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Reisen Die Hotelbranche steckt tief in der Krise

Die deutsche Hotellerie leidet, weil die Geschäftsreisenden ausbleiben. Die Mehrwertsteuersenkung ändert daran nichts, setzt aber falsche Signale und verzögert die Marktbereinigung.

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Der Schriftzug Hotel, Quelle: dpa

Das war ein Schnäppchen: Bis zu 50 Prozent Rabatt gewährte Accor für alle zwischen 13. und 22. März über die Internet-Seite der französischen Hotelgruppe eingehenden Buchungen. Als „Crazy Prices“ – verrückte Preise – wurde die Aktion beworben: ein passender Name für eine Branche, die gibt, obwohl sie nichts zu verschenken hat, und die ihr Angebot auch dort aufstockt, wo es schon zu viele Hotels gibt.

Weniger Kunden, rückläufige Umsätze und Renditen, mehr Insolvenzen und trotzdem weiter wachsende Überkapazitäten: „Das vergangene Jahr war katastrophal für die deutsche Hotellerie, auch 2010 ist nur eine sehr langsame Erholung zu erwarten“, sagt Stephan Gerhard, Chef der Hotelberatung Treugast aus München. Die von der Branche geforderte und Ende 2009 beschlossene Mehrwertsteuersenkung wertet der Berater zwar als „dringend notwendiges Geschenk“. Bei der seit Jahren überfälligen Lösung der Strukturprobleme könnte sich die Subvention aber als kontraproduktiv erweisen.

Wegen der Wirtschaftskrise sank die Zahl der Übernachtungen 2009 laut Deutschem Hotel- und Gaststättenverband um 1,5 Prozent auf gut 216 Millionen. Der Umsatz brach um sechs Prozent auf nur noch 18,3 Milliarden Euro ein. Weitere Preissenkungen hält Gerhard denn auch für das falsche Signal: „Es kommt darauf an, die Umsätze zu stabilisieren.“

Dramatische Entwicklung für Hotelbranche

Die Branchenzahlen geben die dramatische Entwicklung für einzelne Bereiche nur unzureichend wieder. „Während die Ferienhotellerie kaum von der Krise betroffen war, hat es die Stadthotels, die stärker von Geschäftsreisenden abhängen, voll erwischt“, sagt Berater Gerhard. In Düsseldorf sank der durchschnittliche Zimmerpreis um ein Fünftel, der Ertrag pro Zimmer sogar um ein Viertel (siehe Tabelle). Was die Durchschnittswerte auch nicht zeigen: Je luxuriöser das Haus, umso schlechter die Ergebnisse. „Vier- und Fünf-Sterne-Häuser sind wegen der Sparpolitik vieler Unternehmen überdurchschnittlich stark von der Krise betroffen“, sagt Gerhard.

Was das für Betreiber bedeutet, zeigt das Beispiel Accor: „2009 war hart“, sagt Peter Verhoeven, Deutschland-Chef der mit 312 Häusern und 11 Marken größten Hotelgesellschaft hierzulande. Verloren hat Accor bei seinen Premiummarken Mercure, Novotel und Pullman, die vor allem von Geschäftsreisenden und Firmenveranstaltungen leben. „Besser liefen unsere Budgetmarken“, sagt Verhoeven. Ibis und Etap haben einen relativ hohen Touristenanteil. Zudem stiegen dort Dienstreisende ab, denen das Budget gekürzt wurde. Verhoeven: „Dank unserer Markenvielfalt konnten wir einen Großteil der Geschäftsreisenden im Konzern halten.“

Abhängigkeit von Geschäftsreisen

Die Abhängigkeit vom Geschäftsreiseverkehr ist das Hauptproblem der Branche. „Gut 18 Prozent aller Übernachtungen und fast die Hälfte des Umsatzes stammen Studien zufolge aus dem Geschäftsreisesegment“, sagt Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland. Und genau dort waren aufgrund der Krise die größten Einbrüche zu verzeichnen. So wurde in 28 Prozent aller deutschen Unternehmen 2009 weniger gereist als im Vorjahr, wie die AirPlus- Studie zeigt. Erschwerend kommt hinzu: „Meetings und Kongresse werden in vielen Unternehmen offenkundig als Erste dem Rotstift geopfert und leiden unter der Wirtschaftskrise besonders stark“, heißt es in der Studie des Anbieters von Travelmanagement-Lösungen.

Um zumindest einen Teil der schmalen Marge halten zu können – Treugast-Berater schätzen die Umsatzrendite je nach Kategorie auf drei bis sieben Prozent –, reagiert die Hotellerie mit Kostensenkungen und Personalabbau. Accor etwa hat 2009 rund 500 der 8500 Stellen gestrichen. „Außerdem erhöhen wir den Franchise-Anteil“, sagt Verhoeven. Bislang betreibt Accor die meisten Hotels in Eigenregie, nur 57 der 312 deutschen Häuser sind Franchise-Betriebe. Die neue Strategie verringert den Kapitaleinsatz, hat aber auch Vorteile für die Partner: „Wir bieten Einzelkämpfern ein attraktives Markendach.“ In Deutschland werden die meisten Hotels von mittelständischen Unternehmern betrieben – gerade mal zehn Prozent aller Herbergen gehören zu einer Kette.

