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Richard Branson Hippie-Kapitalist Branson will auch noch Banker werden

Der britische Hippie-Kapitalist Richard Branson hat beste Chancen, jetzt auch noch Banker zu werden. Klappt der Coup, winkt ihm ganz viel Geld.

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Legastheniker, Schulabbrecher, Weiberheld, Spaßmacher, Ballonfahrer, Abenteurer, vor allem aber Unternehmer, Unternehmer und Unternehmer – Richard Branson was noch? In Madame Tussauds Wachsfiguren-Kabinett, wo ihn Touristen und Schulkinder bewundern, ist der Ausnahme-Brite längst präsent. Der Pop-star unter den Entrepreneuren bedient beinahe im Wochenrhythmus die TV-Medien seines Heimatlandes: mit offenem Hemdkragen und Pullover, die ergrauten und inzwischen blondierten Haare bis fast bis auf die Schultern, zwischen Kinn- und Schnurrbart zwei Reihen makellos weißer Zähne.

Jetzt will der 57-jährige Tausendsassa auch noch Banker werden, ein richtig feiner Geldadliger. Neuerdings steht Britanniens Hippie-Unternehmer an der Spitze einer Investorengruppe, die jenen britischen Baufinanzierer Northern Rock übernehmen möchte, der von der weltweiten Finanzkrise schwer getroffen wurde. Branson will Northern Rock mit seinem Finanzdienstleister Virgin Money verschmelzen. Bis zum 4. Februar haben Interessenten Zeit, ihre Rettungsvorschläge für die Bank vorzulegen. Branson, den die Regierung zum „bevorzugten Kandidat“ gekürt hat, scheint die besten Chancen zu haben.

Sollte er bei Northern Rock zum Zuge kommen, dann kann er sich schon jetzt freuen. Die Finanzspritze von 25 Milliarden Pfund (32 Milliarden Euro), welche die Regierung dem Hypothekeninstitut in Newcastle im Herbst gewährte, soll in staatlich garantierte Anleihen umgewandelt und nicht dem künftigen Besitzer aufgebürdet werden. Damit bliebe es dem Privatunternehmer Branson erspart, 10 bis 15 Milliarden Pfund am Kapitalmarkt aufzunehmen, während die öffentliche Hand noch jahre- lang Northern-Rock-Risiken tragen müsste. „Das Paket scheint eine gute Basis zu bieten“, sagte Branson, der gerade mit Premierminister Gordon Brown in China und Indien unterwegs war. Damit kann er hoffen, mit relativ geringem Kapitaleinsatz schnell große Gewinne zu machen.

Das war schon immer Bransons oberste Maxime. Der Selfmademan mit dem breiten Grinsen, der im Alter von 17 Jahren ein lukratives Studentenmagazin gründete, später das coole Plattenlabel Virgin lancierte und 1984 die Airline Virgin Atlantic gründete, ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Er ist seit 30 Jahren im Geschäft, ungefähr so bekannt wie die königliche Familie, aber dreimal so populär. Medienwirksam weiß er sich immer wieder in Szene zu setzen – und fast immer ist das rote Firmenlogo seiner Virgin Group im Hintergrund.

Branson ist Milliardär, besitzt seine eigene Insel und herrscht über ein Firmenimperium, das aus 200 Unternehmen in 30 Ländern besteht, 55 000 Menschen beschäftigt und im Jahr rund 25 Milliarden US-Dollar umsetzt, umgerechnet 17 Milliarden Euro. Als Chef von Virgin Atlantic hat er die mächtige Fluggesellschaft British Airways das Fürchten gelehrt, er verkehrt mit Regierungschefs, berühmten Schauspielern und Popstars. Dabei wirkt er so unkonventionell, locker und lustig, dass man ihn spontan auf ein Bier im Pub einladen möchte. „Nennt mich einfach Richard“, sagt er seinen Angestellten, und das, obwohl ihn Königin Elizabeth im Jahr 2000 geadelt hat und er jetzt offiziell Sir Richard heißt. „Ich gebrauche meinen Titel nur, um im Restaurant einen Tisch zu buchen“, sagt er augenzwinkernd.

Zuletzt machte der Endfünfziger außerirdisch Schlagzeilen. In New York stellten er und seine zweite Frau Joan das erste Modell eines Raumschiffes vor, mit dem seine Firma Virgin Galactic künftig Touristen in den Weltraum befördern soll. Passagiere werden von 2010 an für umgerechnet knapp 140 000 Euro eine Stippvisite im All machen können. Dort werden sie einige Minuten Schwerelosigkeit und spektakuläre Ausblicke erleben können.

Für Northern Rock interessiert sich Branson seit einigen Monaten. Das Geldhaus war im Sommer in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, wenige Wochen danach stürmten besorgte Kunden die Bank und wollten ihre Ersparnisse abheben. Der Baufinanzierer gilt als Bank der kleinen Leute, das passt gut zu Bransons Image, der sich gerne als Anwalt der Verbraucher darstellt. Umso mehr wird er versuchen, aus Nor-thern Rock und seinem eigenen Finanzdienstleister Virgin Money, der 2006 einen vergleichsweise geringen Gewinn von zehn Millionen Pfund (gut 13 Millionen Euro) abwarf, eine Erfolgsgeschichte zu machen.

