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Rezessionskultur "Einzig Gott ist ewig"

Boskop-Äpfel statt Belvedere-Rosen oder Hausberg statt Heliskiing: In der Finanzkrise entsteht eine Rezessionskultur, mit dem Wunsch nach dem Wesentlichen.

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Auf den ersten Blick sind die Bilder unspektakulär: Die Fotos, die ein Paparazzo in New York schoss, zeigen eine Frau in einem hellen, geblümten Kleid. Nichts Besonderes, eigentlich. Handelte es sich nicht um Anna Wintour, legendäre Chefredakteurin der US-Modezeitschrift „Vogue“, die als trendsetzende Stilikone für Hunderttausende Frauen zwischen New York und Neu-Delhi gilt. Und hätte die Wintour das gleiche Stückchen Stoff nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal öffentlich spazieren geführt. Und das innerhalb einer einzigen kurzen Woche.

Das wäre der Grande Dame des Modejournalismus vor Kurzem nicht mal im Traum eingefallen. Was uns das sagt? Dass es nun auch den letzten Berufsoptimisten wie Swarovski-Steinchen von ihren aufgeschickten Headsets fallen dürfte: In der Finanzkrise müssen alle den Gürtel enger schnallen – nicht nur insolvente Häuslebauer im Mittleren Westen oder nach Hause geschickte Bandarbeiter bei Daimler. Von New York bis Moskau schwant es vielen Reichen, dass sie sich ihren Lebensstil nicht mehr leisten können. In London, wo bald 70.000 von 350.000 Bankern keinen Job mehr haben dürften, werden Luxusrestaurants geschlossen, die Bestellung von Sportwagen storniert.

Trotz Rabatten bis zu 70 Prozent lief das Weihnachtsgeschäft 2008 so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr. Tipps zum Sparen und günstige Restaurants stehen in der britischen Hauptstadt hoch im Kurs. Das „Wall Street Journal Europe“ wird inzwischen nicht mehr wegen der neuesten Konjunkturprognosen, sondern wegen der Tipps für preisgünstigen Alkohol gelesen: „Wines for the times: Winners that go easy for the wallet.“ Im Grosvenor House Hotel stellten sich schon im Vorfeld des Galadinners der „International Financial Review“ die Frage, ob eine Feier im Abendkleid und Smoking noch zeitgemäß sei.

Ist es nicht. Genauso wenig wie der jüngste Auftritt Victoria Beckhams: Die Frau des britischen Fußballers David Beckham hatte sich von ihrem Gatten ein mit Diamanten übersätes Handtäschchen schenken lassen – für bescheidene 90.000 Euro.

"back to basics": Luxus hat momentan Pause

Doch wer künftig Eindruck schinden will, ist nicht mehr auf teure Handtaschen und Luxusroben angewiesen. Klassische Statussymbole haben ausgedient, die Finanzkrise befeuert den Wunsch nach dem Wesentlichen. Obstbäume statt Zuchtrosen, Winterurlaub am Hausberg im Sauerland statt Heliskiing in Kanada, Schwarzwurzeln statt Champagner heißt die Devise für das Jahr 2009 und folgende. Sehr zum Kummer der Modebranche, die auf dem Laufsteg in Sarkasmus flüchtet und bevorzugt schrille, untragbare Entwürfe vorführte. Darunter Pastoren-Halskrausen und pinkfarbene Männerstrapse, frei nach dem Motto: Wieso tragbare Langeweile schneidern, wenn sowieso keiner mehr Geld hat für überteuerte Designerkleidung? Das Schweizer Modelabel Philipp Plein, mit Showrooms von Düsseldorf bis Dubai präsent, verschickte zur Vorstellung der Herbst-/Winter-Kollektion 2009/10 eine Einladung in Pistolenform – mit der Aufforderung, vor der Anreise „eine Bank auszurauben“. Galgenhumor hat Hochkonjunktur, wenn selbst auf die Konsumlust der angeblich krisenfesten Reichen kein Verlass mehr ist.

Was ökonomisch gesehen einer Katastrophe gleichkommt, ist aber kein Beinbruch – zumindest durch die Stilbrille betrachtet. „She looked great“, schrieb Kollegin Teri vom „Wall Street Journal“ der für deren Begriffe nachlässig gekleideten Modelady Wintour hinterher. Zu Recht. Modelabels und Luxusgüter haben Pause, „back to basics“ ist das Motto allenthalben. In Zeiten der Krise besinnen sich die Bürger auf die Verlässlichkeit familiärer Beziehungen und machen es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich. Heim, Herd und Kamin werden wiederentdeckt. Man findet plötzlich Geschmack an schlichten, aber essenziellen Dingen.

