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Rechtsberatung Anwälte: Die heimlichen Herrscher in deutschen Unternehmen

Sie fädeln Milliarden-Übernahmen ein, entscheiden mit über Strategien und Führungskräfte: Eine kleine Riege von Anwälten zieht in Deutschlands Unternehmen an den Strippen. Ihr Rat ist teuer, nützt aber nicht immer. Ihre Macht nimmt zu – die Zahl ihrer Gegner auch.

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Shearman & Sterling Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

Das Geschäft ist heiß, es geht um Milliarden. Endlich bekommt Georg Thoma, einer der besten Unternehmensanwälte Deutschlands, seinen Kontaktmann im Daimler-Vorstand ans Handy. Aufgekratzt berichtet Thoma, dass er im Hotel Sacher in Wien gerade mit einem Geschäftsmann aus Abu Dhabi zu Mittag isst, der als Großaktionär bei Daimler einsteigen möchte.

Thoma und der arabische Investor Khadem Abdulla al-Qubaisi sind alte Bekannte. Thomas Kanzlei Shearman & Sterling betreut seit Jahren Mandanten aus der Golfregion. Der Anwalt half etwa dabei, den deutschen Anlagenbauer Ferrostaal an die arabische Staatsfirma Ipic zu verkaufen – al-Qubaisis Arbeitgeber.

Zufällig treffen sich Thoma und Qubaisi – kurz vor dem Lunch im Sacher – in der Lobby des Hotels Grand Central in der Nähe des Stephansdoms. Beim Tee eröffnet Qubaisi, das seine Investorengruppe gerne in die deutsche Automobilindustrie einsteigen möchte. Thoma ist ganz Ohr. Seit Jahren berät der 65-jährige Jurist den Daimler-Konzern.

Al-Qubaisis Idee wird immer konkreter. Noch während des Mittagessens im Sacher schiebt Thoma den Deal an. Ende März 2009 verkündet Daimler-Chef Dieter Zetsche schließlich, dass die Investorengruppe Aabar, eine Tochter der Ipic, mit 9,1 Prozent bei Daimler einsteigt und dafür 1,95 Milliarden Euro zahlt. Thoma, der das Milliardengeschäft eingefädelt hat, hält sich dezent im Hintergrund.

Heimliche Herrscher in deutschen Unternehmen

Der Anwalt zählt zu den mächtigsten Strippenziehern der Wirtschaft. Zu jener Sorte von Top-Juristen, die sich bescheiden Rechtsanwalt oder Kanzleipartner nennen und damit maßlos untertreiben. Denn sie beschränken sich nicht darauf, ihre Mandanten zu Gesellschafts-, Steuer- oder Aktienrecht zu beraten. Den Schattenmännern der Deutschland AG geht es um viel mehr: Längst agiert eine kleine Riege von Anwälten als heimliche Herrscher in Deutschlands Unternehmen, fädelt Übernahmen und Beteiligungen ein, entscheidet mit über Strategien, Investitionen und Führungspersonal.

Hinter der Übernahme des Nivea-Konzerns Beiersdorf durch die Milliardärsfamilie Herz steckte etwa der Münchner Wirtschaftsjurist Reinhard Pöllath. Der Kölner Anwalt Rolf Koerfer wirkte bei der Schaeffler-Attacke auf Continental im Hintergrund. Der Mannheimer Kanzleipartner Christof Hettich wählt für den reichen SAP-Gründer Dietmar Hopp die Biotech-Investments aus.

Viele Karrieren von Wirtschaftsanwälten begannen in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Sie wurden gebraucht, weil die Unternehmen nun große Übernahmen wagten. So stand Anwalt Thoma dem Daimler-Konzern bereits 1998 beim Kauf des US-Autobauers Chrysler zur Seite. Die Firmenehe endete allerdings neun Jahre später im Fiasko.