Virgins Pläne zur Rettung der Bank sind bisher nur in Umrissen bekannt. Fest steht, dass der britische „Hippie-Kapitalist“ sich – wie so oft in den vergangenen Jahren – starke Partner mit ins Boot geholt hat. „Branson und seine Virgin Group setzten seit Langem auf Joint Ventures als strategisches Mittel zur Expansion in neue Geschäftsfelder“, sagt Robert Grant, Managementprofessor an der Georgetown University in Washington. Angeblich will das Konsortium, zu dem vermutlich die Citigroup, die Royal Bank of Scotland und die Deutsche Bank gehören, rund 1,3 Milliarden Pfund neues Kapital einschießen; zudem soll Northern Rock neue Aktien ausgeben. Fest steht auch, dass Branson, der Anzüge und Krawatten hasst, seinen legeren Kleidungsstil auch künftig beibehalten kann. Denn die operative Führung von Northern Rock will er im Falle einer erfolgreichen Übernahme in die Hände anderer legen: Jayne-Anne Gadhia, die Chefin von Virgin Money, soll das Tagesgeschäft leiten, der 75-jährige ehemalige Vorstandschef der Lloyds Bank, Brian Pitman, ist als Aufsichtsratschef vorgesehen.

Die eigentliche Arbeit überlässt Branson gerne anderen. Zu ihnen gehört Steve Ridge--way, der den Goldesel des Branson-Imperiums führt, die Fluglinie Virgin Atlantic. Ridgeway ist ein sportlicher Herr, der beim Händedruck und auch sonst ein wenig an Ex-Militärs erinnert und alle Details kennt, seinem Chef aber nie das Rampenlicht stehlen würde. „Je größer und diversifizierte die Virgin Gruppe wurde, desto mehr wurde Branson zum charismatischen Anführer, und desto weniger war er Manager“, sagt Professor Grant.

Indem Branson sich auch bei Northern Rock nicht ins Tagesgeschäft einmischen wird und deshalb auch keine Banklizenz beantragen muss, verhindert er gleichzeitig, dass peinliche Ereignisse aus seiner Vergangenheit aufgewärmt würden. So zum Beispiel der Fall von Zollbetrug und Steuerhinterziehung im Jahr 1971, der dem damals 21-jährigen Gründer eines Direktversandes für Schallplatten eine Nacht in einer Polizeizelle und eine Geldstrafe von 20.000 Pfund bescherte. „Ich hatte immer gedacht, dass nur Kriminelle verhaftet werden, und nie war mir bewusst, dass ich selbst einer geworden war“, schrieb Branson später in seiner Autobiografie mit dem Titel „Wie ich meine Jungfräulichkeit verlor“. Dabei hatte ihm schon sein ehemaliger Schuldirektor prophezeit: „Du landest entweder im Gefängnis oder du wirst Millionär.“

Branson, der trotz seiner gutbürgerlichen Abstammung – er ist Sohn eines Anwalts und einer Stewardess und spricht den unverkennbaren Akzent britischer Privatschulabsolventen – stets damit kokettierte, ein Rebell zu sein, gehört längst zum Establishment. In seinem schneeweißen Privathaus im edlen Londoner Stadtteil Holland Park mag er es trotz seines unkonventionellen Äußeren klassisch gediegen. Das lange Wohnzimmer zieren dicke Teppiche, cremefarbene Tapeten und ein großer Flügel voller schwerer Silberrahmen mit Fotos, die den Hausherren mit Berühmtheiten und Familienmitgliedern zeigen.

Im Gespräch wirkt Branson immer so entspannt, wie es seinem Image als Sonnyboy geziemt. Doch richtig locker ist er nicht. Freundlich gibt er die Hand und bevor er sich in die tiefen Polster fallen lässt, schiebt er noch rasch die Kissen beiseite. Dann lächelt er unentwegt, selbst wenn er sich an eine der Krisen seines Imperiums erinnert. Doch so freundlich die Mundwinkel den Bart auch nach oben ziehen – weil seine Augen nicht recht in die Gestik einstimmen –  wirkt das Lachen immer ein wenig aufgesetzt und mechanisch.

Dazu passt die Verschlossenheit bei Bransons Unternehmensholding Virgin Group, einem komplizierten Geflecht aus Firmen in rund 30 Branchen in 30 Ländern. Neben Fluglinien, Reiseunternehmen, Mobilfunk, Biokraftstoffen, dem Finanzdienstleister Virgin Money gehören auch Engagements in der Fitness- und Freizeitbranche, ein Radiosender und eine Beteiligung an einem Fernsehsender dazu, außerdem Bahngesellschaften, Mega-stores, Virgin Cola und andere Getränkemarken, und das ist längst nicht alles.

Branson steuert sein unübersichtliches Reich vorzugsweise über eine Vielzahl steuersparender sogenannter Offshore-Trusts. Die Beteiligungsverhältnisse an diesen Firmen sind oft unklar. Die Fluggesellschaft Virgin Atlantic, an der Virgin 51 Prozent und Singapore Airlines 49 Prozent halten, gehört zu den tragenden Säulen des Imperiums. Immer wichtiger wird außerdem das Geschäft mit Fitness und Gesundheit, wo Virgin in Großbritannien demnächst in private Arztpraxen investieren wird. Nach der Übernahme der Fitnesskette Holmes Place im Jahr 2006 wird der Wert der Virgin-Beteiligung in dieser Sparte inzwischen auf 530 Millionen Pfund (rund 710 Millionen Euro) geschätzt – „der Wert übersteigt die 51-Prozent-Beteiligung an Virgin Atlantic“, schrieb kürzlich die „Financial Times“.

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