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Rezessionskultur "Einzig Gott ist ewig"

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Hühnerstall

Und ein Huhn im Vorgarten wie eine Garantie aufs nächste Frühstück. Allein mehr als eine halbe Million Briten soll mittlerweile eigene Hühner halten. Kein Wunder, dass sich „The Eglu“ aus knallbuntem Plastik derzeit blendend verkauft. Der Designer-Hühnerstall bietet Platz für bis zu zehn Hennen, kann komplett mit Tieren, Bio-Futter und Nistplätzen erworben werden. Er steht schon in 25.000 Gärten, in denen sich statt Zuchtrosen immer häufiger klassische Obstbäume finden. Wer isst schon gerne Blütenblätter gegen den kleinen Hunger zwischendurch?

Doch ob Holzhacken und Stricken, Kochen und Backen: Letztlich ist die symbolische Qualität eines Produkts in der westlichen Überflussgesellschaft inzwischen viel wichtiger als sein Gebrauchswert. Der Luxus des 21. Jahrhunderts, so der Medientheoretiker Norbert Bolz, sei „eigentlich objektlos“. Dieser „unsichtbare Luxus“ sucht statt des Überflüssigen das Notwendige: Aufmerksamkeit, Sinn, Ruhe, Reflexion. „Alle Branchen, die mit sichtbaren Produkten zu tun haben, wie Immobilien, Autos oder Uhren“, so Trendforscher Peter Wippermann, „gehen schwereren Zeiten entgegen als die Branchen, die mit immateriellen Dingen handeln: Gesundheit, Schönheit oder Bildung.“ Konsum materialisiert sich künftig in der Optimierung von Körper und Geist, Wohlstand in der eigenen Leistungsfähigkeit.

Nicht das dritte Prada-Täschchen zählt in der Rezession, sondern der Besuch im Wellnesshotel. Oder im Yoga-Zentrum. Toleriert wird allenfalls die Anschaffung eines Blackberry oder iPhone, für Wippermann der „Superstar der Vernetzungskultur“. Nicht demonstrativer Konsum sei das Gebot der Stunde, sondern „demonstrative Kommunikation“.

Britische Luxuswaren erschwinglich wie nie

In London findet die derzeit bevorzugt beim Pfandleiher statt – hinter den Kulissen, ganz diskret, etwa in der Blenheim Street. Nur wenige Meter abseits der Luxuseinkaufsmeile New Bond Street, nahe an Prada, Versace und Cartier, befindet sich ein kleines Geschäft mit unauffälliger Ladenfront: das Pfandhaus „New Bond Street Pawnbrokers“. Keiner jener trostlosen Orte, wo man Ehering oder Zahngold verpfändet – hier werden Diamantencolliers, teure Uhren und Luxuskarossen abgegeben.

Eine Anlaufstelle für Begüterte, die „ein temporäres Cash-Flow-Problem lösen“ wollen, wie Geschäftsführer Ian de Welsh es ausdrückt. „Wir haben in den letzten zwei Monaten rund ein Viertel mehr Kunden gewonnen.“ Ob die nächste Rate fürs Eigenheim, die Kreditkartenrechnung fürs letzte Weihnachtsshopping oder die Privatschulgebühr – in den Edelpfandhäusern kann man sich in unbegrenzter Höhe Geld ausleihen. Unter Hinterlegung der entsprechenden Sicherheit versteht sich. Wer seine Wertsachen gleich mitbringt, kann nach 30 Minuten mit Geld in der Tasche nach Hause gehen. Vor Weihnachten hat Welsh dem Eigentümer teuren Diamantschmucks eine Viertelmillion Pfund mitgegeben. Ausgeliehen wird bis zu 50 Prozent des Pfandschätzwerts. Der Kunde zahlt fünf Prozent Zinsen im Monat, die Laufzeit des Kreditvertrages beträgt maximal sieben Monate. Bis dann müssen die Wertgegenstände ausgelöst werden, andernfalls werden sie verkauft.

Des einen Freud, des anderen Leid: Denn ausgerechnet in den vergangenen Wochen entwickelte sich London für Bürger aus Good Old Europe und den USA zum Einkaufsparadies – zumindest für die, die noch Bares zu tauschen hatten: Der rapide Kursverfall des Pfundes – bis zu 30 Prozent hatte die britische Währung Ende 2008 im Vergleich zum Vorjahr eingebüßt – ließ einst teure britische Luxuswaren erschwinglich erscheinen, die Absenkung des Mehrwertsteuersatzes von 17,5 auf 15 Prozent tat ihr Übriges. Im Delikatessgeschäft Fortnum & Mason etwa kommen derzeit 70 Prozent der Kunden aus Kontinentaleuropa – die Thesen vom objektlosen Luxus ignorieren sie noch nicht mal. Lieber greifen sie, vom Shoppen ermüdet, zur Kreditklemme der süßen Art: eine neue Schokoladensorte, knusprig und mit Honig versetzt. 150 Gramm kosten rund 4,50 Euro. Ihr Name: „Credit Crunch“.

Wem das Geld für flüchtige Gaumenfreuden zu schade ist, kann sich anderweitig orientieren. Wie sagte Benedikt XVI. im vergangenen Herbst in einem Kommentar zur Finanzkrise: „Es handelt sich nur um zeitliche Güter – einzig Gott ist ewig.“

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