Ein Hotelzimmer in der nähe Quelle: AP

Um zumindest einen Teil der schmalen Marge halten zu können – Treugast-Berater schätzen die Umsatzrendite je nach Kategorie auf drei bis sieben Prozent –, reagiert die Hotellerie mit Kostensenkungen und Personalabbau. Accor etwa hat 2009 rund 500 der 8500 Stellen gestrichen. „Außerdem erhöhen wir den Franchise-Anteil“, sagt Verhoeven. Bislang betreibt Accor die meisten Hotels in Eigenregie, nur 57 der 312 deutschen Häuser sind Franchise-Betriebe. Die neue Strategie verringert den Kapitaleinsatz, hat aber auch Vorteile für die Partner: „Wir bieten Einzelkämpfern ein attraktives Markendach.“ In Deutschland werden die meisten Hotels von mittelständischen Unternehmern betrieben – gerade mal zehn Prozent aller Herbergen gehören zu einer Kette.

Im wichtigen Geschäftsreisesegment ist auch 2010 kaum mit einer Verbesserung zu rechnen. Nach AirPlus-Schätzungen gehen 37 Prozent der Travel Manager davon aus, dass die Dienstreisebudgets weiter zusammengestrichen werden, bei Konzernen sogar mehr als die Hälfte. „Notwendig wäre eine nachhaltige Marktbereinigung“, fordert daher Berater Gerhard. Doch die ist nicht in Sicht.

Die Sparpotenziale sind in den meisten Hotels ausgereizt, sodass in diesem Jahr mit einer Zunahme der Insolvenzen zu rechnen ist, „aber auch wenn ein Haus pleitegeht, verschwindet es nur selten ganz vom Markt. Solange die Betriebskosten verdient werden, wird es von einem neuen Betreiber weitergeführt.“ Hinzu kommt: Trotz der schlechten Aussichten wird weiter gebaut – auch an Standorten, die schon überbesetzt sind. Allein in Berlin sollen trotz Überkapazität 57 neue Hotels mit rund 12 000 Zimmern entstehen, im gesamten Bundesgebiet sind 362 Projekte mit über 53 000 Zimmern und einer Investitionssumme von fast 6,2 Milliarden Euro in der Pipeline.

Mehrwertsteuersenkung für Hotels setzt falsches Signal

Die von der Bundesregierung im vergangenen Spätherbst beschlossene Mehrwertsteuersenkung für Hotels von 19 auf 7 Prozent könnte in dieser Situation das falsche Signal setzen. Das nach Experten-berechnungen rund 950 Millionen Euro schwere Steuergeschenk soll Wettbewerbsverzerrungen für die deutschen Hoteliers im Vergleich zu Konkurrenten in den niedriger besteuerten Nachbarländern ausgleichen.

„Nach unseren Schätzungen dürfte davon wenigstens ein Drittel für Investitionen ausgegeben werden – um zu erneuern, aber auch um die Kapazitäten zu erweitern“, sagt Treugast-Chef Gerhard. Accor etwa will in diesem Jahr rund 2800 Ibis- und Etap-Zimmer neu ausstatten und außerdem die Kapazität aufstocken. „Im Durchschnitt werden wir jeden Monat ein neues Hotel in Deutschland eröffnen“, sagt Geschäftsführer Verhoeven. Den Rest der Einsparung geben die Hotelbetreiber für die Mitarbeiter aus oder zur Aufstockung der schmalen Renditen. Dass etwas übrig bleibt, um die Preise zu senken, ist eher unwahrscheinlich.

Was der Gesetzgeber bei der Steuersenkung übersehen hat und die Branche am liebsten ignorieren würde: Für die vielerorts wichtigste Klientel, die Unternehmen, ist die Steuersenkung ein Problem, das richtig ins Geld geht. Zwar wurde bei der für die Rechnungsstellung problematischen Besteuerung des Frühstücks nachgebessert: Für Verpflegung gilt eigentlich der alte Steuersatz von 19 Prozent, Croissant und Kaffee können jetzt aber mit Internet- und Parkplatz-Gebühr zu einem Business-Package zusammengeschnürt und als Nebenleistung ebenfalls zum ermäßigten Steuersatz abgerechnet werden.

Viele Unternehmen belastet aber der verminderte Vorsteuerabzug. Wer in den Hotel-Verträgen Nettopreise vereinbart hat, zahlt für die Übernachtung genauso viel wie vor der Steuersenkung, kann jetzt aber beim Finanzamt nur noch 7 statt 19 Prozent Vorsteuer abziehen. „Auch wenn die Unternehmen einen Teil der zusätzlichen Belastungen durch Nachverhandlungen mit der Hotellerie vermeiden können, rechnen wir mit Mehrkosten von knapp 200 Millionen Euro“, sagt Dirk Gerdom, Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement.

Die Hotellerie ist in der Zwickmühle: Behält sie den Mehrerlös, zieht sie sich den Zorn ihrer wichtigsten Kunden zu. Lässt sie sich auf Nachbesserung der Verträge ein, geht ihr ein Teil der Mehreinnahmen verloren. Entschieden wird der Konflikt vermutlich durch die Marktverhältnisse: Die meisten Hoteliers werden aufgrund der Überkapazitäten nachgeben müssen. 

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