Die juristisch versierten Strippenzieher sind mittendrin, wenn wichtige Entscheidungen fallen, obwohl sie nicht zum Unternehmen dazugehören. Ein wenig erinnert das an die Figur des Tom Hagen, den einflussreichen Consigliere („Ratgeber“) des Mafia-Paten Don Vito Corleone aus dem Roman von Mario Puzo. Auch Hagen gehörte der Organisation nicht an. Der Rechts- und Finanzberater der Mafia war kein Sizilianer, nicht einmal Italiener. Doch Hagen genoss Corleones Vertrauen, seine Kompetenz stand über allem – und er hat sich in der Familie immer mehr Respekt verschafft.

Erfolg durch Vertrauen der Konzernchefs

Die Strippenzieher der deutschen Wirtschaft sind vor allem deswegen so erfolgreich, weil sie das Vertrauen der Konzern- und Clanchefs genießen. Insbesondere gilt das für Michael Hoffmann-Becking. 1971 trat der junge Anwalt in die Düsseldorfer Kanzlei Hengeler Mueller ein; der damalige Seniorpartner Hans Hengeler machte ihn mit den Industriegrößen an Rhein und Ruhr bekannt.

Zu den Mandanten des 67-Jährigen zählen Unternehmerfamilien wie Quandt, Boehringer und Stihl oder Konzerne wie RWE, Deutsche Telekom oder Siemens. Die Namen fallen beiläufig. Hoffmann-Becking muss nicht betonen, wen er alles kennt. Über ihn, einen wichtigen Ratgeber deutscher Wirtschafts-größen, existiert aber noch nicht mal ein Wikipedia-Eintrag.

Vom neunten Stock aus genießt der Strippenzieher eine wunderbare Aussicht auf die Düsseldorfer Innenstadt, die Kirchen, den Rhein. So hat er stets einige seiner Mandanten im Blick. Er blickt hinüber zum Dreischeiben-Hochhaus von ThyssenKrupp. Der Stahlkonzern war einer seiner ersten Auftraggeber. Im 19. Stock liegt das Büro seines Mandanten Gerhard Cromme, der von dort aus ThyssenKrupp beaufsichtigt.

Vom Wilhelm-Marx-Haus, einem denkmalgeschützten Büro- und Geschäftshaus in der Düsseldorfer Innenstadt, leuchtet der Reklame-Schriftzug Persil. Natürlich kennt Hoffmann-Becking die Spitzen des Persil-Konzerns seit Jahren. Henkel zählt zu den zahlreichen Dax-Konzernen, die sich von Hengeler Mueller beraten lassen (siehe Tabelle).

Anwälte diskutieren auch Unternehmensstrategien durch

Wann immer Unternehmen delikate Angelegenheiten erledigen müssen, neue Strategien verkünden oder wichtige Führungsposten neu besetzen: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Hoffmann-Becking, der souverän und jovial zugleich wirkt, dabei die Strippen zieht.

Bei Siemens hat er gerade dafür gesorgt, dass die früheren Vorstandschefs Heinrich v. Pierer und Klaus Kleinfeld im Zuge der Schmiergeldaffäre Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe zahlen mussten. Hengeler Mueller fertigte dazu ein Gutachten an im Auftrag von Siemens-Chefaufseher Cromme. Die Akten bewahrt der Anwalt in dem deckenhohen Wandschrank in seinem Büro auf.

Es kommt häufiger vor, dass der Anwalt hier mit Mandanten auch deren Unternehmensstrategie durchdiskutiert. Dabei bewegt sich Hoffmann-Becking in zwei Welten: Er berät sowohl börsennotierte Konzerne als auch Familienunternehmen. Ihm mache beides Spaß. „Aber das sind zwei völlig unterschiedliche Welten“, sagt der Ratgeber.

