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Riskante Expansion Billigriese Netto lehrt die Discounter das Fürchten

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Brot-und-Butter-Geschäft

Keine Frage, Netto hat mit seinem Regime das Zeug, Lidl auch wegen des fragwürdigen Umgangs mit Beschäftigten Konkurrenz zu machen. So erhielten Verkaufsleiter aus der Region Verden in Niedersachsen im März eine E-Mail ihres Gebietsleiters mit der Betreffzeile: "Meldung kritisch beurteilter MA“, MA steht für Mitarbeiter. In dem Schreiben heißt es: "Sie hatten von mir die Aufgabe gestellt bekommen, Ihren Mitarbeiterstamm kritisch zu prüfen und mir die drei problematischsten MA in einer Übersicht zu melden." Und weiter: "Ergänzen Sie diese Meldung bitte um die konkret von Ihnen geplanten Schritte, wie Sie die Freisetzung erreichen wollen."

Wenig später folgte der nächste Brandbrief: "Die Personalkostenlage in unserem Gebiet ist nach wie vor katastrophal [...] Definieren Sie für Ihren Bezirk daher jeder 10 kurzfristig einzusteuernde Maßnahmen", um "die Kosten zu senken". Diese Maßnahmen würden Mitarbeitergespräche zur Stundenreduzierung beinhalten ("meist mehrfach nötig"), zudem sollten alle befristeten Verträge auslaufen, teure Überstunden von Marktleitern seien ohnehin "verboten!". Schließlich müsse die "Umbesetzung von Problemmitarbeitern in Filialen", erfolgen, "bei denen Sie die Unterstützung des ML (Marktleiters) haben, um eine Freisetzung zu unterstützen".

Mit dem Rücken zur Wand

Im Klartext: Zu teure oder unliebsame Mitarbeiter sollten in Märkte abgeschoben werden, in denen sie gezielt gemobbt werden können, bis sie aufgeben und gehen. So zumindest interpretiert einer der Empfänger den Inhalt der E-Mail.

Netto-Chef Pröls bestreitet dies. Es habe keine Anweisungen gegeben, Beschäftigte aus dem Unternehmen zu drängen. Dass "Vorgesetzte in Einzelfällen über die Stränge schlagen", sei bedauerlich, lasse sich bei der Größe des Unternehmens aber nicht immer vermeiden.

Offenbar aber stehen einige Gebietsverkaufsleiter selbst derart unter dem Druck der Zentrale, dass sie mit ihren Untergebenen alles andere als fein umgehen. "Wir stehen hier mit dem Rücken zur Wand und müssen uns massiv bewegen", schreibt einer von ihnen, "bevor wir keine Gelegenheit mehr dazu haben." Auch ein "Leitfaden" der Zentrale mit Datum 9. September 2009 deutet darauf hin, dass die Verkaufsleiter angehalten wurden, Filialmitarbeiter von einer "Reduzierung der vertraglichen Arbeitszeit" zu überzeugen. Weigerten sich Filialmitarbeiter, sollte ihnen die Arbeitszeitreduzierung "als Alternative zu Versetzungen" erklärt werden – eine klare Drohung, bei Ungehorsam vielleicht in einen entlegenen Laden versetzt zu werden.

Offenbar ist in der Zentrale in Ponholz von der miesen Stimmung inzwischen so viel angekommen, dass zumindest die Verkaufsleiter entlastet werden sollen. Sie sind künftig nur noch für sechs Läden zuständig, bisher waren es bis zu acht. Auch die Ebene der Gebietsverkaufsleiter, über deren Abschaffung im Unternehmen spekuliert wurde, werde nicht angetastet, versichert Netto.

Das ändert aber nichts daran, dass in den einzelnen Läden die Angst vor der Zentrale zum Greifen ist. Denn Netto-Chef Pröls stattet mindestens 20 Netto-Läden pro Woche persönlich einen Besuch ab, Alarmstimmung ist garantiert.

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