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Rennstrecken-Skandal Staatsanwälte schlagen am Nürburgring zu

Razzia am Ring: Wegen der Millionen-Verschwendung am Nürburgring hat die Staatsanwaltschaft Koblenz Büro- und Wohnobjekte durchsucht. Sie leitete ein neues Ermittlungsverfahren ein – und weitete zugleich den Kreis der Verdächtigen aus.

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Nürburgring Quelle: AP

Die Opposition in Rheinland-Pfalz spottete schon länger von „Rheinland-Filz“, nun macht sich die Staatsanwaltschaft Koblenz daran, das Firmengestrüpp und die Millionenverschwendung am Nürburgring aufzuklären. Bei einer groß angelegten Durchsuchung filzten 16 Ermittler am heutigen Dienstagvormittag Wohn- und Geschäftsräume von Verdächtigen. Sie beschlagnahmten umfangreiche Akten und elektronische Daten. Der leitende Oberstaatsanwalt Horst Hund bestätigte gegenüber wiwo.de, die Polizei sei in fünf Gebäuden am Nürburgring  und in Düsseldorf im Einsatz gewesen. 

Eigentümer soll anderen "Vorteile" verschafft haben

Gegen 9.30 hatte die Razzia begonnen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht der Düsseldorfer Unternehmer Kai Richter, der als Miteigentümer der Nürburgring-Betreibergesellschaft Automotive GmbH der starke Mann am Ring ist und wegen undurchsichtigen Geschäften zwischen den Rennstrecken-Firmen und seinen eigenen Unternehmen in der Kritik steht. Seit Mai laufen Ermittlungen wegen Untreue gegen ihn. Laut Staatsanwaltschaft hat Richter seine Funktionen am Nürburgring dazu benutzt, anderen Unternehmen "Vorteile zu verschaffen". Diese Firmen gehörten ihm ganz oder teilweise.

Veruntreuuung im großen Stil

Konkret geht es um die Cash Settlement & Ticketing GmbH (CST), die am Ring ein bargeldloses Zahlungssystem installiert hat. Eigens zu diesem Zweck hatten die weitgehend landeseigene Nürburgring GmbH und Kai Richter mit seiner Düsseldorfer Projektentwicklungsgesellschaft Mediinvest die CST gegründet. Der Landesrechnungshof hatte bereits im Januar in einem Gutachten das kartenbasierte System als überflüssig bezeichnet und die Abschaffung gefordert. Der Rechnungshof erwartete Verluste in Höhe von zehn Millionen Euro.

Dessen Gutachten ist Grundlage für die jetzigen Ermittlungen und Durchsuchungen. Die Staatsanwaltschaft Koblenz verdächtigt Richter sowie vier weitere frühere und aktuelle Ring-Manager, beim Aufbau des Bezahlsystems im großen Stil Gelder veruntreut zu haben. Hund  untersucht dabei zwei Vorwürfe.

Obwohl sich die CST-Mütter Nürburgring GmbH und Mediinvest die Kosten für das System teilen wollten, sei der Löwenanteil der Kosten bei der Nürburgring GmbH hängengeblieben. Der klamme Kai Richter habe seinen Verpflichtungen nicht nachkommen können. Mindestens 4,125 Millionen Euro Schaden seien der landeseigenen Gesellschaft dadurch entstanden, schätzt die Staatsanwaltschaft.

Sie ermittelt deshalb auch gegen den früheren Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz, gegen Finanzdirektor Hans Lippelt und gegen Controlling-Direktor Michael Nuss-Kaltenborn. Ohne dazu befugt zu sein, sollen sie immer mehr Geld in die CST nachgeschossen haben.

Schaden von 200.000 Euro

Der zweite Schwerpunkt der Ermittlungen ist das Gebaren der CST-Manager. Beide Mütter stellten je einen alleinvertretungsberechtigen Geschäftsführer – für die Nürburgring GmbH war dies Lippelt, für die Mediinvest Kai Richter persönlich. Letzterer soll laut Staatsanwaltschaft völlig überflüssige Aufträge vergeben haben, und zwar an Firmen, an denen er selbst beteiligt war. Den Schaden schätzt die Staatsanwaltschaft auf mindestens 200.000 Euro.

Nach der scharfen Rüge des Landesrechnungshofs knöpft sich nun also auch die Staatsanwaltschaft den Sachverhalt vor – und nimmt dabei zugleich einen neuen Verdächtigen ins Visier: den aktuellen Ring-Geschäftsführer Hans-Joachim Koch. Der sollte als Nachfolger von Kafitz die Scherben zusammenkehren, muss sich nun aber selbst unangenehme Fragen gefallen lassen.

Die Folgekosten des CST-Desasters  hätten laut Hund ebenfalls hälftig von den beiden Müttern getragen werden müssen. „Allerdings gab es bei dem entsprechenden Vertrag eine mangelhafte Umsetzung“, so Hund. Daran wiederum sei auch Koch beteiligt gewesen.

Weitere Ermittlungsverfahren

Wegen der massiven Verschwendung beim insgesamt 330 Millionen Euro teuren Ausbau des Nürburgrings zur ganzjährigen Erlebnisregion laufen bei der Staatsanwaltschaft bereits mehrere weitere Ermittlungsverfahren. In einem Verfahren um Untreue bei den Neubauten ermittelt Hund neben Kafitz, Lippelt, Nuss-Kaltenborn und Richter auch gegen weitere prominente Verdächtige.

Darunter ist Ingolf Deubel, mittlerweile zurückgetretener SPD-Finanzminister und ehemaliger Chef des Nürburgring-Aufsichtsrats, sowie Hans-Joachim Metternich, ehemaliger Chef der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz und heutiger Kreditmediator der Bundesregierung. In diesem Verfahren bereitet Hund Anklagen vor. „Wir haben den Sachverhalt zu 90 bis 95 Prozent aufgeklärt“, sagte Hund wiwo.de, voraussichtlich werde gegen mehrere Beschuldigte Anklage erhoben. 

Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Schweizer Finanzvermittler Urs Barandun, der einen privaten Investor für die überdimensionierten Bauten am Nürburgring besorgen wollte, aber nur einen ungedeckten Scheck lieferte. Hund prüft, ob Barandun jemals über die behaupteten Kapitalbeträge verfügte und hat deshalb Rechtshilfeersuchen an die Justiz in Liechtenstein, der Schweiz, Spanien und Großbritannien gerichtet.

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