„In Kapitalgesellschaften geht es anonymer, rationaler und effizienter zu, aber die Vorstände wechseln alle paar Jahre“, erzählt der Star-Jurist. Anders bei den nicht börsennotierten Gesellschaften: „In Familienunternehmen haben Sie es oft lange mit denselben Personen zu tun. Aber dafür brauchen Sie dort ein Kaplansgemüt. Sie müssen gut zuhören und gut zusprechen können. Eine Entscheidung braucht oft doppelt so lange wie in einer Kapitalgesellschaft. Aber wenn Sie es schaffen, etwa einen neuen, maßgeschneiderten Gesellschaftervertrag aufzusetzen, der die Nachfolge regelt, dann erfahren Sie auch viel mehr Dankbarkeit als in einer Kapitalgesellschaft.“ Hoffmann-Becking weiß aus Erfahrung: „Es dauert lange Jahre, bis Sie das Vertrauen von Familiengesellschaftern genießen.“

Die größten Wirtschaftssozietäten in Deutschland Quelle: WirtschaftsWoche-Grafik

Beim schwäbischen Motorsägen-Hersteller Stihl scheint HB – wie sein kanzleiinternes Kürzel lautet – inzwischen fast zur Familie zu gehören. Als Unternehmenschef Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl im Herbst 2009 von der Konrad-Adenauer-Stiftung für ihre Verdienste um die soziale Marktwirtschaft geehrt wurden, durfte Hoffmann-Becking beim anschließenden Abendessen die Tischrede halten. Die Geehrten waren sichtlich angetan.

Ähnlich gut vernetzt wie Hoffmann-Becking an Rhein und Ruhr ist Norbert Rieger in München. Der 47-Jährige ist Partner bei Milbank, Tweed, Hadley & McCloy, einer traditionsreichen Wall-Street-Kanzlei. Die deutsche Depen-dance sitzt an der Münchner Maximilianstraße mit ihren Gucci- und Cartier-Läden.

Rieger hat gemeinsam mit Kollegen das Deutschland-Geschäft aufgebaut. Der Jurist mit der hohen Stirn berät unter anderem MAN und ProSiebenSat.1, den Autovermieter Erich Sixt und Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß. Die Unternehmen sitzen alle in München.

Der Milbank-Partner ist in der Region verwurzelt. Natürlich hält er auch zum FC Bayern. Mehrmals im Jahr sitzt er im Stadion. Seinem Verein ist er auch geschäftlich verbunden: So hat Rieger geholfen, die Finanzierung der Allianz-Arena zu sichern, und den Einstieg von Audi beim FC Bayern mit eingefädelt. Der Automobilbauer erwarb 9,5 Prozent der Anteile an dem Fußballverein und zahlte dafür geschätzte 80 Millionen Euro.

3000 Stunden Im Jahr

„Rainmaker“ heißen Anwälte wie Rieger, Hoffmann-Becking und Thoma in der Branche: Sie sorgen dafür, dass es Geld in die Kassen ihrer Mandanten regnet – und in die ihrer Kanzleien. Die Stundensätze von Top-Anwälten liegen schon mal im vierstelligen Bereich.

Dafür leisten sie auch eine Menge. Hoffmann-Becking hat sein Arbeitspensum einmal auf 3000 Stunden im Jahr geschätzt – das entspricht etwa einem durchschnittlichen Vierzehn-Stunden-Tag. Ans Aufhören scheint er genauso wenig zu denken wie sein Kollege Thoma. Beide haben Familie. Für Hobbys bleibt da wenig Zeit: Hoffmann-Becking entspannt am liebsten bei Bach-Klängen. Das Interesse von Thoma gilt der Kunst, der Philosophie und dem Gartenbau.

Manchmal scheint der ganze Einsatz aber vergebens. Nicht jeder teure Rat erweist sich später als gut. „Manchmal habe ich mit meiner Einschätzung bei Personalentscheidungen auch danebengelegen“, bekennt selbst Hoffmann-Becking.

„Dass das nicht funktioniert hat, schmerzt mich schon, das ist unbefriedigend“, sagt sein Kollege Thoma rückblickend über die gescheiterte Daimler-Chrysler -Fusion.

Als Konzernarchitekt darf sich Thoma trotzdem fühlen: Anfang 1997 beriet er den damaligen Krupp-Chef Cromme bei der versuchten feindlichen Übernahme von Thyssen, die im selben Jahr in eine friedliche Fusion mündete. Bei der Fusion von Veba und Viag zum Energiekonzern E.On mischte der Anwalt ebenfalls mit.

