WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push

red dot design award Design: Hören und Fühlen

Seite 2/2

Der Wohlfühlfaktor im Automobil setzt sich aus Hunderten unterschiedlicher Einflüsse zusammen. Wie klingt der Motor beim Beschleunigen? Neigt sich das Auto in schnell gefahrenen Kurven zur Seite? Wie fühlt sich die Lenkung an und wie das Leder des Lenkrads oder der Griff des Schalthebels? Beim Motorsound etwa hat man inzwischen herausgefunden, dass ein kräftiger Sound in der Beschleunigungsphase das Beschleunigungserlebnis subjektiv intensiver macht. Den Effekt machen sich vor allem Hersteller sportlicher Fahrzeuge zunutze.

Als eine der Ersten ging die britische Edel-Sportwagenmarke Aston Martin dazu über, in den Auspuffanlagen ihrer Sportwagen Klappen zu verbauen, die ab einer bestimmten Drehzahl deutlich mehr Lärm nach außen lassen und so das typische Fauchen des Motors beim rasanten Beschleunigen besonders hervorheben. Beim italienischen Hersteller Maserati kann der Kunde beim neuen Modell Gran Turismo S per Knopfdruck wählen, ob der Achtzylinder eher dezent brummen oder wie ein wildes Tier brüllen soll. Auch Audi bietet im Sportwagen R8 die Möglichkeit, den Sound des Autos den eigenen Wünschen per Stellrädchen anzupassen.

Im Innenraum dagegen zählt vor allem eine hochwertige Anmutung. Doch hier steckt der Teufel im Detail. So fand der Stuttgarter Hersteller Daimler heraus, dass Kunden längst nicht immer höherwertige Materialien auch so empfinden. Holger Enigk, Leiter des Daimler Haptiklabors, fand heraus, dass „die teuren Softlacke, mit denen wir Kunststoffe beschichten, damit sie sich angenehmer anfühlen, ab einer bestimmten Schichtdicke nicht mehr als angenehm empfunden wurden“. Also wurde den Entwicklern die Empfehlung gegeben, es bei einer bestimmten Schichtdicke zu belassen. Auch Leder ist längst nicht gleich Leder und die Naturvariante nicht zwingend beliebter als die künstliche, fanden die Forscher heraus.

Jetzt stößt Daimler in neue Dimensionen des sensuellen Designs vor. Die Stuttgarter wollen via Forschung den Fahrspaß messbar machen und haben gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung Rostock und der TU München für eine aktuelle Studie Fahrzeuge mit intelligenten Kamerasystemen im Innenraum ausgestattet, die die Mimik des Fahrers während der Fahrt beobachten und mittels Rechnern analysieren. Das Ergebnis der Untersuchung war ermutigend: Emotionen während der Fahrt sind tatsächlich messbar und werden, wie es bei Daimler heißt, künftig in die Beurteilung von Fahrzeugen mit eingehen.

Vorsichtig hängt Wolfgang Brey den Prototyp eines Rasierers an den Gummiringen auf. Der Chef des Akustikdesigns bei der Procter & Gamble-Tochter Braun arbeitet in einem schalltoten Raum hinter einer fast meterdicken Tür. Die Wände des Testraums in der Braun-Zentrale in Kronberg im Taunus sind mit nach innen gerichteten Steinwollpyramiden verkleidet. Nichts ist zu hören, die eigene Stimme klingt wie unter einem dicken Kissen. „In diesem Material“, sagt Klangdesigner Brey und befestigt ein Mikrofon, „läuft sich der Schall tot, sodass wir die unverfälschte Lautstärke des Testobjektes messen können.“ In dem Labor des Ingenieurs geht es um die Lautstärke, Vibration und Psychoakustik, also das subjektive Erleben des Nutzers, beim Gebrauch von Zahnbürsten, Haartrocknern, Küchenmaschinen oder eben Rasierern.

Die Krux für den 57-jährigen, promovierten Maschinenbauer: Kraftvoll soll der Ton sein, aber nicht zu laut und vor allem nicht zu schrill. „Verbraucher mögen keine hohen Töne“, ist die Beobachtung von Brey. Für die Soundakustik von Rasierern, die dicht am Ohr arbeiten, bedeutet das in letzter Konsequenz, dass die Anzahl der Schwingungen des Messers nicht beliebig gesteigert werden kann. Zusätzlich will der Nutzer das leise Bratzeln der Messers an den Barthaaren hören. „Dieses Geräusch informiert den Nutzer über den Rasierfortschritt“, sagt Brey, „das ist ein Klang, den wir pflegen, indem wir alles unterlassen, was ihn mindert.“

"Qualität kann man hören"

200 Kilometer weiter nördlich im westfälischen Bielefeld arbeitet Joachim Windt in einem ähnlichen Labor wie Brey. Der Akustik-Gestalter befasst sich beim Hausgerätehersteller Miele mit Spülmaschinen und Staubsaugern. Vor allem die Sauger beschäftigen den Elektroingenieur. „Bei den Spülmaschinen haben wir inzwischen ein Geräuschniveau von 41 Dezibel erreicht. Das liegt im Alltagsleben unterhalb der Störschwelle der meisten Menschen“, sagt Windt. Vor 20 Jahren erzeugten die Spüler noch einen Schalldruck von über 65 Dezibel, was dem Geräusch eines Autos in zehn Meter Entfernung entsprach.

Anders beim Sauger. Die Windmacher gelten als aktiv genutzte Geräte – im Gegensatz zu Kühlschränken oder Waschmaschinen, die der Nutzer einschaltet und arbeiten lässt. Deshalb galt in der Branche die Dämpfung von Staubsaugerlärm, der immerhin einem Schalldruck von 75 Dezibel entspricht, als weniger dringlich. „Doch heute legen die Verbraucher zunehmend Wert auf weniger Geräusch, weil sie ihre Mitmenschen beim Staubsaugen nicht stören wollen“, sagt Windt.

Um den Idealklang für Sauger herauszufinden, ließ Windt deshalb die Geräusche von verschiedenen Geräten zehn geschulten Testern und zehn Laien vorspielen. Ergebnis der Untersuchung: Das ideale Saugergeräusch klingt nach Wind. Heulen und pfeifen darf ein Staubsauger aber nicht.

Wie die Braun- und Bosch-Entwickler versuchen die Miele-Sounddesigner hohe Töne zu vermeiden. „Qualität kann man hören“, sagt Windt, „die unangenehm hohen Tonanteile entstehen meist durch Verwirbelungen an unsauber verarbeiteten Stellen im Windkanal und an undichten Stellen.“ Zusätzlich senkte Windt den Schalldruck noch um fast drei Dezibel ab. Mit dem leiseren Rauschen auf tieferen Tonlagen erreichten die Miele-Designer die größte Zustimmung.

Pech für Windt: Nicht alle Verbraucher spielen mit. Krach verbinden viele Menschen mit Kraft. Was Mütter als angenehm empfinden, deuten junge Männer eher als Schwäche. Und in der Kaufsituation sind etliche Käufer ohnehin nicht für feinsinnige Qualitätsmerkmale wie „schonende Pflege“ empfänglich, die gemeinhin mit mäßigem Geräusch verbunden wird.

„Ein klassischer Zielkonflikt“, meint Klangmeister Windt. Oder eine neue Aufgabe für die Entwickler und Werbestrategen. Auch das ist typisch für nonvisuelles Design: Fast jede Lösung gebiert das nächste Problem.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%