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Rheinland-Pfalz Das Nürburgring-Desaster

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Eiegene interessen fest im Blick Quelle: dpa

Davon wird nach der Landtagswahl am 27. März keine Rede mehr sein. Ist der Urnengang vorbei, werden die von der Regierung beauftragten Unternehmer Kai Richter und Jörg Lindner – Eigentümer des privaten Ring-Betreibers Automotive GmbH – dem Land die bittere Mitteilung machen, dass sich die Chose nicht rechnet.

„Boulevard und Veranstaltungsflächen lassen sich in der heutigen Form isoliert betrachtet nicht profitabel betreiben, das Konzept muss verändert werden“, sagen Richter und Lindner einstimmig. Geht es nach den beiden, soll 18 Monate nach Eröffnung schon wieder aufwendig umgebaut werden und ein Millionenbetrag aus der Landeskasse fließen. Der rheinland-pfälzische FDP-Spitzenkandidat Herbert Mertin würde „so ein Projekt“ am liebsten „einfach einstellen, schließen, aufhören“.

Mertin denkt dabei an den sogenannten Freizeitpark Ring-Werk, zu dem eine Indoor-Erlebniswelt rund ums Thema Auto gehört und die defekte Achterbahn Ring-Racer. Der komplette Ring-Entertainment-Komplex sollte 500 000 Besucher im Jahr locken. Längst schraubte Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) die Erwartung auf 170 000 herunter. Wie viele Neugierige 2010 tatsächlich kamen, können Richter und Lindner angeblich nicht genau sagen, weil die elektronische Erfassung der Besucher erst seit einigen Monaten funktioniere und das Geschäft mit Reisegruppen die Rechnung verkompliziere.

Wie ein Freibad im Winter

Zwar soll es von Juni an mehr Leben auf den zugigen Eifel-Höhen geben, wenn der TÜV die Inbetriebnahme der Achterbahn erlaubt, die seit der Fertigstellung 2009 nach zwei Unfällen bei Testfahrten eingemottet wurde. Wann die Freigabe wirklich kommt, ist jedoch offen. Selbst wenn es klappt, wird der Ring-Racer zumindest im ungemütlichen Eifel-Winter kaum mehr Besucher anlocken als ein Freibad.

Verantwortlich für das Eifel-Debakel ist letztlich Beck. Zu lange ließ er den für die Finanzierung des Projekts „Nürburgring 2009“ zuständigen Finanzminister Ingolf Deubel gewähren und überhörte alle Warnsignale. Becks Parteifreund hatte sich bei seiner Suche nach Privatinvestoren auch auf windige Geschäftemacher eingelassen.

Heftig umstritten ist selbst der Mann, der heute die Wende zum Guten schaffen soll: Automotive-Gründer Richter. Als Deubel noch händeringend versuchte, Privatinvestoren zu gewinnen, tauchte 2007 der smarte Düsseldorfer als Inhaber einer kleinen Projektentwicklungsfirma namens Mediinvest auf. Deubel glaubte dem eloquenten Rheinländer mit rund 700 000 Euro Jahresumsatz, er könne für einen Teil der Investitionen 80 Millionen Euro an Investorengeldern herbeischaffen. Doch am Ende war das nicht viel mehr als eine Luftnummer, musste das Land Richter 85 Millionen Euro geben, um ein Vier- und ein Drei-Sterne-Hotel, das Partydorf „Grüne Hölle“ sowie ein Feriendorf mit 100 Häusern zu bauen.

„Die Mediinvest verfügte zu keinem Zeitpunkt über ein gesichertes Konzept zur langfristigen Finanzierung ihrer Investitionen“, urteilte der Landesrechnungshof später. Die landeseigene Nürburgring GmbH – deren Aufsichtsratschef Becks Finanzminister war – habe sich „nicht mit der notwendigen Sorgfalt über Finanzkraft und Bonität der Gesellschaft unterrichtet“, bevor sie sich mit Mediinvest einließ.

Für die schönen neuen Bauten brachte der vermeintliche Investor auch gleich einen Nutzer mit: die renommierte Düsseldorfer Hotelkette Lindner und in ihrem Schlepptau Jörg Lindner, einen von fünf Söhnen des Gründers und Seniorchefs Otto Lindner. Richters Partner ist Chef der zum Familienunternehmen gehörenden Finanzierungsgesellschaft Gebau. Weder Landesvater Beck noch sonst jemanden in Mainz störte, dass Gebau negative Schlagzeilen machte und im Clinch mit Anlegern liegt, weil rund ein Dutzend der 55 von der Gebau aufgelegten geschlossenen Medico-Immobilienfonds in Schwierigkeiten steckt.

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