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Rohstoffexperte Grillo "Es ist riskant, was China derzeit macht"

Ulrich Grillo, Vorsitzender des Rohstoffausschusses beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), über den drohenden Mangel an Metallen, Chinas Blockadepolitik und Gefahren für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Ulrich Grillo, Miteigentümer des Zink-Verarbeiters Grillo-Werke in Duisburg Quelle: Catrin Moritz für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Grillo, mit der Wirtschaftskrise sind die Rohstoffpreise stark gefallen. Warum warnen Sie als Vorsitzender des Rohstoffausschusses im Bundesverband der Deutschen Industrie, kurz: BDI, in einer solchen Situation vor Knappheit?  

Ulrich Grillo: Weil das eine reale Gefahr ist. Fast alle Rohstoffpreise sind trotz der Krise schon wieder deutlich angestiegen. Einige Rohstoffe wie die Hightech-Metalle der sogenannten Seltenen Erden werden bereits knapp. Bei anderen wie Chrom oder Platin sind die Engpässe absehbar.    

Aber bei vielen Metallen reichen die Vorräte auch beim heutigen Verbrauch noch für Jahrhunderte.  

Das ist geologisch betrachtet richtig. Trotzdem kommt es zu Verknappung, weil einige Länder zunehmend den Zugang beschränken. China etwa investiert weltweit -zig Milliarden in Minen oder Hütten, hortet Metalle und behindert den Handel.    

Deshalb hat die Welthandelsorganisation gerade ein Verfahren eingeleitet. Löst das nicht Ihr Problem?  

Das ist ein wichtiger erster Schritt. Das Verfahren muss zu einer deutlichen Absenkung der chinesischen Ausfuhrzölle und mehr Wettbewerb führen. Aber noch ist nichts entschieden. Und so lange ist das Problem akut und setzt die deutsche Industrie unter Druck.    

Inwiefern? Fürchten Sie höhere Preise?  

Wenn alle die gleichen hohen Preise zahlen, ist das in Ordnung. Es ist unsere Aufgabe als Unternehmer, damit klar zu kommen...    

... worin liegt dann Ihr Problem?  

Dass unsere Konkurrenten aus Fernost aufgrund von Handels- und Wettbewerbsverzerrungen weniger zahlen als wir. Richtig gefährlich wird es, wenn wir irgendwann an wichtige Metalle überhaupt nicht mehr herankommen, zu welchen Preisen auch immer. Dann gibt es Versorgungslücken. Nur wenige Metalle können wir durch andere Stoffe ersetzen. Die deutsche Industrie kann die Lithium-Ionen-Batterie für ihre Elektromobile nur bauen, wenn sie Lithium hat. Zudem braucht sie dafür beispielsweise 65 kg Kupfer pro Fahrzeug mehr als bisher    

Dann kaufen die Autohersteller die Akkus eben im Ausland wie wir unsere Turnschuhe und T-Shirts.  

Wenn es nur um Akkus ginge, wäre das noch in Ordnung. Aber das Problem ist größer. Wenn wir in Deutschland nichts gegen den künstlichen Mangel bei wichtigen Rohstoffen tun, bricht die gesamte Wertschöpfungskette. Dann schrumpfen unsere Industrie mit Millionen von Arbeitsplätzen und damit ist unser Wohlstand und der soziale Frieden gefährdet.    

Welche Branchen werden den Rohstoffmangel als erste spüren?  

Zukunftstechnologien wie Elektroautos, Medizintechnik oder erneuerbare Energien. Ohne genug Kupfer, Lithium oder Tantal werden die Akkus, Motoren, Kernspintomographen oder Solaranlagen nicht mehr bei uns, sondern anderswo gebaut. Darunter leidet die Forschung. Wer das Material nicht hat, kann nur schwer neue Produkte entwickeln undf neue Märkte erschließen. Damit verlieren wir unser Wissen und die Zukunftsfähigkeit. Das braucht eine politische Lösung.    

Sie kritisieren vor allem die Rohstoffpolitik Chinas. Aber haben denn Deutschland und andere Länder bei ihrer Industrialisierung nicht zu ähnlichen oder schlimmeren Mitteln wie Kolonialismus gegriffen?  

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Faktum ist: Es ist riskant, was China derzeit macht.    

Die Europäische Agrarpolitik betreibt ähnliches, nur umgekehrt. Sie baut mit Subventionen Überkapazitäten auf, wirft die Überschüsse zu Kampfpreisen auf den Weltmarkt und zerstört Agrarproduktion in anderen Ländern. Wie können wir da China kritisieren?  

