WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Reisen Die Hotelbranche steckt tief in der Krise

Seite 2/2

Ein Hotelzimmer in der nähe Quelle: AP

Um zumindest einen Teil der schmalen Marge halten zu können – Treugast-Berater schätzen die Umsatzrendite je nach Kategorie auf drei bis sieben Prozent –, reagiert die Hotellerie mit Kostensenkungen und Personalabbau. Accor etwa hat 2009 rund 500 der 8500 Stellen gestrichen. „Außerdem erhöhen wir den Franchise-Anteil“, sagt Verhoeven. Bislang betreibt Accor die meisten Hotels in Eigenregie, nur 57 der 312 deutschen Häuser sind Franchise-Betriebe. Die neue Strategie verringert den Kapitaleinsatz, hat aber auch Vorteile für die Partner: „Wir bieten Einzelkämpfern ein attraktives Markendach.“ In Deutschland werden die meisten Hotels von mittelständischen Unternehmern betrieben – gerade mal zehn Prozent aller Herbergen gehören zu einer Kette.

Im wichtigen Geschäftsreisesegment ist auch 2010 kaum mit einer Verbesserung zu rechnen. Nach AirPlus-Schätzungen gehen 37 Prozent der Travel Manager davon aus, dass die Dienstreisebudgets weiter zusammengestrichen werden, bei Konzernen sogar mehr als die Hälfte. „Notwendig wäre eine nachhaltige Marktbereinigung“, fordert daher Berater Gerhard. Doch die ist nicht in Sicht.

Die Sparpotenziale sind in den meisten Hotels ausgereizt, sodass in diesem Jahr mit einer Zunahme der Insolvenzen zu rechnen ist, „aber auch wenn ein Haus pleitegeht, verschwindet es nur selten ganz vom Markt. Solange die Betriebskosten verdient werden, wird es von einem neuen Betreiber weitergeführt.“ Hinzu kommt: Trotz der schlechten Aussichten wird weiter gebaut – auch an Standorten, die schon überbesetzt sind. Allein in Berlin sollen trotz Überkapazität 57 neue Hotels mit rund 12 000 Zimmern entstehen, im gesamten Bundesgebiet sind 362 Projekte mit über 53 000 Zimmern und einer Investitionssumme von fast 6,2 Milliarden Euro in der Pipeline.

Mehrwertsteuersenkung für Hotels setzt falsches Signal

Die von der Bundesregierung im vergangenen Spätherbst beschlossene Mehrwertsteuersenkung für Hotels von 19 auf 7 Prozent könnte in dieser Situation das falsche Signal setzen. Das nach Experten-berechnungen rund 950 Millionen Euro schwere Steuergeschenk soll Wettbewerbsverzerrungen für die deutschen Hoteliers im Vergleich zu Konkurrenten in den niedriger besteuerten Nachbarländern ausgleichen.

„Nach unseren Schätzungen dürfte davon wenigstens ein Drittel für Investitionen ausgegeben werden – um zu erneuern, aber auch um die Kapazitäten zu erweitern“, sagt Treugast-Chef Gerhard. Accor etwa will in diesem Jahr rund 2800 Ibis- und Etap-Zimmer neu ausstatten und außerdem die Kapazität aufstocken. „Im Durchschnitt werden wir jeden Monat ein neues Hotel in Deutschland eröffnen“, sagt Geschäftsführer Verhoeven. Den Rest der Einsparung geben die Hotelbetreiber für die Mitarbeiter aus oder zur Aufstockung der schmalen Renditen. Dass etwas übrig bleibt, um die Preise zu senken, ist eher unwahrscheinlich.

Was der Gesetzgeber bei der Steuersenkung übersehen hat und die Branche am liebsten ignorieren würde: Für die vielerorts wichtigste Klientel, die Unternehmen, ist die Steuersenkung ein Problem, das richtig ins Geld geht. Zwar wurde bei der für die Rechnungsstellung problematischen Besteuerung des Frühstücks nachgebessert: Für Verpflegung gilt eigentlich der alte Steuersatz von 19 Prozent, Croissant und Kaffee können jetzt aber mit Internet- und Parkplatz-Gebühr zu einem Business-Package zusammengeschnürt und als Nebenleistung ebenfalls zum ermäßigten Steuersatz abgerechnet werden.

Viele Unternehmen belastet aber der verminderte Vorsteuerabzug. Wer in den Hotel-Verträgen Nettopreise vereinbart hat, zahlt für die Übernachtung genauso viel wie vor der Steuersenkung, kann jetzt aber beim Finanzamt nur noch 7 statt 19 Prozent Vorsteuer abziehen. „Auch wenn die Unternehmen einen Teil der zusätzlichen Belastungen durch Nachverhandlungen mit der Hotellerie vermeiden können, rechnen wir mit Mehrkosten von knapp 200 Millionen Euro“, sagt Dirk Gerdom, Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement.

Die Hotellerie ist in der Zwickmühle: Behält sie den Mehrerlös, zieht sie sich den Zorn ihrer wichtigsten Kunden zu. Lässt sie sich auf Nachbesserung der Verträge ein, geht ihr ein Teil der Mehreinnahmen verloren. Entschieden wird der Konflikt vermutlich durch die Marktverhältnisse: Die meisten Hoteliers werden aufgrund der Überkapazitäten nachgeben müssen. 

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%