Thoma führt die Kanzlei Shearman & Sterling gemeinsam mit Harald Selzner, seinem Kanzleipartner in Düsseldorf. Selzner beriet die Bundesregierung 2009 bei der letztlich gescheiterten Opel-Übernahme. Die Enttäuschung darüber, dass der Verkauf an Magna nicht geklappt hat, ist dem Co-Chef noch anzumerken.

Rolf Koerfer: Schaefflers Mann im Hintergrund

Rolf Koefer, Oppenhoff & Partner Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

Auch für Rolf Koerfer lief es nicht immer nach Wunsch. Der Kölner Anwalt mit dem markanten Schnauzbart und dem unverkennbar rheinischen Idiom machte mit seinem Engagement für den Schaeffler-Conti-Deal Furore. Er war einer der führenden Köpfe hinter dem verwegenen Plan des fränkischen Autozulieferers Schaeffler, den deutlich größeren Konkurrenten Continental zu übernehmen.

Der 52-Jährige war mit von der Partie, als sich die Spitzen beider Unternehmen trafen, organisierte den heimlichen Kauf der Conti-Aktien und half mit, unliebsames Manager-Personal zu entsorgen. Mittlerweile gehören Schaeffler 75 Prozent der Conti-Aktien – auch wenn die Übernahme krisenbedingt holperte: Schaeffler hatte sein Kaufangebot an die Conti-Aktionäre kurz vor dem Absturz an den Börsen gemacht und musste zu diesem hohen Preis dann viel mehr Aktien abnehmen als geplant.

Koerfer gilt als einer der teuersten Anwälte der Republik. Schaeffler soll 2008 für Koerfers Dienste einen zweistelligen Millionenbetrag an dessen Kanzlei Allen & Overy überwiesen haben. Der Jurist zog schon die Strippen, als Schaeffler 2001 den Konkurrenten FAG Kugelfischer übernahm. Seit Jahren berät Koerfer den Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger und die Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler. Für die Zusammenarbeit war sicher förderlich, dass Geißinger und Koerfer passionierte Jäger sind. Koerfer hat ein Revier im Bergischen Land gepachtet.

Doch auch der Matriarchin des Unternehmens fühlt sich Koerfer, der alte Traktoren und gute Zigarren zu seinen Hobbys zählt, verbunden. Auf Maria-Elisabeth Schaeffler lässt er nichts kommen. Der Anwalt lobt die Frau, die seit dem Tod ihres Mannes 1996 aus dem fränkischen Wälzlagerhersteller einen internationalen Konzern mit rund 61 000 Mitarbeitern geschaffen hat: „Unternehmer wie sie sichern den Standort Deutschland.“ Koerfer verteidigt gar den roten Schal, mit dem sich die Schaeffler-Eigentümerin angeblich bei der IG Metall anbiedern wollte: „Rot ist eine Modefarbe, die ihr einfach sehr gut steht. Wer mehr hineininterpretiert, ist auf dem Holzweg.“

Der Jurist ist sicher: „Mancher Mann hätte bei der Heftigkeit der persönlichen Angriffe schon das Handtuch geworfen. Frau Schaeffler hat jedoch mit großem Stehvermögen ihre Unternehmensziele konsequent weiterverfolgt.“ Als bei Schaeff-ler das Führungspersonal knapp wurde, übernahm Koerfer, auch auf Bitten der Eigentümerin, im März 2009 den Aufsichtsratsvorsitz bei Conti. Die Macht des Strippenziehers war nun offen sichtbar. Der Anwalt wagte sich aus der Deckung. Und bekam eine volle Breitseite ab.

Als Chef des Kontrollgremiums habe Koerfer seine neue Macht ausgenutzt, um Schaeffler-Interessen durchzudrücken, behaupteten Arbeitnehmervertreter. „Desaströs“ nannte ein Gewerkschafter den Führungsstil des Juristen. Den damaligen Conti-Chef Karl-Thomas Neumann wollte Koerfer, so heißt es aus Kreisen des Aufsichtsrats, von Anfang an loswerden.