Während die Deutschen noch an ihren Essgewohnheiten festhalten, kann eine große britische Supermarktkette die um 75 Prozent gestiegene Nachfrage nach Wurzelgemüse kaum mehr befriedigen. Statt teure Fertigprodukte zu kaufen, erleben Omas Eintöpfe und Suppen auf der Insel eine Renaissance. Statt um den Fernseher versammelt sich die stilbewusste krisengebeutelte Familie heute um den Feuertisch, einer Art Lagerfeuer der Postmoderne. Aber auch holzbefeuerte Öfen erfreuen sich steigender Beliebtheit – wer stört sich in Zeiten leerer Kassen noch am Feinstaub? „Ein Holzstoß im Schuppen“, heißt es im aktuellen „Zukunftsletter“ des Trendforschers Matthias Horx, „ist wie ein Sparschwein.“

Hühnerstall

Und ein Huhn im Vorgarten wie eine Garantie aufs nächste Frühstück. Allein mehr als eine halbe Million Briten soll mittlerweile eigene Hühner halten. Kein Wunder, dass sich „The Eglu“ aus knallbuntem Plastik derzeit blendend verkauft. Der Designer-Hühnerstall bietet Platz für bis zu zehn Hennen, kann komplett mit Tieren, Bio-Futter und Nistplätzen erworben werden. Er steht schon in 25.000 Gärten, in denen sich statt Zuchtrosen immer häufiger klassische Obstbäume finden. Wer isst schon gerne Blütenblätter gegen den kleinen Hunger zwischendurch?

Doch ob Holzhacken und Stricken, Kochen und Backen: Letztlich ist die symbolische Qualität eines Produkts in der westlichen Überflussgesellschaft inzwischen viel wichtiger als sein Gebrauchswert. Der Luxus des 21. Jahrhunderts, so der Medientheoretiker Norbert Bolz, sei „eigentlich objektlos“. Dieser „unsichtbare Luxus“ sucht statt des Überflüssigen das Notwendige: Aufmerksamkeit, Sinn, Ruhe, Reflexion. „Alle Branchen, die mit sichtbaren Produkten zu tun haben, wie Immobilien, Autos oder Uhren“, so Trendforscher Peter Wippermann, „gehen schwereren Zeiten entgegen als die Branchen, die mit immateriellen Dingen handeln: Gesundheit, Schönheit oder Bildung.“ Konsum materialisiert sich künftig in der Optimierung von Körper und Geist, Wohlstand in der eigenen Leistungsfähigkeit.

Nicht das dritte Prada-Täschchen zählt in der Rezession, sondern der Besuch im Wellnesshotel. Oder im Yoga-Zentrum. Toleriert wird allenfalls die Anschaffung eines Blackberry oder iPhone, für Wippermann der „Superstar der Vernetzungskultur“. Nicht demonstrativer Konsum sei das Gebot der Stunde, sondern „demonstrative Kommunikation“.

Britische Luxuswaren erschwinglich wie nie

In London findet die derzeit bevorzugt beim Pfandleiher statt – hinter den Kulissen, ganz diskret, etwa in der Blenheim Street. Nur wenige Meter abseits der Luxuseinkaufsmeile New Bond Street, nahe an Prada, Versace und Cartier, befindet sich ein kleines Geschäft mit unauffälliger Ladenfront: das Pfandhaus „New Bond Street Pawnbrokers“. Keiner jener trostlosen Orte, wo man Ehering oder Zahngold verpfändet – hier werden Diamantencolliers, teure Uhren und Luxuskarossen abgegeben.

Eine Anlaufstelle für Begüterte, die „ein temporäres Cash-Flow-Problem lösen“ wollen, wie Geschäftsführer Ian de Welsh es ausdrückt. „Wir haben in den letzten zwei Monaten rund ein Viertel mehr Kunden gewonnen.“ Ob die nächste Rate fürs Eigenheim, die Kreditkartenrechnung fürs letzte Weihnachtsshopping oder die Privatschulgebühr – in den Edelpfandhäusern kann man sich in unbegrenzter Höhe Geld ausleihen. Unter Hinterlegung der entsprechenden Sicherheit versteht sich. Wer seine Wertsachen gleich mitbringt, kann nach 30 Minuten mit Geld in der Tasche nach Hause gehen. Vor Weihnachten hat Welsh dem Eigentümer teuren Diamantschmucks eine Viertelmillion Pfund mitgegeben. Ausgeliehen wird bis zu 50 Prozent des Pfandschätzwerts. Der Kunde zahlt fünf Prozent Zinsen im Monat, die Laufzeit des Kreditvertrages beträgt maximal sieben Monate. Bis dann müssen die Wertgegenstände ausgelöst werden, andernfalls werden sie verkauft.

Des einen Freud, des anderen Leid: Denn ausgerechnet in den vergangenen Wochen entwickelte sich London für Bürger aus Good Old Europe und den USA zum Einkaufsparadies – zumindest für die, die noch Bares zu tauschen hatten: Der rapide Kursverfall des Pfundes – bis zu 30 Prozent hatte die britische Währung Ende 2008 im Vergleich zum Vorjahr eingebüßt – ließ einst teure britische Luxuswaren erschwinglich erscheinen, die Absenkung des Mehrwertsteuersatzes von 17,5 auf 15 Prozent tat ihr Übriges. Im Delikatessgeschäft Fortnum & Mason etwa kommen derzeit 70 Prozent der Kunden aus Kontinentaleuropa – die Thesen vom objektlosen Luxus ignorieren sie noch nicht mal. Lieber greifen sie, vom Shoppen ermüdet, zur Kreditklemme der süßen Art: eine neue Schokoladensorte, knusprig und mit Honig versetzt. 150 Gramm kosten rund 4,50 Euro. Ihr Name: „Credit Crunch“.

Wem das Geld für flüchtige Gaumenfreuden zu schade ist, kann sich anderweitig orientieren. Wie sagte Benedikt XVI. im vergangenen Herbst in einem Kommentar zur Finanzkrise: „Es handelt sich nur um zeitliche Güter – einzig Gott ist ewig.“

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