigen Gehälter – Sohn Marco erhält als Vorstandschef lediglich 251 000 Euro im Jahr – noch hohe Dividenden. Aufsichtsratschefin Christa mag sich in der Rolle der Wächterin über das Geld. „Die ist der beste Finanzchef der Branche“, lobt sie ein führender EADS-Manager. Selbst beim gemeinsamen Mittagessen in der Kantine ist es die Seniorin, die bezahlt. Statt teurer Dienstwagen anzuschaffen, nutzt sie ein Privileg ihres Gatten. Als Ex-Daimler-Manager steht ihm und der engsten Familie jedes Jahr ein neuer Mercedes inklusive Steuern und Unterhaltskosten zu. So finanziert Daimler als Großaktionär des wichtigsten OHB-Konkurrenten EADS/Astrium dem Vorstandschef eines Konkurrenzunternehmens jedes Jahr einen kinderfreundlichen Geländewagen, Vater Manfred eine Limousine und Mutter Christa einen schnittigen Roadster.

Vorstandssitzung im Auto

In der Produktion war OHB meist der Zeit voraus. Statt viel selber zu machen, kauften die Bremer schon immer möglichst viel zu. Das erhöhte zwar die Gefahr böser Überraschungen, wenn Teile in der Endfertigung plötzlich nicht passen. Doch die Bremer lernten, damit umzugehen. „Vater Fuchs erkennt nicht nur vorher, wo es haken könnte, er bringt seine Ideen auch so rüber, dass selbst Außenstehende sich als Teil der Familie fühlen“, sagt ein Manager eines Zulieferers.

Dazu kommt eine andere Denke. „Während Konzerne oft nach der Devise ‚Kosten plus Aufschlag‘ kalkulieren, arbeitet OHB nach dem Prinzip, mit welchem Preis gewinnen wir, und wie schaffen wir es, dass unsere Kosten darunter sind“, sagt Berater Lippautz.

Auch ohne das Kommunikationstalent des Seniors hätte OHB das wohl nie geschafft. Das hat der gebürtige Südtiroler vermutlich seiner unternehmerischen Familie aus dem Vinschgau zu verdanken, deren Wurzeln sich bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Zu den Firmen des Clans zählten Sägewerke, Schnapsbrennereien, Weinhandel und die bekannte Brauerei Forst bei Meran, die der Familie noch immer gehört.

In Deutschland ist der alte Fuchs seit Jahrzehnten politisch engagiert. Er gehört der CDU an, für die er schon in der Bremer Bürgerschaft saß. Dennoch ist er in allen politischen Lagern und in der Industrie sowieso bestens verdrahtet. „Trotz des harten Wettbewerbs schafft es Fuch senior, dass OHB am Ende beim nächsten Projekt mit jedem Kontrahenten gut und fast freundschaftlich zusammenarbeitet“, sagt Berater Lippautz.

Der Kenner der Familie glaubt, dass der Generationenwechsel bei OHB ohne existenzielle Schwierigkeiten verlaufen wird: „Die bereiten sich gut vor.“ So holten Vater, Mutter und Sohn Fuchs im Juli 2009 Berry Smutny als Leiter des Satellitengeschäfts im Unternehmen. Der gebürtige Frankfurter kommt vom Konkurrenten EADS-Astrium und hat sich inzwischen gut eingelebt. Er trägt, wie bei OHB üblich, nur selten Krawatte, ja, er gehört schon fast zur Familie. Als Vater und Sohn Fuchs mit ihm Mitte April wegen der Vulkanasche nicht von Paris nach Bremen fliegen konnten, organisierte Smutny kurzerhand einen Mietwagen und fuhr seine Chefs zurück. Marco Fuchs navigierte, Vater Manfred verteilte belegte Baguettes – und alle drei nutzten die Gelegenheit, um neue Satellitenideen zu diskutieren.

Wer Vater Manfred nicht kennt, könnte meinen, er ziehe sich aufs Altenteil zurück. Er hat in seinem Heimatort Latsch in Südtirol ein Schloss mit Bauernhof erworben, um es in ein ökologisches Mustergut samt Weinanbau umzuwandeln.

Doch Weggefährten wissen, dass dies nichts mit einem Abschied vom Unternehmen zu tun hat. Nein, Manfred Fuchs hat noch einen Traum: den Mond. Er war es, der für die Bundesregierung das Projekt einer nationalen Mondmission ausarbeitete – ein Vorhaben, bei dem OHB die Führungsrolle einnehmen soll. „Das ist ein Muss für die Europäer“, sagt er – auch wenn Berlin das Projekt wegen der Wirtschaftskrise vorerst stoppte.

Bei dem Projekt hat selbst die skeptische OHB-Aufsichtsratsvorsitzende keine Einwände. „Das wäre toll“, sagt Gattin Christa, „da müssen wir dabei sein.“

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