Koerfers Selbstwahrnehmung ist eine andere: Er habe das Amt nicht aus Ehrgeiz übernommen, sondern um zum Nutzen beider Unternehmen eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.

Die Macht des Rechtsberaters war Christian Strenger, Mitglied in der Corporate-Governance-Regierungskommission, die Regeln für gute Unternehmensführung und -kontrolle aufstellt, ebenfalls nicht geheuer. Strenger reichte Klage gegen Koerfer ein. Als Anwalt sei Koerfer wirtschaftlich abhängig von Schaeffler und könne daher nicht unvoreingenommen die Interessen von Continental wahrnehmen. Außerdem geriet Koerfer in die Kritik, weil ihm angeblich die Zeit und die Expertise für den Aufsichtsratsvorsitz bei Conti fehle.

Der Angesprochene kommt in Wallung, wenn er solche Vorwürfe hört. „Dass ein Großaktionär Positionen im Aufsichtsrat mit Personen seines Vertrauens besetzt, ist nicht nur vom Gesetzgeber so vorgesehen, sondern auch gängige Praxis“, hält der impulsive Anwalt dagegen. Im Übrigen sei sein beruflicher Hintergrund sicher nicht von Nachteil gewesen: „Unter meinem Aufsichtsratsvorsitz haben wir wesentliche Fortschritte bei der Corporate Governance gemacht.“ Der Jurist hat eine Geschäftsordnung eingeführt, die sicherstellt, dass der Aufsichtsrat nunmehr in alle wesentlichen Geschäftsvorfälle eingebunden ist.

Graue Eminenzen

Koerfer tritt schließlich den Rückzug an. Als Conti-Chef Neumann durch den Schaeffler-Manager Elmar Degenhart ersetzt wird, gibt er im September 2009 die Leitung des Kontrollgremiums ab – um die Balance zwischen beiden Unternehmen zu halten. Sein Ausflug ins Rampenlicht ist nach wenigen Monaten beendet.

Koerfer sagt heute, dass er die Gemengelage bei Conti falsch eingeschätzt habe. Machtspiele und Eitelkeiten seien aber überwunden: „Wir ziehen jetzt alle am gleichen Strang und in die gleiche Richtung.“ Mittlerweile ist Koerfer von Allen & Overy zur Kanzlei Oppenhoff & Partner gewechselt und fährt nun nach Köln zur Arbeit. Sein Büro liegt in Domnähe, direkt am Rheinufer. Hier kann Koerfer, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, endlich wieder ruhig arbeiten. Schaeffler berät der Jurist nach wie vor.

Der elitäre Club der Schattenmänner hat neben prominenten Größen wie Hoffmann-Becking, Rieger, Thoma oderKoerfer weitere Mitglieder. So betrieb der Münchner Wirtschaftsjurist Reinhard Pöllath vor Jahren für die Milliardärsfamilie Herz die Übernahme des Nivea-Konzerns Beiersdorf. Ein Jahr lang leistete Pöllath dazu Überzeugungsarbeit beim Beiersdorf-Großaktionär Allianz und dem damaligen Beiersdorf-Chef Rolf Kunisch.

Über Jahre hinweg die Wertschätzung von Clanchefs gewonnen hat Mark Binz: Der graugescheitelte Stuttgarter Wirtschaftsanwalt berät Familienunternehmen wie Haribo und Faber-Castell, zählte das Modehaus Boss, den Schraubenhändler Würth und den Maschinenbauer Voith zu seinen Mandanten. Für den Optiker Fielmann organisierte er 1994 den Börsengang. Mittlerweile führt Binz dort den Aufsichtsrat. Er spricht häufig mit dem Gründer Günther Fielmann. So schlug Binz dem Brillen-Primus vor, auch Hörgeräte zu verkaufen. Mittlerweile finden sich die Akustik-Verstärker im Sortiment.