Die EU-Agrarpolitik hilft uns sicher nicht, mehr Freihandel zu erreichen. Als Waffe gegen bestimmte Branchen und Regionen nutzt die EU die Agrarsubventionen nicht. 

Welche Rolle spielen illegale Müllexporte oder exzessiver Naturschutz in Deutschland für die Versorgung der hiesigen Industrie mit Rohstoffen?  

Das hat für uns eine ähnliche Bedeutung wie Handelsbeschränkungen. Wir Deutschen sind da manchmal schon ein bisschen merkwürdig. Da haben wir nun Ressourcen im Land. Und dann nutzen wir sie nicht richtig.    

Woran denken Sie dabei?  

Nehmen wir das Beispiel Metallschrott. Deutschland hat die beste und effizienteste Recyclingindustrie der Welt. Würden wir nicht bereits gut die Hälfte unseres Kupfer- oder Eisenschrotts wiederverwerten, hätte die deutsche Industrie schon heute Versorgungsprobleme. Aber auch die Recyclingindustrie ist gefährdet, wenn sich andere Länder neben den Erzen auch noch den Schrott sichern.    

Sie hätten also gerne, was Sie China vorwerfen: Exportkontrollen?  

Wir wollen Fair Play. Wir sind natürlich grundsätzlich skeptisch bei zusätzlichen Auflagen oder Kontrollen. Aber Sie können unsere Ausfuhrregelungen nicht mit den chinesischen vergleichen. China steuert ganz gezielt seine Wertschöpfungskette - bei Bedarf auch mit handelsverzerrenden Maßnahmen. Deutschland sollte daher die vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten nutzen und zum Beispiel bei Metallschrott einschreiten. Die EU-Abfallverbringungsverordnung bietet dazu bereits heute die Möglichkeit.     

Hat die Bundesregierung das Thema auf dem Radar?  

Mittlerweile ja. Wir hatten im Jahr 2007 einen BDI-Rohstoffkongress mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. In der Folge wurde der Interministerielle Ausschuss Rohstoffe gegründet. Die EU startete ebenfalls eine Rohstoffinititaive. Zudem ist das Thema im neuen Koalitionsvertrag wörtlich erwähnt. Jetzt kommt es darauf an, dass auch etwas geschieht. Wir brauchen Lösungen - und zwar rasch.    

Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung konkret?  

Rohstoffpolitik ist ein ressortübergreifendes Thema. Dazu gehört, dass unsere Politiker stärker als bisher Probleme auch bilateral in den Ländern ansprechen. Zudem gilt es, die Zusammenarbeit des Auswärtigen Amtes, des Wirtschafts- und des Entwicklungshilfeministeriums zu stärken. Noch setzen die Ministerien gegenüber Gesprächspartnern aus anderen Ländern häufig unterschiedliche Schwerpunkte. Hier brauchen wir mehr Konsistenz, auch auf europäischer Ebene. Bei der Versorgung mit Rohstoffen sitzen alle europäischen Ländern in einem Boot. Bisher gibt es hier zu viele Gegensätze auf nationaler und europäischer Ebene, und die spielen andere Staaten wie etwa die Chinesen gegeneinander aus. Andere Länder sprechen mit einer Stimme und betreiben eine Politik. Das muss uns auch gelingen. Machen wir uns nichts vor, wenn die Entwicklung so weiter geht, droht eine Rohstofflücke, die unsere Zukunftsfähigkeit gefährdet. Dem muss die Regierung mit allen Mitteln politisch zuvorkommen.    

Das passiert nicht?  

Noch nicht genug. Die deutsche Industrie wollte bei einem Besuch einer chinesischen Delegation in Deutschland das Thema Rohstoffpolitik auf die Tagesordnung setzen lassen. Das haben die Chinesen abgelehnt und sind damit durchgekommen.    

Fürchten Sie nicht, Deutschland könnte es sich bei den wirtschaftlich immer mächtigeren Chinesen verscherzen?  

Wir Deutsche brauchen uns nicht zu verstecken. Wir haben eine Menge zu bieten, das die Chinesen gerne hätten, unsere Technologie und unser Wissen. Die Chinesen möchten auch an öffentlichen Ausschreibungen bei uns teilnehmen. Da müssen wir stärker als bisher sagen, wenn ihr das wollt, müsst ihr uns auch entgegen kommen. Denn die Erfahrung zeigt, von China bekommen wir nur etwas zum Zeitpunkt der Verhandlungen. Danach ist es zu spät.

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