Der Anwalt Christof Hettich von der Mannheimer Kanzlei Rittershaus half dem SAP-Milliardär Dietmar Hopp einst, dessen Getränke-Beteiligungen zu ordnen, darunter die Brauerei Henninger. Inzwischen wählt Hettich mit aus, in welche Biotech-Unternehmen Hopp investiert. Der SAP-Gründer, heißt es in der Branche, folgt in der Regel den Vorschlägen seiner Berater.

Zu den Altmeistern der Strippenzieher gehört Bernhard Servatius. Der Anwalt begann als juristischer Berater für den Verleger Axel Springer. Später führte „Serva“, wie er hausintern hieß, zwei Jahrzehnte lang bis 2002 den Springer-Aufsichtsrat und galt als graue Eminenz.

Hartnäckige Kritikerin

Zu den grauen Eminenzen dieser Tage zählt Dieter Schenk. Der Partner der Münchner Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz hat sich bei den Dax-Medizinkonzernen Fresenius und Fresenius Medical Care immer mehr Macht gesichert. Der Anwalt sitzt nicht nur als stellvertretender Vorsitzender in beiden Aufsichtsräten und beschließt dort etwa die Höhe der Dividende mit. Schenk leitet auch den Verwaltungsrat des Fresenius-Haupteigentümers, einer gemeinnützigen Stiftung – und entscheidet dort über die Verwendung der Dividende. Zudem arbeitet er als Testamentsvollstrecker für die frühere Frese-nius-Matriarchin Else Kröner.

Schenk wirkt bescheiden. Mit seiner durchschnittlichen Statur, dem lichten Haar und dem Stoppelbart fällt er nicht sonderlich auf. Im Restaurant bestellt er schon mal das billige Tagesgericht – Vorspeise Tomatensuppe, Hauptgericht Lachsfilet, insgesamt 7,50 Euro.

Sein Einfluss ist weniger bescheiden. Ob es um die Bestellung neuer Vorstände oder die Übernahme des US-Unternehmens APP Pharmaceuticals im Sommer 2008 für 4,6 Milliarden Dollar geht: Ohne den Juristen mit den zahlreichen Posten läuft bei Fresenius und Fresenius Medical Care nichts, sagen Eingeweihte.

Inzwischen muss sich der 57-Jährige aber mit einer hartnäckigen Kritikerin auseinandersetzen. Else Kröners Stieftochter Gabriele prangert gern und öffentlich Schenks Machtgebaren und seine zahlreichen Funktionen in den Unternehmen an. Sie hat ein Gerichtsverfahren angestrengt, um den Anwalt als Testamentsvollstrecker absetzen zu lassen. Kröner zweifelt, dass Schenk dem Letzten Willen ihrer Stiefmutter gerecht wird.

Die streitbare Ärztin treiben durchaus persönliche Motive: Kröner macht Schenk dafür verantwortlich, dass sie nach rund 20 Jahren den Fresenius-Aufsichtsrat verlassen musste. Schenk sitzt auch im Nominierungsausschuss des Kontrollgremiums. Entschieden hat der Anwalt am Ende natürlich nicht allein.

Schenk missfällt die Aufregung um seine angebliche Machtfülle. Er windet sich im Gespräch, wenn es um seinen Einfluss geht – von Macht will er gar nicht erst reden. Er sieht sich nicht als graue Eminenz im Fresenius-Reich, sondern als Berater, der aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und juristischen Expertise auch einige wichtige Fragen stellen könne. Und sein möglicher Einfluss sei ohnehin durch die Gremien beschnitten. Schließlich werde in den Aufsichtsräten, dem Verwaltungsrat und unter den Testamentsvollstreckern nach Mehrheiten abgestimmt: „Wenn die anderen Schwarz sagen und ich für Weiß plädiere, dann kommt eben Schwarz heraus.“ Ein solcher Fall ist allerdings bislang nicht überliefert.

Sein Kollege Hoffmann-Becking ist da deutlich souveräner. „Ja, ich habe Einfluss“, sagt der wichtigste Ratgeber deutscher Wirtschaftsgrößen klar. Und er setzt noch einen drauf: „Wer als Jurist keinen Einfluss haben will, der sollte nicht Rechtsanwalt werden, sondern Richter oder Notar.“

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